Harzer Grauwacke wird zum Zankapfel in der Nordharzregion

Aufbereitungsanlagen im Steinbruch Rieder
 
Silo und Lagerhalden der aufbereiteten Grauwacke
 
Auf diese imposante Größe ist der Tagebau im Eulenbachtal angewachsen
 
Terassenabbau im Schotterwerk in Rieder
Im Wiedervereinigungsprozeß der beiden deutschen Staaten galt für die staatliche Forstwirtschaft der ehemaligen DDR, Wald, der vor der Bodenreform privat war, sollte auf dem Wege des Verkaufs auch wieder privatisiert werden.
Mit den Verkaufsabwicklungen war die Treuhandanstalt betraut wurden. Die Treu-handanstalt war eine in der Spätphase der DDR gegründete bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts in Deutschland, deren Aufgabe es war, die Volks-eigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen der Marktwirtschaft zu privati-sieren oder stillzulegen… (Quelle Wikipedia)
Wirtschaftskriminalität und Fördermittelmißbrauch führten 1994 zur Schließung der Anstalt.
Bei allen Verkäufen von Staatswald sollte das Nachhaltigkeitsprinzip der Forst-wirtschaft beachtet werden. „Nachhaltige Bewirtschaftung bedeutet die Betreuung von Waldflächen und ihre Nutzung auf eine Weise und in einem Maß, dass sie ihre Produktivität ihre Verjüngungsfähigkeit und Vitalität behalten oder verbessern.“ (Quelle Wikipedia)
Auch das Waldstück an den Ballenstedter Rehköpfen wurde durch die Treuhand verkauft.
Ein Kaufinteressent, der in 5km Entfernung einen Grauwackesteinbruch betreibt, dessen Kapazität zu Ende geht und der weiß, das unter dem wertvollen Baumbe-stand an den Rehköpfen hochwertige Grauwacke liegt, bekam den Verkaufszu-schlag. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

So wurden damals auf legalem Weg die Weichen für die jetzt so bitteren Folgen für die Landschaft und deren Natur, für die Stadt Ballenstedt und die Nordharzregion gestellt, denn im 1. Entwurf des Landesentwicklungsplanes Sachsen-Anhalt 2010 steht unter XXII. Hartgestein Ballenstedt-Rehköpfe folgendes:
„Im Bereich des Harznordrandes wurden hier Grauwacken nachgewiesen,… die die Herstellung hochwertiger gebrochener Gesteinskörnungen erlauben, die im Straßenbau über Sachsen-Anhalt hinaus auch in Zukunft dringend benötigt werden. Ein Aufschluss dieser Lagerstätte soll den Tagebau Rieder ersetzen, der kurzfristig erschöpft sein wird.
Trotz der Sensibilität des Standortes Harz mit den Hauptnutzungszielen Natur und Landschaft sowie Tourismus wird der Rohstoffnutzung an diesem Standort der Vorrang eingeräumt, um die im Landesinteresse liegende, durchgehende Versorgung mit qualitätsgerechten Hartgesteinen abzusichern.“

Steinbrüche sind für die Wirtschaft unverzichtbar. Das ist unumstritten, man kann sie nur dort anlegen, wo es auch entsprechende Lagerstätten gibt, und die liegen nun einmal im Gebirge, auch das ist unstrittig. Im Harz gibt es mehrere Grauwacke-vorkommen.
1966 begann man mit dem Abbau der Grauwacke im Eulenbachtal. Die Gemeinde Rieder, auf deren Territorium sich der Steinbruch befindet, hat sich mit den Abbauwidrigkeiten arrangiert, seit Jahrzehnten wird hier inzwischen Grauwacke abgebaut. Auf dem etwa 50ha großen Gelände wurden ca. 60 Millionen Tonnen Abraum und Gestein bewegt. Etwa 25 Arbeitskräfte sind hier direkt beschäftigt, dazu kommen diverse Transportunternehmen und andere Dienstleister, die vom Steinbruch leben.
Terrassenförmig wird die Grauwacke aus der Felswand gesprengt, in den Brechern auf die geeignete Korngröße gebracht und in Silos bez. auf Halde gelagert. Durch Veränderung der Sprengmethoden nach der Wende sind Lärm, Erschütterungen und Staub sehr minimiert wurden.
Das wird auch im Werbeprospekt Geopark Harz so gesehen, denn dort wirbt man:„Trotz seiner inzwischen bedeutenden Ausmaße ist der Gewinnungsbetrieb aber so angeordnet, dass er die Erholungseignung des Naturparkes Harz nicht beeinträchtigt.

Zum Schutze des Waldes gibt es gesetzliche Sicherungssysteme, in unserem Land das Bundeswaldgesetz. Eine Verordnung daraus verlangt, dass für entzogene Waldflächen infolge einer Nutzungsartenveränderung, an anderer Stelle durch den Verursacher, Ersatzaufforstungen zu leisten sind.
Eine Umsetzung dieser gesetzlichen Forderung erfolgte erstmals 1996 durch die Aufforstung einer bis dahin durch die Agrargenossenschaft Rieder als Grünland genutzte Fläche zwischen dem Fürstenweg und der Landstraße Rieder / Ballenstedt. Auf der 9.5 ha großen Fläche wurden 65 400 Bäume und 6 25o Sträucher gepflanzt, (Siehe Rockstedt, Gerhard: Das Riesenloch im Anhaltisch Unterharzer Eulenbachtal in „Unser Harz“ Jahrgang 2002/03)

In Vorbereitung meines Berichts habe ich mit Herrn Jung und Herrn Luttmann zwei leitende Angestellte der Mitteldeutschen Baustoff GmbH sprechen können und habe in ihnen zwei engagierte Bergleute kennen gelernt, die ihren ganzen Berufsstolz daran setzen, einen guten umweltfreundlichen und ökologischen Bergbau zu betreiben.
Im Schotterwerk Rieder ist ihnen das bereits in sehr beachtlicher Weise gelungen. Da in Rieder nur noch etwa 10 Jahre Grauwacke abgebaut werden kann, macht man sich Gedanken, wie es weitergehen kann.

Da war ja dieses von der Treuhand erworbene 67 ha große Waldgebiet auf den Ballenstedter Rehköpfen, das seit langem auf seine eigentliche Nutzung wartete. Eine politische Vorentscheidung, die dieses Waldstück zum Vorzugsgebiet für den künftigen Gesteinsabbau machte, wurde gegen den Widerstand von mehr als 5600 Ballenstedter Bürger auf einer Regionalversammlung mit nur einer Stimme Mehrheit durchgesetzt.

Strittig ist der Transportweg des in Ballenstedt zu fördernden Gesteins, denn die Aufbereitungstechnik in Rieder soll weiter genutzt werden.
Sie wurde inzwischen durch einen 4,5 Millionen teuren Schüttgutverladebahnhof in Quedlinburg ergänzt, von dem jährlich 200 000Tonnen Kies aus Ditfurt und Splitt aus dem Schotterwerk Rieder auf dem Schienenweg überregional geliefert werden können.

Der Transport von den Rehköpfen per LKW erfordert befestigte Straßen, kostet zusätzliches Waldfläche, zerschneidet zusammenhängende Waldgebiete, würde die Stadt Ballenstedt mit zusätzlichen, nicht unerheblichen Lkw - Verkehr belasten und ist daher unökonomisch und umweltfeindlich, - eine schlechte Wahl.

Deshalb gibt es Überlegungen, die Grauwacke über ein Transportband nach Rieder zu transportieren. Damit würde sich der Aufwand im Ballenstedter Abbaugebiet auf ein Bohrgerät, ein Gewinnungs - und Transportgerät und einen mobilen Backenbrecher, um die Grauwacke in die transportfähige Größe zu brechen, reduzieren.
Sprengungen gäbe es ein - bis zweiwöchentlich an Werktagen.

Eine hochmodernen Materialtransportanlage, die der Marktführer im Seilbahnbau, die Firma Doppelmayr bauen soll, sieht vor, 7 Stützen, die in einem Abstand von 500 bis 800 Metern gesetzt werden, zu errichten, die 6 feststehende, geradlinig gespannte Seile tragen.
Zwischen denen läuft ein Endlostransportband, um Abraum und Gestein nahezu geräuschlos mit einer Bandlaufgeschwindigkeit von 2 m/s zu befördern.
Damit könnten 500 Tonnen pro Stunde mit nur 60KW Antriebsleistung, das ist ein Bruchteil des Aufwands bei Straßentransport, befördert werden.
Eine Haubenabdeckung schützt das Transportgut vor Wettereinfluß, das Band könnte über oder zwischen den Baumwipfel laufen und ist durch eine besondere Technologie davor gesichert, auf dem Transportweg Ladung zu verlieren.

Der Abraum, der bei der Erschließung der neuen Lagerstätte in Ballenstedt entsteht, würde durch den Bandtransport nach Rieder zur Renaturalisierung dort nicht mehr genutzter Flächen im Steinbruch verwandt werden.
Damit könnte der Renaturalisierungsprozeß im Schotterwerk begonnen werden. Diese Transportlösung kostet der Mitteldeutsche Baustoff GmbH einen zweistelligen Millionenbetrag.
Zudem hat sich das Unternehmen bereit erklärt, für das zu rodende Waldgebiet des neuen Abbaugeländes 150 ha Ersatzforstung vorzunehmen.

Was hätte das doch recht schlüssig klingende Vorhaben für Ballenstedt und seine Bürger zur Folge?

Ballenstedt bekam erst kürzlich das Prädikat „Anerkannter Erholungsort“ verliehen, dazu waren unter anderem strenge Auflagen hinsichtlich Luftreinheit und Lärmbelastung einzuhalten.
Der neue Steinbruch wäre nur 1,2 km entfernt und könnte diesen Titel gefährden.

In etwa dieser Entfernung zum Steinbruch läge das renommierte Klinikum für Lungenkrankheiten, in das über 21 Millionen € in neue Medizintechnik investiert wurden.
Staubbelastungen, verursacht durch Sprengungen im Steinbruch, wären sehr kontraproduktiv für eine weitere Standortentwicklung des Krankenhauses.

Die wichtigste Lebensader der Stadt ist der Tourismus und dazu sind der Wald, seine ausgedehnten Wanderwege durch zusammenhängende Waldgebiete und die Naturschutzgebiete unverzichtbares Kapital.

Ungeklärt sind auch die Folgen für den Grundwasserspiegel in den umliegenden Waldgebieten.

In diesem Gebiet gab es jahrhundertelang einen in unterirdischen Gruben betriebe-nen Kohleabbau, von denen keine genauen bergbautechnischen Unterlagen existieren.
Durch den Tagebaubetrieb im Steinbruch befürchtet man Gefahren durch abrutsch-ende Erdmassen. Die Katastrophe im nahegelegenen Nachterstedt ist allen noch gegenwärtig.

Ballenstedt hat durch seine Anbindung an die anhaltinische Geschichte auch ein entsprechendes kulturvolles Flair erworben.
Schloß, Schloßtheater, Schloßpark, Großer Gasthof und Museum sind beliebte Touristenziele, Ballenstedt wird als Wiege Anhalts bezeichnet, 800 Jahre Geschichte der Askanier wurde 2012 gefeiert.

All dies trägt dazu bei, dass der Tourismus in und um Ballenstedt so attraktiv ist.
Im Harz lebt nun mal die Mehrheit der Menschen vom Wald und mit dem Wald, deshalb ist der Wald eine unumstrittene und zu erhaltende Existenzgrundlage für die hier ansässige Bevölkerung und deren Arbeitsplätze.

Die Stadträte, die Vertreter des Harzklubs, Tourismusvertreter und der Arbeitskreis Bürger für Ballenstedt haben vielfältige Aktionen zur Abwendung der Ansiedlung des Grauwackebergbaus mobilisiert.
So erbrachte eine Unterschriftenaktion über 5600 Unterschriften gegen die Erschließung des Abbaugebietes Rehköpfe.

Der Steinbruchbetrieb kann noch so ökologisch und umweltfreundlich gestaltet werden, immer bleibt ein empfindlicher Eingriff in die vorhandene Landschaft und deren Natur zu beklagen.
Es wird viele Jahrzehnte dauern, bis der gerodete Wald nachgewachsen und der 50 Meter tiefe Steinbruch die Landschaft nicht mehr verunziert.

Es sind starke Argumente, die die Gegner der Erweiterung des Grauwackeabbaus der Erschließung eines weiteren Grauwackesteinbruchs entgegen setzen können.
Noch ist das Vorhaben ein nicht genehmigtes und ein im Landesentwicklungsplan Sachsen-Anhalt 2010 vorgesehenes Projekt.

Es geht für beide Seiten um verdammt viel. Eine Entscheidung, egal wie sie ausfällt, ist von weitreichender Bedeutung für die Strukturentwicklung in unserer Harzre-gion.
Denken wir doch alle noch einmal in Ruhe darüber nach, ehe im Planfeststellungs-verfahren die Weichen endgültig gestellt werden.
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