Neues aus Israel - Ein Traum wird wahr!

Altstadt von Jerash
 
Kamelherde
 

Feste feiern, wie sie fallen


Die letzten Monate waren eine Berg- und Talfahrt. Es gab Momente in denen ich alles hinschmeißen wollte und auch eben jene in denen ich vollkommenes Glück erlebte. So war das Purimfest, welches ungefähr dem deutschen Karneval entspricht, für mich persönlich ein wenig unangenehm. Das war Anfang März. Darauf folgte ein Monat ohne freien Tag, schließlich war Katja immer noch Milch abhängig. Ab April war dann der Kollege, den ich nachmittags vertreten hatte, wieder da. Somit hatte ich fast komplett frei, als die großen Pessachferien vor der Tür standen.

Pessach wird um die erste Gerstenernte gefeiert und viel in die ersten zwei Aprilwochen. Hauptsächlich wird der Auszug und die Befreiung des jüdischen Volkes aus Ägypten gefeiert. Beginn ist Laila Seder, die Nacht der Ordnung. Sie ist der Auftakt des achttägigen Festes. Ich war bei meiner Kollegin eingeladen und durfte mit ihrer Familie (30 Gäste) feiern. Dabei wird die Pessach Haggada vorgelesen und gesungen. Es gibt Maza, spezielles Brot, und allgemein eine Menge essen. In der Wohnung werden je nach Tradition Genschenke oder gesäuerte Lebensmittel versteckt, welche die Kinder finden müssen. Irgendwie ein bisschen Ostern. Auch untereinander verteilt man kleine Geschenke oder eben ein „ich habe dich lieb.“ Nicht nur in Tlamim waren Ferien, sondern natürlich auch in der Schule. Damit die Jugend im Kibbuz sich nicht langweilt, hat der ansässige Jugendclub mit (!) Pädagogen einen Ferienerlebnisplan entwickelt. So bin ich durch unerklärliche Umstände Teil einer Nachtwanderung geworden. Ohne dabei in irgendeiner Weise Verantwortung übernehmen zu müssen. So sind wir gegen 00 Uhr ins nicht weitentfernte Wäldchen geschlendert und haben Stockbrot gegrillt. Bis wir gegen 4 Uhr weiter zogen und auf einen Berg kletterten von dem wir den Sonnenaufgang über dem Kibbuz beobachteten. Nachdem Frühstück (gegen 6 Uhr )ging es zurück, schließlich musste ich um 8 Uhr auch im Stall sein und die Schafe versorgen. Solche Dinge habe ich in Deutschland nie gemacht, wäre ich nicht beim THW OV Dessau gelandet, hätte ich wohl nie wirkliche Freundschaft und Teamfähigkeit erfahren. Irgendwie hat mich dieses Erlebnis traurig gemacht. Die Ferienfreizeiten, welche ich früher unternommen hatte, waren alle samt von der Kirche organisiert worden. Sonst wäre ich als Dorfkind wohl nie weg gekommen. (Mal von meinen Eltern abgesehen)
Mitte April gab es den Holocaust Gedenktag, ein sehr ungünstiger Tag für eine deutsche Freiwillige so ganz alleine. Auf Arbeit habe ich mich versucht so bedeckt wie möglich zu halten. Bei Tagen wie diesen sind fast alle Fernsehkanäle abgeschaltet oder senden nur Beiträge zur Judenverfolgung. Bei Radioausstrahlungen ist es nicht anders. Beim Gedenktag der Gefallenen Soldaten, eine Woche später, dasselbe Spiel. Lediglich wird nicht über Hitlers Werk gesprochen, sondern über Geschichten von Menschen die ihr Leben für den Staat Israel gelassen haben. Einen Tag später ist dann Nationalfeiertag! Wohl eines der größten Feste in Israel. Ich war in einem sehr reichen Nachbar Kibbuz eingeladen. In diesem sehr traditionellen Kibbuz, welches dazu noch über genügend Geld verfügt, werden sogar Autos geteilt. Man trägt sich in einem Computer ein und wählt ein verfügbares Auto. Nimmt sich den Schlüssel. Fertig. Auch das festliche Essen wird mit allen geteilt. Im Gemeinschaftraum wurde aufgetafelt und JEDER konnte kräftig zuschlagen. (knapp 2000 Gäste) Gegen 20 Uhr ging es für mich zurück nach Megiddo, schließlich wartete Zuhause ja auch eine Feier und meine Freunde auf mich.

Östlich des Jordans


Kaum 3 Wochen später fand ich mich am Flughafen in Tel Aviv wieder. Nachdem ich 3 Busse verpasst hatte, kam ich 5 Minuten vor meiner Mutter und meiner Oma in der Empfangshalle an. Denn endlich, endlich hatte ich Urlaub. Neben Jerusalem, Megiddo und Yad VaShem besuchte ich auch Jenin und Nablus mit den Beiden. Doch das eigentliche Highlight waren 3 Tage in Jordanien. Seit meinem 14ten Lebensjahr war der Besuch von Petra mein absoluter Traum und nun konnte ich ihn mir erfüllen. Am frühen Morgen fuhren wir zum Grenzübergang und in Jordanien angekommen, ging es gleich in die Altstadt von Jerash. Wäre es nicht so schrecklich heiß (40 Grad) gewesen, hätte man alles besser besichtigen können. Auch über den Dächern von Amman mit dem Herkules Tempel konnte man es kaum ertragen. Jordaniens Landschaft hatte es gerade meiner Großmutter angetan. Auch unsere Reisegruppe war super, allen voran Levi. Ein hyperaktiver junger Überlebenskünstler, der auch auf dem Zeustempel in Jerash saß. Für ihn wurde meine Oma auch gleich zu seiner und so motivierte er sie beim Treppen steigen und „nicht aufgeben“. Abends kamen wir im Beduinencamp, 20 Minuten von Petra entfernt, an. Leckeres Essen wartet schon auf uns, ebenso sehr schöne Zimmer mit großen Betten. Am Lagerfeuer gaben die Beduinen ihre musikalischen Fähigkeiten zum Besten und auch die landwirtschaftliche Kulisse war traumhaft. Am nächsten Morgen ging es nach Petra. Die ersten Kilometer legten wir auf dem Rücken von Pferden zurück und wanderten danach durch den Siq. Am Ende dieser Schluchtstraße wartete dann das Schatzhaus der riesigen Anlage. 800 Gräber warteten auf uns. Ich konnte mir die ein oder andere Träne nicht verkneifen. 3 Stunden wanderten wir durch wüstenartige Berglandschaften, alle Felsen behauen und verziert. Nach dem Mittag ging es für meine Mutter und mich auf zum Kloster. Knapp 850 „Stufen“ in die Höhe. Da es uns viel zu warm war, ließen wir uns von einem Esel und einem Muli nach oben transportieren. Welch ein Abenteuer. Die Tiere kannten den Weg genau und liefen ohne Pause. Das Kloster ist fast doppelt so groß, wie dass Schatzhaus allerdings nicht so schön verkleidet. Levi nahm natürlich keinen Esel und kletterte immer vor meinem Esel daher. Oma wartete im Restaurant bis Mutti und ich wieder herunter gewandert waren. Danach ging es auf Kamelen zurück, natürlich auch für meine Großmutter. Ein letzter Kaffe vor dem Schatzhaus und wir wanderten zum Bus. Anstrengend war der ganze Tag schon: so freuten wir uns auf ein leckeres Abendessen, Tee am Lagerfeuer und Musik von echten Beduinen. Am nächsten Tag ging es in die Wadi Rum Wüste. Sehr beeindruckende Landschaft und auch für einen gewissen Lawrence von Arabien von Bedeutung. Die Überreste seines Hauses konnten wir auch sehen. Nach der großen Wüstentour ging zurück zum Grenzübergang und zum späten Abend kamen wir in Jerusalem an. Am nächsten Tag fuhren wir mit den öffentlichen Bussen nach Tel Aviv und verbrachten den Tag am Strand. Samstagmorgen ging es in die Davids Zitadelle und noch einmal in der Altstadt. Ein gebührender Abschied von Israel. Um 21 Uhr war ich zurück in Megiddo und Mutti und Oma auf dem Weg zurück nach Deutschland.

Mir bleiben nicht einmal ganz 3 Monate. Die Zeit ist mir davon geflogen. Alle Bewerbungen sind raus. Ich bin nicht sicher, was danach kommt und wissen will ich es auch gar nicht. Der 16. August fühlt sich an, als würde ich mich an diesem Tag selbst beerdigen müssen. Ein ganzen halbes Leben einfach zurücklassen, in guter Erinnerung an das was war. Und in Deutschland? Zuerst werde ich am Grab meines Katers weinen. Ja, mein Baby ist am 11.April in den Himmel gekommen nach einer Vergiftung. Ich habe lange gebraucht, es irgendwie zu verarbeiten, zu verstehen. Es war das Schlimmste! für mich, was hätte passieren können. Und knapp einen Monat später ist meine Urgroßmutter eingeschlafen. Es fühlt sich alles soweit weg an. So unreal. Vielleicht habe ich auch deshalb so schreckliche Angst nach Deutschland und Rietzmeck zurück zu gehen. Die Veränderungen alle mit einem riesigen Knall zu erleben. Aber bis dahin sind es noch ein paar Wochen. Der Pool im Kibbuz ist endlich offen, 43 Grad höchst Temperaturen im Mai und bald sind Sommerferien im Land.
Ja, ich habe noch sehr viel vor!

Lesen Sie mit:

Teil 20: Kurzmeldung
Teil 19: Winterferien in Israel
Teil 18: Weihnachten in Israel
Teil 17: Glaubenskrisen
Teil 16: Bilanz nach drei Monaten
Teil 15: Geburtstag und die Reise nach Jerusalem
Teil 14: Angst und Anschläge in Israel
Teil 13: Ahmadiyya, Drusen und Beduinen - Vielfalt der Religionen
Teil 12: Warum Regen glücklich macht
Teil 11: Aufräumen für die Neue
Teil 10: Heimweh
Teil 9: Endlich zu Hause
Teil 8: Geburtstag feiern und Fasten an Jom Kippur
Teil 7: Deutsche Kinderlieder und jüdisches Neujahrsfest in Isreal
Teil 6: Eselreiten und Arbeitsalltag im Kibbuz
Teil 5: Wie man einen Granatapfel richtig isst
Teil 4: Verschlafen, zum ersten Mal im Leben
Teil 3: Erste Eindrücke aus dem Kibbuz
Schnappschuss: Koscher essen bei McDonald
Teil 2: Einreise und andere Beschwerden
Teil 1: Fernweh: (M)ein Jahr auf heiligem Boden

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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 15.05.2015
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3 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 30.05.2015 | 20:59   Melden
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Florian Bittner aus Dessau-Roßlau | 31.05.2015 | 00:14   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 31.05.2015 | 05:33   Melden
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