Magische Momente

  Was bedeuten sie uns noch in der heutigen Zeit? Werden Kindheitserinnerungen wach oder gar Wünsche wahr? Der Reiz am ungeklärten Rätselhaften scheint ungebrochen. Zusammen mit ca. 50 Gästen erlebte ich einen Abend voller Magie im „Lözius“, der Brasserie am Steintor in Halle.

Die Location entsprechend dem französischen Vorbild in profaner Ausstattung, jedoch mit frischer, kreativer Küche und einer jungen, freundlichen Crew. Wer ein Faible für die Goldenen Zwanziger hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Dafür sorgten die dezente Musik im Hintergrund und der Ober im Frack, der weißbehandschuht mit einer Glocke die verschiedenen Gänge des Menüs stilsicher einläutete. Von den Wänden grüßten Claire Waldorff, Otto Reutter, Clown Grock und Karl Valentin aus gutem Grund. Sie alle waren schon zu Gast im angrenzenden „Walhalla“-Theater. 1868 vom Pferdegroßhändler Karl Emil Friedrich Lözius als Reithalle eröffnet, diente es bis 1884 als Rennbahn, dann alternativ als Stadttheater und 1889 wurde das „Walhalla“ Varieté -Theater daraus.

Anfang der 1920er Jahre als Kino und gar als Ringkampfarena genutzt, beherbergte das Haus ab 1925 wieder eine Varietébühne, die nach Wiedereröffnung 1945 den Namen Steintor-Varieté erhielt.
Nun wurde das Publikum in froher Erwartung in die "Closed-Up Lounge" gebeten, zu Zauberkunst in „Nahaufnahme“, wie der Name verriet und dieses Versprechen war Programm. Die Gäste waren mittendrin statt nur dabei. Semjon Sidanov und René Chevalier verstehen sich als Illusionisten, wenn eine Zeitung optisch sichtbar und akustisch hörbar in Stücke gerissen wird, um sie dann vorm erstaunten Publikum plötzlich im Ganzen wieder aufzuschlagen. Dann hat das etwas von „Zusammenreißen“. Unsichtbare Scheren zerteilten ein Seil in viele kleine Einzelstücke, aber nur scheinbar. Denn am Ende war das Seil so unversehrt wie vor dem Trick.

Ausgewählte und vom Publikum vorher gekennzeichnete Spielkarten flogen durch den Raum, verschwanden, um dann irgendwo wieder aufzutauchen. Selbst die Spielfarben verschmolzen auf einer Karte. Würde ich den Hütchenspieler Trick hier ergründen? Nein, wieder nicht. Doch diesmal kullerte dann auch noch eine Tomate aus dem Becher hervor, eigentlich viel zu groß, um je hinein gepasst zu haben. Eheringe von Zuschauern verketteten sich ineinander. Nach kritischer Prüfung durch das Publikum, gingen sie aber einzeln wieder an ihre Besitzer zurück. Wir haben gestaunt, gelacht und gegrübelt an diesem unterhaltsamen Abend. Semjon Sidanov verrät über sich, dass er nach einem Psychologiestudium keinen Widerspruch darin sieht, sich nun der Erforschung der Sinnestäuschung zu widmen. Nun, man ergibt sich, genießt einfach nur die Show und vergisst alle Bestrebungen ständig für alles eine Erklärung parat haben zu müssen.

Wer übrigens lange nicht mehr in Halle war, wird einigermaßen erstaunt sein, zum Beispiel über das Ergebnis der Bauarbeiten rund um das Steintor und den Campus mit dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Martin-Luther-Universität. Aus dem ehemals von Autostraßen hektisch zerfurchten Viertel, ist ein Areal entstanden, das durchaus zum Verweilen einlädt und Lust auf einen Bummel macht… auch ein magisches Moment?
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