Mit 19 nach Jerusalem

Meine neuen Freunde
 
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Geburtstagskuchen und die letzte Kerze brennt
 
Essen!!!

Die Achterbahn des Lebens

In dieser Woche passierte sehr viel. Eine kurze Zusammenfassung: am Sonntag ist das große Pferd gestorben. Ganz plötzlich war es vorbei. Wir haben zwar noch den Tierarzt gerufen, aber er konnte dem Tier nicht mehr helfen. Am Montag haben wir offiziell Gali verabschiedet. Vom Dienstag brauche ich nicht mehr viel erzählen, immerhin wurde von dem Attentat auch in deutschen Medien berichtet. Mein Geburtstag viel auf den Mittwoch und es gab Kuchen für mich. Auch haben mir alle ein Ständchen gesungen. Es hat sich leider trotzdem nicht wirklich wie Geburtstag angefühlt. Der letzte Arbeitstag wurde für mich länger, weil Amos mich mit in die Ölfabrik nahm und für das Wochenende war ich dann von meinen koreanischen Nachbarn in Jerusalem eingeplant.


Die Reise nach Jerusalem

Seit circa einem Monat sind in Tlamim auch koreanische Freiwillige. Sangmo und Grace sind 35, seit 2 Jahren verheiratet und sehr freundlich. Beide gehören einer evangelisch lutheranischen Gemeinde an. Am frühen Freitagvormittag fuhr ich also nach Jerusalem. Im Bus saß ich neben einem Soldaten, so dass meine Aufregung sich schnell legte. Einzig seine Waffe, welche mich manchmal in die Wade pikste, machte mich ein wenig nervös. Am Busbahnhof angekommen, holten mich Sangmo und Grace ab und wir fuhren mit der Straßenbahn Richtung jüdischen Basar. Dort besorgte ich mir noch ein paar Gewürze. Als nächstes liefen wir zum koreanischen „Stützpunkt“. Dabei handelt es sich um einen großen Raum, wo Gottesdienste gehalten werden und daneben eine Küche mit Aufenthaltsraum. Kaum angekommen, wurde ich fast erschlagen beim Anblick der vielen Koreaner. Nach einem Kaffe begann auch schon der Gottesdienst. Eine freundliche Frau übersetzte mir alles auf Englisch und kurzzeitig musste ich mir Tränen verkneifen. Die ganze Last der letzten Woche fiel mit einmal von mir ab. Als der Pfarrer seine Predigt beendet hatte, musste ich aufstehen und wurde zum Teil der Gemeinde erklären. Nach einem kleinen Kaffesnack fuhren wir dann zur Unterkunft. 25 Koreaner und ein Deutsche. Die Ausländerin unter den Ausländern. Bei der Unterkunft handelt es sich um eine größere Wohnung mit 18 Betten, der Rest muss auf dem Boden schlafen. Ich zog Bett Nummer eins. Zum Abendbrot gab es koreanische Suppe und Spagetti. Ich kann jetzt mit Stäbchen essen! Am späten Abend wurden mir sämtliche Spiele erklärt und die Freiwilligen sprachen über ihre Woche, Probleme und Wünsche. Leider konnte ich länger als 23 Uhr nicht durchhalten. Die Koreaner „gaben“ mir zu dieser durchaus „perfekten“ Woche den Rest. Gegen halb 9 Uhr ging es am Shabbatmorgen mit dem Frühstück weiter. Leider kam ich dabei nicht ganz auf meinen Geschmack. Reis mit scharfer Pasta zum morgen, da bin ich dann ausgestiegen. Zum Vormittag besuchten wir einen messianisch jüdischen Gottesdienst in der Nähe von Jerusalem. Ich sag natürlich alle Lieder auf hebräisch mit. Mittag gab es dann wieder in der Wohnung Reis, Suppe und Gemüse. Alles sehr scharf gewürzt. In diesen Momenten danke ich heimlich meiner Mutter, die scharfes Essen so sehr liebt, dass sie mich und meinen Vater nicht verschont ließ. Nach dem Mittag legte ich mich dann schlafen bis circa 17 Uhr. Grace und Sangmo hatten außerhalb einen Termin und die Nacht sollte noch lang werden für uns. Als ich wieder wach war, half ich beim Abendbrotessen machen. Es gab – große Überraschung – Reis und Suppe. Dazu getrocknete Algenblättchen und Gemüse. Ich verstehe nun auch warum die Asiaten klebrigen Reis so lieben. Er lässt sich mit Stäbchen viel einfacher essen. Um das Zusammenleben einfacher zu gestalten, werden Lose gezogen, wer welche Aufgabe hat. So musste ich zum Abend die Tische abräumen. Ein System, welches mir durchaus gefiel. Zu guter Letzt sollte ich auch noch eine Choreografie ausführen, dazu sang ich „das Lied über mich“. Und brauchte somit den Koreaner ein paar deutsche Worte wie „Hand“, „Nase“ und „Beine“ bei. Um 20 Uhr brachen wir dann in die Neustadt auf, zum Ben Yehuda Straße. Dort angekommen, gingen wir in einen Raum der ebenfalls Teil der Koreanischen Gemeinde ist und probten Lieder. Diese sagen wir dann auf der Straße und begeisterten viele Touristen, Israelis und andere Spaziergänger. Am emotionalsten war das letzte Lied, welches sie mir widmeten. Sie bedanken sich bei mir, weil ich das Wochenende mit ihnen verbracht hatte. Sie bedanken sich bei MIR. Dabei habe ich in ihrem Bett geschlafen, ihr Essen gegessen und ihre Gastfreundschaft gespürt. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Leider bin ich allein. Niemand kann diese Erfahrungen mit mir teilen. Das macht mich teilweise traurig. Aber ich weiß, dass ich viel mit nach Hause nehmen werde um es daheim um zu setzten. Denn wie Sangmo auf der Rückfahrt nachts halb 12 zu mir sagte: „Anna, du bist jetzt auch zum Teil Koreanerin!“

Ich bin froh, mutig zu sein. Auch wenn ich Angst hatte nach Jerusalem zu fahren, so habe ich es nicht bereut. Wir haben nur dieses eine Leben und deshalb sollten wir es jede Sekunde genießen.

Lesen Sie mit:

Teil 21: Halbzeit - Bilanz nach sechs Monaten in Israel
Teil 20: Kurzmeldung
Teil 19: Winterferien in Israel
Teil 18: Weihnachten in Israel
Teil 17: Glaubenskrisen
Teil 16: Bilanz nach drei Monaten
Teil 15: Geburtstag und die Reise nach Jerusalem
Teil 14: Angst und Anschläge in Israel
Teil 13: Ahmadiyya, Drusen und Beduinen - Vielfalt der Religionen
Teil 12: Warum Regen glücklich macht
Teil 11: Aufräumen für die Neue
Teil 10: Heimweh
Teil 9: Endlich zu Hause
Teil 8: Geburtstag feiern und Fasten an Jom Kippur
Teil 7: Deutsche Kinderlieder und jüdisches Neujahrsfest in Isreal
Teil 6: Eselreiten und Arbeitsalltag im Kibbuz
Teil 5: Wie man einen Granatapfel richtig isst
Teil 4: Verschlafen, zum ersten Mal im Leben
Teil 3: Erste Eindrücke aus dem Kibbuz
Schnappschuss: Koscher essen bei McDonald
Teil 2: Einreise und andere Beschwerden
Teil 1: Fernweh: (M)ein Jahr auf heiligem Boden

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„Nur wer mutig ist, hat Glück im Leben!“
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2 Kommentare
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 08.12.2014 | 17:35   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 19.12.2014 | 16:11   Melden
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