Haifa und das „Olivenfest“

Blick über Haifa am Abend- im Hintergrund das Mittelmeer

Es gibt Wochen da passiert nicht viel und eben auch solche wie diese, in denen ich halbe Romane verfassen könnte.

So war ich in dieser Woche für 3 Tage in Haifa. Bereits die Anreise wäre ein eigener Bericht wert. So brachte mich jemand aus Tlamim gegen 7:30 Uhr zur Busstation, denn zu Fuß führt dort kein Weg hin. Auch ein Problem weshalb ich Megiddo nicht so einfach verlassen kann. Mein Bus nach Afula (nächst größere Stadt) sollte um 7:51 kommen.

Vorab: Haifa liegt normaler Weise knapp 20 Minuten entfernt von Megiddo, jedoch musste ich einen Umweg von knapp 2 Stunden in Kauf nehmen. Da es regnete setzte ich mich unter das Bushaltestellenhäuschen und wartete. Die Bushaltestelle liegt direkt an der „Autobahn“ und ich beobachtete die vorbefahrenden Autos. Zu meiner Rechten saß ein etwas älterer Mann und an meiner Linken saß ein Polizist. So verflog auch schnell meine Angst, doch von irgendjemandem „mitgenommen“ zu werden. Der Bus kam dann um 8:15 Uhr. Zu meinem „Glück“ erwischte ich auch noch den unfreundlichsten Busfahrer von allem an diesem Morgen. Als wäre ich nicht schon aufgeregt genug gewesen.

In Afula stieg ich dann in einen anderen Bus um, in den sich auch andere Freiwillige gesellten und so kam ich wohlbehalten in Beit Rutenberg an. Dort wartenten schon Irene und Miriam auf mich. Liebe Leser, wir sind wortwörtlich lachend eingeschlafen und lachend wieder aufgewacht. Warum wir gelacht haben, kann ich nicht so recht definieren. Wir hatten einfach Spaß. Auch das Seminar war sehr erfrischend. Zusammen mit deutschen Freiwilligen aus ganz Israel bekamen wir einen Überblick über sämtliche religiösen Strömungen hier in Israel.

Ahmadiyya, Drusen und mehr Religionen

So hatten wir einen Bauchtanzkurs und besichtigten die Ahmadiyya -Moschee. Die Ahmadiyya ist eine Glaubensgemeinschaft, welche dem Islam angehörig ist, aber von Islamisten als Irrlehre betrachtet wird. Ihre Anhänger werden als Nicht- Muslime bezeichnet, da sie Mohammed nicht als letzten Propheten anerkennen. Sie erkennen zudem auch den Dschihad nicht an. Am Dienstag fuhren wir nach dem Frühstück in ein Drusendorf. Dort lernten wir viel über Drusentraditionen und die Rolle der Frauen. Auch die Drusen sind dem Islam zu zuordnen, die religiösen Frauen erkennt man an ihren weißen! Kopftüchern. Heutzutage kann man nur noch als Druse geboren werden, was dem Wachstum dieser religiösen Richtung nicht gerade hilfreich ist.

Nach einem sehr guten Mittagessen fuhren wir dann weiter nach „Kfar Kama“. Dort besichtigten wir das Tscherkessenzentrum. Bei den Tscherkessen handelt es sich um ein kaukasisches Volk, welches Naturgötter verehrt und eine eigene (sehr ausgefallene) Sprache hat. Diese Sprache wird allerdings nur noch selten gebraucht und ist vom aussterben bedroht. Im 15. Jahrhundert wurden die Tscherkessen zum Islam bekehrt. Allerdings tragen sie eher traditionelle „russische“ Kleidung und sind auch sonst eher eine äußerst spezielle religiöse Form des islamischen Glaubens.

Zum frühen Abend erreichten wird dann unser letztes Ziel: „Kfar Shibli“- ein Beduinendorf. In diesem Dorf haben alle 3500 Einwohner den Nachnamen Shibli. Sie folgen in der Regel dem Islam und sind sowohl im Norden als auch im Süden Israels zu Hause. Während die im Norden lebenden Beduinen ein eher westliches Leben führen, so kann ein Beduine im Süden durchaus 4 Frauen haben. Wobei ein Mann eine Frau legal heiraten kann und mit den anderen ein mündliches Abkommen schließt.


Mit offenen Armen empfangen

In allen drei Dörfern wurden wir mit offenen Armen empfangen, bekamen etwas zu essen und konnten uns heimisch fühlen. Am Mittwoch besichtigenten wir in Haifa noch die Bahai- Gärten und erfuhren viele Details über die Bahai- Religion. Der Religion sind circa 8 Millionen Menschen anhängig aus allen Ländern der Welt. Sie ist für die Gleichstellung der Geschlechter, Abschaffung der Extreme von Arm und Reich, für die allgemeine Schulpflicht und die Errichtung des Weltbundessystems. Allerdings glauben ihre Anhänger an eine „Essenz“ als Gott und ist die jüngste der Weltreligionen (1844). Diese Religion ließ bei fast allen Freiwilligen Fragezeichen im Kopf zurück. Dennoch war man auch hier sehr freundlich und offenherzig zu uns. So treibt es mir Tränen in die Augen von den Anschlägen in Jerusalem zu lesen. Es ist unvorstellbar wie einige Türken, Libanesen oder Jordanier Israel hassen, obwohl es so viele islamische Strömungen gibt, die den Frieden bevorzugen. So verabschiedete sich ein Beduine mit den Worten: „ Ich liebe euch und ich hoffe ihr liebt auch weiter Israel!“ Da ist ein Land, welches so vielen Nationen, Glaubensnationen und Völkern ein Recht auf Existenz gibt. Wie kann es sein, dass es trotzdem gehasst wird?

Meine Rückfahrt zum Kibbuz war dann allerdings weniger spektakulär. Ich rief Liat an und teilte ihr mit, dass ich gegen 15 Uhr an der Bushaltestelle sein werde, damit sie mich abholen könne. Jedoch hatte ich die Rechnung ohne meinen Busfahrer gemacht. Ich sagte zu ihm, dass ich in Megiddo wohne und so ließ er mich 1 km vor der Haltestelle direkt vor dem Kibbuz raus. Sodass ich Liat vorher noch erwischte und sie mich zur Wohnung fuhr. Dort angekommen hätte ich Rachel fasst erwürgt.

In der Regel bin ich ein toleranter Mensch und ich musste schon oft im Leben bei Seminaren, Camps, Freizeiten usw. durchaus weniger Quadratmetern mit anderen Menschen teilen, aber als ich in unsere Wohnung kam, das Chaos sah, schmiss ich meinen Rucksack in die Ecke und ging erst einmal zum Kibbuz- Laden um mir ein Eis zu kaufen. In meinem letzten Bericht habe ich am Ende erwähnt, dass ich geputzt habe, oder? Komplett hinfällig! Alles war voller Schmutz und dann erzählt mir die Gute, dass es ihr hier nicht gefällt und sie am Sonntag abreist. Nun ist sie seit gestern allerdings bei ihrem Freund und hat alles stehen und liegen gelassen. Ich kann nicht einmal Nudeln kochen, da sie BEIDE Kochtöpfe im Kühlschrank stehen hat.

Zum Glück war heute Olivenfest in Tlamim. So kamen etwa 20 Kinder ins Projekt um Öl zu pressen und zu basteln. Ich war den ganzen Tag am Pitabrote backen und hatte mit meinen Kollegen einen tollen und lustigen Tag. So saß ich neben Gali und fing an zu weinen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass nächstes Jahr ein neuer Freiwilliger meinen Platz in Tlamim einnehmen wird. Ich hatte mir nie vorgestellt, dass ich dieses Projekt so lieben werde. Haifa war echt schön, das Seminar sehr gut und Irene und Miriam wiederzusehen das Allerbeste, aber ich habe Tlamim vermisst, die Leute und die Arbeit. Dabei ist doch in Rietzmeck mein Zuhause und meine Zukunft in Deutschland.

Lesen Sie mit:

Teil 21: Halbzeit - Bilanz nach sechs Monaten in Israel
Teil 20: Kurzmeldung
Teil 19: Winterferien in Israel
Teil 18: Weihnachten in Israel
Teil 17: Glaubenskrisen
Teil 16: Bilanz nach drei Monaten
Teil 15: Geburtstag und die Reise nach Jerusalem
Teil 13: Ahmadiyya, Drusen und Beduinen - Vielfalt der Religionen
Teil 12: Warum Regen glücklich macht
Teil 11: Aufräumen für die Neue
Teil 10: Heimweh
Teil 9: Endlich zu Hause
Teil 8: Geburtstag feiern und Fasten an Jom Kippur
Teil 7: Deutsche Kinderlieder und jüdisches Neujahrsfest in Isreal
Teil 6: Eselreiten und Arbeitsalltag im Kibbuz
Teil 5: Wie man einen Granatapfel richtig isst
Teil 4: Verschlafen, zum ersten Mal im Leben
Teil 3: Erste Eindrücke aus dem Kibbuz
Schnappschuss: Koscher essen bei McDonald
Teil 2: Einreise und andere Beschwerden
Teil 1: Fernweh: (M)ein Jahr auf heiligem Boden

Haben auch Sie Lust über Ihre Reisen zu berichten? Machen Sie mit und werden Leserreporter. Für Fragen stehe ich gern zur Verfügung: Kathleen Bendick mz-buergerreporter@mz-web.de

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4 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 07.11.2014 | 22:36   Melden
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Anna Lauche aus Rietzmeck | 08.11.2014 | 13:17   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 08.11.2014 | 19:08   Melden
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 10.11.2014 | 07:50   Melden
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