Weihnachtsflair und kleine Glaubenskrisen

Mein Adventskranz
 
Ein Chanukkia in Tlamim
 
Meine Kollegen und ich beim verteilen der Lattkes

Ich lebe noch. Seit dem letzten Bericht war kaum Zeit einen Neuen zu verfassen und jetzt fallen mir die meisten Sachen nicht mehr ein. Heute habe ich mir allerdings vorgenommen, mal über etwas zu schreiben, was ich bereits bei meiner Ankunft geplant hatte.

Ich habe keine neue Mitbewohnerin bekommen. Sie war zwar kurz da, hat sich aber für ein Projekt in Tel Aviv entschieden. Demensprechend war der Wind, der vorher darum gemacht worden ist, völlig überflüssig. Aber so konnte auch niemand über meine Weihnachtsdeko meckern. Mein Advents-„Kranz“ nimmt immer mehr gestallt an, der Broccoli auf dem Fensterbrett wächst hervorragend und mein Schrank ist voll mit Süßigkeiten, welche mir aus Deutschland geschickt worden sind. Dementsprechend ist mein Weihnachtsteller voll und dass auch mit Clementinen aus dem Projekt. Dazu kommt, dass wir mitten im Chanukkafest stecken und auch dort die ein oder andere Leckerei übrig geblieben ist. (siehe Bild)
Informationen über das Chanukkafest
In Jerusalem habe ich mir dann auch einen Chanukkia (9 armigen Leuchter) zugelegt, wenn ich auch ein wenig mit den Kerzen gekämpft habe. Auf meinem Nachttischschrank wächst langsam eine kleine Bibliothek (6 Bücher) heran und mit Kuschelsocken bin ich perfekt für Weihnachten vorbereitet.
Mein Ausflug nach Jerusalem war wie immer super. Die anderen Freiwilligen zu treffen, bei Nora zu schlafen und gemeinsam ein bisschen Familienstimmung aufkommen zu lassen, hat mir Kraft geschenkt.
Es ist nicht so, als würde ich Zuhause vermissen. Das kommt meistens nur kurzzeitig und überfallsartig. Wenn ich zum Beispiel im Stall über irgendetwas nachdenke und plötzlich meine Gefühle wie eine riesige Fluwelle vor mir auftauchen. Allerdings kommt dann meistens irgendjemand und umarmt mich, so dass es in Sekunden wieder vorbei ist. So habe ich mich in der Nähe der anderen Freiwilligen wohl und zu gleich unwohl gefühlt. Als würde ich versuchen das alles irgendwie hinter mir lassen zu wollen.
Jetzt habe ich viel Zeit über alles nachzudenken, was früher falsch lief oder richtig. Welche Fehler ich gemacht habe oder wer mich verletzt hat. Allerdings bereue ich nichts. Denn es hat mich zu dem gemacht, was ich bin. So danke ich meinen Eltern, dass sie mir versucht haben, die Welt ein Stück näher zu bringen. Sie haben mir Flügel angenäht und ich bin ihnen davon geflogen. In jedem Land, in jeder Stadt und auf jeder Insel wo ich mit ihnen oder ohne sie war, habe ich einen Teil von mir zurück gelassen und einen neuen Teil mitgenommen. Leider ist genau diese Eigenschaft (nenne ich es mal so) auch der Grund, warum ich gierig auf immer neue Abenteuer bin. So habe ich mit Johannes eine kleine Diskussion darüber angefangen, dass man in Israel (AUCH wegen der Wehrdienstzeit) erst sehr spät mit dem Studieren anfängt. Die Leute, welche ich hier kennengelernt habe, haben zwischen 26 und 32 ihr erstes Studium begonnen. So etwas wie eine Ausbildung kennt man hier gar nicht. Meine Klassenkameraden werden dagegen mit 21/22 Jahren ihren Bachelor haben. Mein Kollege meinte daraufhin zu mir, dass man doch mit 18 oder 19 noch gar nicht weiß, was man will. Ich spüre dabei oft, dass er recht hat. Johannes dagegen meinte zu mir, dass man doch endlich auch mal mit was anfangen muss. Er ist jetzt 20. Da redet er genauso wie meine Eltern oder wie man eben in Deutschland/Europa denkt. Wenn es mit dem lernen oder dem was man sich vergestellt hat nicht passt, dann bricht man sein Studium/Ausbildung ab. Das können sich viele Israelis gar nicht leisten. Ich habe nicht vor für eine Denkweise oder ein System Partei zu ergreifen. Aber ich habe meine Mutter gefragt, ob es das war, was sie wollte: Schule, Studium, mit 26 bekam sie mich, Arbeit, Mann, Haus? Sie sagte: „ Ja! Durch meine Arbeit kann ich in den Urlaub fliegen!“ Wobei wir wieder dabei wären, was sie und Papa mir ermöglicht haben. Nur Urlaub hat nichts mit „Bagpacking“ zu tun - 4 Wochen durch Spanien auf dem Jakobsweg wandern. Einfach mal alles in einen Rucksack stopfen und die Tür hinter sich schließen. Alles nicht mehr möglich, wenn man einen festen Job hat, ein Haus, ein Kind… Aber was soll ich machen? – studieren. Gut, ich bin immer noch davon überzeugt Heilpädagogin zu werden. Bei einem zweiseitigen Lebenslauf kann ich durchaus sagen, dass ich mir damit sicher bin. Auch die Arbeit in Tlamim bestätigt mir das täglich. Nur hat sich in meinem Inneren viel verändert.
Damit wäre ich wieder bei Jerusalem angekommen und meinem religiösen Glauben. Als wir damals das erste Mal in Jerusalem waren, wäre ich fast vom Glauben abgefallen. „Auf diesem Stein soll er gesalbt worden sein!“ – Bei der Aussage wird mir immer noch leicht übel. Es handel sich dabei ja immer nur um Symbole, ebenso wie der Vio Dolorosa (der Leidensweg Jesu‘). In Wahrheit kann Jesus diesen Weg nie gegangen sein, da Jerusalem mehr als einmal abgebrannt ist. Aber als ich in der Grabenkirche stand, wo sich doch nun alles um meinen Erlöser dreht, wollte ich nur davon laufen. Dann habe ich an meine Gemeinde gedacht, meinen Pfarrer und seine Frau, an so viele Erlebnisse mit der Kirche, an meine Konfirmation und vor allem an die Diakonie. Mein Glauben hat mir so viele Türen geöffnet und ich fühlte mich miserabel. Dieses Gefühl war erst wieder weg, nachdem ich in Megiddo angekommen bin. Hier im Norden in der direkten Nachbarschaft zu Nazareth war ich wieder zu innerer Friedlichkeit gelangt. Ähnlich muss es wohl Luther ergangen sein, als er damals aus Rom zurück kehrte. Bei fast 4 Monaten die ich nun in Israel lebe, setze ich mich täglich mit dem Judentum auseinander. Das Judentum und das Christentum unterscheiden sich hauptsächlich an der Tatsache, dass ich als Christin an die Trinität Gottes Glaube (Vater, Sohn und heiligem Geist). Ich bin nur nicht sicher, was ich eigentlich bin. Denn wenn man als Christ nicht an Jesus als Messias glaubt, dann ist man Jude. Glaubt man aber als Jude an den Messias Yeshua (Jesus Christus), so ist man messianischer Jude. Generell kann ich sagen, dass ich mich seit Wochen in einem verwirrten Zustand befinde.
Worum mich viele Kollegen (auch Juden) beneiden, ist Weihnachten. Damit verbindet man eben nicht nur die Geburt des kleinen Jesus Christus sondern vor allem auch Glühwein, den Weihnachtsmarkt und den Weihnachtsbaum. Am 24. Dezember werde ich wieder nach Jerusalem fahren und dort mit den Freiwilligen der Diakonie den Weihnachtsgottensdienst in der Erlöserkirche feiern. Danach werden wir „unter dem Stern“ nach Betlehem wandern. Von dort muss ich am 25. Dezember dann zum Flughafen nach Tel Aviv fahren. Meine Eltern kommen mich für 10 Tage besuchen und langsam bin ich echt aufgeregt.

Lesen Sie mit:

Teil 21: Halbzeit - Bilanz nach sechs Monaten in Israel
Teil 20: Kurzmeldung
Teil 19: Winterferien in Israel
Teil 18: Weihnachten in Israel
Teil 17: Glaubenskrisen
Teil 16: Bilanz nach drei Monaten
Teil 15: Geburtstag und die Reise nach Jerusalem
Teil 14: Angst und Anschläge in Israel
Teil 13: Ahmadiyya, Drusen und Beduinen - Vielfalt der Religionen
Teil 12: Warum Regen glücklich macht
Teil 11: Aufräumen für die Neue
Teil 10: Heimweh
Teil 9: Endlich zu Hause
Teil 8: Geburtstag feiern und Fasten an Jom Kippur
Teil 7: Deutsche Kinderlieder und jüdisches Neujahrsfest in Isreal
Teil 6: Eselreiten und Arbeitsalltag im Kibbuz
Teil 5: Wie man einen Granatapfel richtig isst
Teil 4: Verschlafen, zum ersten Mal im Leben
Teil 3: Erste Eindrücke aus dem Kibbuz
Schnappschuss: Koscher essen bei McDonald
Teil 2: Einreise und andere Beschwerden
Teil 1: Fernweh: (M)ein Jahr auf heiligem Boden

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4 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 19.12.2014 | 16:07   Melden
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Anna Lauche aus Rietzmeck | 19.12.2014 | 16:15   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 19.12.2014 | 17:04   Melden
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 20.12.2014 | 07:24   Melden
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