Hat Gernrode die älteste Elmentarschule Deutschlands?

Gernrodes Elementarschule
 
Elementarschule am Tag des offenen Denkmals
 
Historischer Unterricht
 
Historische Unterrichtsmaterialien
Heute ist das Gebäude Denkmalgeschützt und Heimstätte des Gernroder Kulturvereins “Andreas Popperodt“

Die eingangs gestellte Frage lässt sich historisch nicht zwingend belegen, eine mehr als 1000jährige Schulgeschichte in Gernrode aber ist dennoch erzählenswert.
Schulen im Mittelalter waren grundsätzlich Klosterschulen. Es wurden angehende Mönche, Nonnen aber auch externe Schüler unterrichtet.
Die Unterrichtssprache war Latein, es gab den Elementarunterricht, er bestand aus Lesen, Schreiben, elementarem Rechnen und Singen und den Unterricht in den sieben Künsten, der Grundlage der Bildung der freien Bürger, den „Septem artes liberales“.
Dazu gehörten in der Unterstufe die Grammatik, die Rhetorik und die Logik, zur Oberstufe gehörten die Fächer Arithmetik, Musik, Geometrie und die Astronomie.

Die Unterrichtsmethode war vordergründig das „Pauken“, das Auswendiglernen, Fehler wurden unnachsichtig mit der Rute bestraft.
„Unter der Rute Leben“ (sub virga degere) war das Synonym des „zur Schule gehen“ in dieser Epoche. Die Schulregeln aus dieser Zeit entlocken uns heute allenfalls ein amüsiertes Lächeln:
1. Alle Schüler sitzen anständig, gerade, mit dem Rücken angelehnt in Reihen hintereinander.
2. Jedes Kind legt seine Hände geschlossen auf die Schultafel.
3. Die Füße werden parallel nebeneinander auf den Boden gestellt.
4. Sämtliche Kinder schauen dem Lehrer fest ins Auge.
5. Sprechen, plaudern, Lachen, Flüstern, Hin- und Herrücken, heimliches Lesen, neugieriges Umher gaffen dürfen nicht vorkommen.
6. Das Melden geschieht bescheiden mit dem rechten Finger der rechten Hand. Dabei wird der Ellbogen des rechten Armes in die linke Hand gestützt. Beim Antworten hat sich das Kind rasch zu erheben, gerade zu stehen, dem Lehrer fest ins Auge zu schauen und in vollständigen Sätzen rein und laut zu sprechen.
7. Bücher werden auf Kommando in drei Zeiten herauf- und hinweg getan: Auf ‚eins‘ erfassen die Kinder das unten liegende Buch, auf ‚zwei‘ heben sie das Buch über die Tafel, auf ‚drei‘ legen sie es geräuschlos auf die Schultafel nieder und richten den Blick wieder unverwandt und fest auf den Lehrer.
8. Beim Austeilen von Büchern ist folgende Ordnung einzuhalten: Der Lehrer teilt die Bücher an den Bankobersten aus. Auf ‚eins‘ nimmt jeder Bankoberste ein Buch und gibt die übrigen fünf schnell und leise an den linken Nachbarn. Auf ‚zwei‘ nimmt der zweite Schüler ein Buch und gibt die übrigen vier an den linken Nachbarn usw.

Nach: Carl Kehr, Die Praxis der Volksschule, 9. Aufl. Gotha 1880

Als sich im 12.Jahrhundert Universitäten entwickelten, reduzierten die Schulen ihre bis dahin umfangreichen Lehrpläne auf die Vorbereitung für die universitäre Ausbildung. Das geschah zum Nachteil der Bildung der Mädchen, denn denen war der Zugang zur Universität versagt.
Erst im 14.Jahrhundert entstanden deutsche Schulen, in deutscher Unterrichtssprache wurden vorwiegend die Kinder der betuchten Kaufleute ausgebildet.
Das Schulwesen in Gernrode kann auf eine tausendjährige Tradition zurückblicken. Denn die Gründung des Damenstifts durch Markgraf Gero befruchtete das Bildungswesen Gernrodes.
Gernrode bekam eine Stiftsschule, die natürlich vorrangig der Ausbildung der Stiftsdamen aus einflussreichen Adelsfamilien diente, nur in Ausnahmefällen fanden bürgerliche Kinder den Zugang zu solchen Einrichtungen, wenn z.B.durch Begabung und Talent eine spätere Verwendung in einem Stiftsamt möglich schien.

Der in Wetzlar geborene Stephan Molitor und der spätere Stiftskanzler Andreas Reuthe waren solch bevorzugte Schüler bürgerliche Herkunft, die vom Stift ausgebildet und gefördert wurden.

Stephan Molitor spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Schul-wesens in Gernrode.
Nachdem er die Stiftsschule besucht hatte, ging er zum Studium nach Wittenberg. Hier wurde er mit der reformatorischen Lehre Luthers bekannt und ein Verfechter der Reformation.
Nach Gernrode zurückgekehrt, hatte er als Stiftsgeistlicher die Möglichkeit, das Stift zu reformieren. Unterstützung fand er bei der regierenden Äbtissin Elisabeth von Weida, sie war ebenfalls von Luthers Lehren überzeugt.
Molitor reformierte den Gottesdienst und machte die Kirche Allen zugänglich. Gepredigt wurde fortan in deutscher Sprache und damit für alle verständlich.

Beide gründeten eine allgemein zugängliche Schule, in der Kinder aller sozialen Schichten eine elementare Bildung erwerben konnten. Elisabeths Nachfolgerin, Anna von Plauen, ließ 1533 das Schulgebäude dafür bauen.
Gernrode besaß somit eine der ersten Schulen in Deutschland, in denen Luthers Reformen wirksam wurden.
Frühzeitig wurde die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer allgemeinen Volksbildung erkannt und in die Tat umgesetzt.
Geleitet wurde diese Schule vom Rektor, dem ein Kantor, ein Schulmeister und ein Elementarlehrer zur Seite standen.
Zunächst wurden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet, erst 1585 wird eine Mädchenschule erwähnt.
Mehrere Altersstufen in einem gemeinsamen Klassenraum waren an der Tagesordnung. Die Mädchen wurden von einer eigenen Schulmeisterin betreut.

Die Verwaltung der Schule lag in der Hand des Stifts, erst mit dessen Niedergang im 17.Jahrhundert ging sie in städtische Verwaltung über.
Die Selbstständigkeit des Stiftes endete nach und nach, erst wurde es fürstliche Domäne um dann dem anhaltinischen Fürstenhaus angegliedert zu werden.

Pastor Hartung beschreibt in seinem Buch “Zur Vergangenheit von Gernrode“ einen Schulalltag:
„Morgens von 7 bis 8 Uhr singen und lesen, 8 bis 9 Uhr Religion, von 9 bis 10 wird das Notwendigste und Brauchbarste aus der allgemeinen Weltgeschichte vorgetragen, von 1 bis 2 Uhr Unterricht im Schreiben, von 2 bis 3 Uhr werden die Knaben in Rechnen unterrichtet.“
Nicht alle Schüler konnten regelmäßig am Unterricht teilnehmen, obwohl sie bereits mit fünf schulpflichtig wurden.
Das Familienleben erforderte frühzeitig die Hilfe der Kinder, sei es beim sommer-lichen Viehhüten oder in der Erntezeit bzw. bei der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister.
Am Ende der Schulzeit stand die Konfirmation, die vor dem 15.Lebensjahr nicht möglich war. Nachzuweisen waren bestimmte Schulkenntnisse und ein guter Führungsleumund.
Lange blieb der Brauch erhalten, dass die Konfirmanden Türen und Häuser schmückten und den Weg zum nächsten Konfirmanden mit Sand bestreuten.

Nach dem heutigen Kenntnisstand befand sich die vermutlich älteste deutsche protestantische Elementarschule am Standort der noch erhaltenen Gernroder Stadtschule.
Diese war als Nachfolgebau zum Ende des 18.Jahrhunderts auf dem historischen Gelände errichtet wurde, und ist immer noch eines der ältesten Schulgebäude Sachsen Anhalts. Das Gebäude dieser Schule steht trapezförmig in der Gabelung zweier Altstadtgassen, der heutigen St.Cyriacusstraße und der Klosterstraße, in der Nähe der Stiftskirche. Immer wieder wurde das Gebäude durch Anbauten erweitert.
Die Giebelseite hat nur eine Breite von 5,35 Metern, während die südliche Giebelseite eine Breite von 14 Metern erreicht. Die gesamte Länge des Hauses beträgt 24 Meter.
Dass der Vorgängerbau wesentlich älter ist, belegen die Fundamente und der tonnengewölbte Keller des Gebäudes.
Zusätzlich bestätigt wurde dies durch das Anbohren einiger Fachwerkhölzer und Dachbalken. Die Untersuchung der entnommenen Holzproben ergab, dass der Kern des Hauses tatsächlich aus dem 16. Jahrhundert stammt.
Das stützt die Annahme, dass es sich um das älteste Gernroder Volksschulgebäude handelt.
1847 genügte die Schule nicht mehr den Ansprüchen, sie wurde geschlossen und die Stephanikirche wurde zur Schule umgebaut.
In der Folgezeit wurde das Elementarschulgebäude von verschiedenen Gewerken benutzt. Zunächst Tischlerei, dann ein Fuhrunternehmen, später eine Kohlenhandlung und zu guter letzt eine Uhrmacherwerkstatt und dann eine Optikerwerkstatt mit Ladengeschäft.
Nach dem Krieg wurde das Gebäude Staatseigentum und ab 1954 von der Stadt Gernrode verwaltet.
Die Mangelwirtschaft der DDR erlaubte keine Reparaturen am Gebäude, selbst als es 1981 unter Denkmalschutz gestellt wurde, änderte sich nichts, so dass das Objekt in einen bedauernswerten Zustand geriet.
Am 29.April 1998 wird der Gernroder Kulturverein Eigentümer der alten Elementar-schule von Gernrode.
Umfangreiche und erfolgreiche Sanierungsarbeiten begannen und brachten mit Hilfe vieler fleißiger ehrenamtlicher Mitarbeiter das Gebäude wieder in einen Zustand, in dem in angemessener Weise Gernroder Schul-und Stadtgeschichte präsentiert werden kann.
Wer Interesse daran hat, und erfahren möchte, wie die Schulstuben unserer Großeltern ausgesehen haben, der ist gern gesehener Gast im Hause.
Die Palette des Angebots ist aber sehr viel umfangreicher, im Bericht zum Anschluss Gernrodes an Quedlinburg berichtete ich bereits darüber.
Zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals wurde beispielsweise die alte Tradition des Blockpiepenschnitzens wiederbelebt.
Viele Besucher fanden sich in Ihre Kindheit rückversetzt und erinnerten sich an eigene Schnitzversuche.
Zahlreiche Gäste besuchten das Haus und erfreuten sich am Angebot des Flohmarkts, dem Buch und - kalenderverkauf sowie dem umfangreichen Angebot gastronomischer Versorgung.

Bei ihrem Besuch in Gernrode sollte neben der Besichtigung der Cyriakuskirche und dem Uhrenmuseum auch ein Besuch der alten Elementarschule eingeplant werden.

















G
1
2 1
1
3
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
2 Kommentare
6.677
Ellen Röder aus Alsleben (Saale) | 21.09.2014 | 20:12   Melden
14.714
Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 23.09.2014 | 19:38   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.