Einmal Palma de Mallorca, bitte!

so schläft ein Bagpacker
 
die kleine dicke Plame, links das Hotel und die Musiker.
 
frisch verlobt und verliebt
 
die eine laut, die andere leise, du und ich, auf unsere Weise.

Oder: Der Antrag meiner besten Freundin.

31.1.17, 6:55

Welcher Wochentag es war, kann ich nicht sagen. Es war früh und im Halbschlaf schaute ich auf mein Handy, machte routiniert die Wifi- Verbindung an und augenblicklich blinkten 15 neue Nachrichten. Nichts neues also. Obwohl, dabei war eine Nachricht von unbekannter Nummer. Nichts außergewöhnliches. Seitdem ich im THW die ein oder andere Aufgabe übernommen hatte, meldeten sich regelmäßig fremde Menschen. Also die Nachricht angeklickt: „Hey Anna, hier ist Martin. Der Freund von Alex. (Aha! Nichts THW, der Freund meiner besten Freundin.) Wir fliegen ja im April nach Mallorca. (Wusste ich bereits. Hatte Alexandra mir schon vor Wochen erzählt.)

Und wir feiern ihren Geburtstag dort, der ist am 1.4. (Super. Ich weiß, wann meine beste Freundin Geburtstag hat. So ist das bei Frauen, die merken sich sowas.)
"Und da würde ich sie gerne fragen, ob sie mich heiraten möchte!“
Bumm... ich war aus dem Bett gefallen. Starrte auf mein Handy und tanzte danach laut singend „Meine beste Freundin wird heiraten“ im Kreis.

7:00

Die Nachricht beinhaltete des Weiteren, dass der Martin mich gerne beim Antrag dabei hätte und ich absoluter Schweigepflicht unterläge. Vor allem meinen Eltern und meiner Oma gegenüber. Ja, kann ich verstehen. Auf dem Dorf kennt jeder jeden uuw.

8:00

Anna an Martin: „Ok. Ich schaue, was sich machen lässt.“

9:30

In meiner Vorlesung stellte ich jedoch fest, am 3.4 geht mein Flieger von Berlin nach Edinburgh. Den bekam ich nicht mehr storniert, ebenso wie den Rückflug von Newcastle nach Berlin.

Nachdem ich meinen Planer hin und her schlug, beschloss ich einen Flug von Frankfurt nach Palma de Mallorca zu buchen und von Palma nach Edinburgh. Freitag nach Palma, Montag nach Edinburgh, Donnerstag nach Berlin.
Anna an Martin: „Die Sache steht!“

So vergingen ein paar Tage und meine grobe Planung sah wie folgt aus:
Freitag früh um 7 Uhr würde der Flieger gehen, dann wäre ich am frühen Vormittag auf der Insel. Dort hatte ich bereits ein Hostel reserviert und würde dann Samstag früh nach Cala Millor reisen. Die Stadt liegt im Osten Mallorca´s. Dort würden Alex und Martin ihr Hotel haben. Dort sollte alles passieren. In dem Hotel wäre ich eine Nacht, dann Sonntagabend zurück nach Palma und dort wieder ins Hostel. Sonntagfrüh dann zum Flughafen und ab auf die nächste Insel.

Irgendwann im März war ich dann mit meiner Mutti im Reisebüro, sie fliegt mit Papa nach Zypern dieses Jahr (ohne mich!) und wollte mit Brit (unserer „Reisetante“) ein paar Sachen absprechen. Traf sich gut, ich hatte die Hotelnacht in Cala Millor noch nicht gebucht. „Du Brit, du müsstest auch was für mich machen. Nur eine Kleinigkeit.“

Die Hotelnacht kostete mich mehr als der ganze Trip zusammen. Im stillen verfluchte ich Alex. Denkt hier denn niemand an mich Bettelstudentin?!
Brit und Mama klärte ich dann erstmals auf: „ … und wenn ich wieder Zuhause bin am Donnerstag, dann fahren wir Samstag nach Hamburg, sind Sonntag beim König der Löwen, von dort fahre ich nach Hannover und mit dem Zug nach Darmstadt!“ Ich weiß nicht, ob Mutti lachte, weil sie nicht an meine Planung glaubte oder weil sie fassungslos war, was ihre Tochter da wieder vorhatte. Allerdings zählt das Argument, dass ich ja wohl ein Jahr alleine in Israel gelebt habe zehnfach.

Während dieses Aufenthaltes bei meiner Familie hatte Martin den perfekten Plan entwickelt. Er hatte zwei Musiker engagiert, die drei Lieder für ihn spielen und zum Hotel kommen würden. Bei dem Lied „Over the Rainbow“ würde er die Frage der Frage stellen und nachdem sie „Ja!“ gesagt hatte, sollte ich auftauchen. Am besten alles am Strand. Ich habe viel geweint in der Vorbereitungszeit. Anfang Februar hatte ich mich von meinem damaligen Freund getrennt und mal wieder festgestellt, dass ich immer noch niemanden an meiner Seite hatte, der mich runterbrachte, mir Ruhe gab und Rückenhalt. Und meine beste Freundin bekam den Antrag schlecht hin und ichgönnte es ihr von Herzen so sehr, dass es mir selbst weh tat. Wobei ich ihn etwas sehr kitschig fand. Aber für Alex wäre er perfekt.


11.3.17, 11:30

Alexandra wollte mit mir telefonieren. Da sie nach dem Abitur wegen Martin nach Lörrach gezogen ist, war das viel zu oft die einzige Kommunikation, die wir uns gönnten. Wir quatschten über alles Mögliche, aber ich wusste, irgendwas lag ihr auf der Seele. Bevor wir auflegten, rückte sie mit der Sprache raus. Martin hatte wohl gesagt, er fand, dass der 18.8.2018 ein schönes Hochzeitsdatum wäre. Das ließ ihr keine Ruhe. Ich schwöre, hätte sie mir gegenüber gesessen, ich hätte alles verraten. So blieb ich cool. „Er macht schon keinen Antrag. Alex, du wirst nicht mit 23 heiraten. Ich glaube, ich spinne. Kann er sich überhaupt einen Ring leisten?“ Ja, ich bin nicht sehr nett. Er hatte aber die Mission gefährdet. Nicht ich! Ich hoffte, dass sie nicht mehr daran dachte.

31.3.17, 4 Uhr

Um diese Uhrzeit habe ich das erste Mal kapituliert. Egal, für die Liebe! Von Darmstadt kommt man sehr einfach zum Flughafen in Frankfurt. Es gibt den AIR Bus, der fährt alle halbe Stunde und kostete mich 2 Euro. Da ich nur mit Handgepäck unterwegs war, ging das dann am Schalter alles sehr zügig. Ein Mann hinter mir sagte lachend zu seiner Frau: „Guck mal so macht man das heute. Fliegt nur mit Handgepäck die junge Frau.“
Ich wollte ihm nach scherzhaft erklären, dass darin Klamotten für zwei Klimazonen sind, aber früh um 6 Uhr war auch ich nicht besonders gesprächig.

Im Flugzeug angekommen, stopfte ich mein Handgepäck in die Box über mir und setzte mich auf meinen Platz am Gang. Als zwei Männer neben mir auftauchten. Beide (!) hatten exakt den selben kleinen Koffer wie ich. Und wuchteten sie in die Box über mir. „Halt!“, ich stürzte aus meinem Sitz, „jetzt müssen wir aufpassen. Einer der Koffer ist meiner.“ Wir einigten uns darauf, dass meiner ganz rechts außen läge. Der Mann am Fenster kommentierte: „Da sollten wir echt aufpassen nachher. Sonst müssen wir im Urlaub mit Spitzenunterwäsche rumlaufen.“ Ich weiß nicht, ob ich mit den Augen rollte oder lachte. Oder sogar beides.

In Palma angekommen, war es ganz einfach einen Bus Richtung Stadt zu bekommen - das Lösen der Karte nicht ganz. Ich half dabei einer älteren Frau, die mich fragte, wie oft ich schon hier gewesen war, da ich anscheinend den Anschein machte, die Insel besser zu kennen als Deutschland. Ich ließ sie in dem Glauben.

12:00

Ich konnte relativ gut im Hostel einchecken, mein Zimmer teilte ich mir mit 14 anderen Menschen. Ein Abenteuer an sich. Danach erkundete ich die Stadt zu Fuß, die Kathedrale, den Hafen usw. Irgendwann begann ich mich mit Absicht zu verlaufen. Das mache ich manchmal, um Weg und Straße zu entdecken, welche nicht überlaufen waren. Dabei fand ich ein kleines Café, in dem ich frühstückte. Da ich allerdings noch zum Bahnhof wollte um die Busverbindung für Samstag zu überprüfen, schaute ich erstmals auf meinen Stadtplan. Wo war ich? Kurzerhand fragte ich den Kellner, der gleich von seiner Theke stürzte und mir klar machte, dass ich sehr weit vom Weg abgekommen war. Nett sind die Spanier, ja. Am Bahnhof angekommen stellte ich mit erschrecken fest, dass zum 1.4 die Fahrpläne geändert werden. Die Musiker sollten so gegen 11 Uhr ankommen. Der Bus fuhr aber erst halb 11. Ruhig bleiben.

31.3.15, 15 Uhr

Ich hatte im Internet gelesen, dass man, wenn man unter 26 Jahre alt war, 50% Rabatt auf Landfahrten bekam. Dazu musste ich eine Karte ausstellen lassen. Also zog ich eine Nummer, wartete und konnte so eine rotes Kärtchen drucken lassen. Gültig ist sie jetzt 5 Jahre. Während ich auf den Druck wartete, lass ich, dass es einen Bus um 9:30 Uhr von Manacor nach Cala Millor gibt. Nach Manacor kommt man mit dem Zug von Palma. Gut, so würde ich es machen.
Neben dem Bahnhof befindet sich ein kleiner Supermarkt, dort kaufte ich mir eine Tütensuppe, ein bisschen Käse und ein kleines Baguette.

17 Uhr

Das Wasser ist in dieser Jahreszeit noch nicht zum Baden geeignet, aber die Füße wollte ich bewässern. Ich muss zugeben, so alleine in der Stadt, nur meine Gedanken und ich. Ich hatte mich ein bisschen verliebt. Ich konnte mir nicht vorstellen, woanders zu sein. Und seit langem fand ich es gut, allein zu sein.

19 Uhr

Zurück im Hostel, nachdem ich meine Suppe gegessen hatte und geduscht war, tappste ich in mein Zimmer. „Huch. Oh, I am sorry!“ Vor mir stand ein blonder, leicht gebräunter Typ in Unterhose. Der grinste mich an und fragte, wie es mir ginge. Ich erklärte ihm, dass ich es schon fast zu heiß fand, wo ich herkam und so weiter. Es stellt sich heraus, dass der hübsche Typ Neuseeländer war und mit seinem Kumpel auf Tour. Ich erzählte ihm, was mich auf die Insel verschlagen hatte und, dass ich es witzig fände, wenn meine beste Freundin, Martin ablehnen würde (ja, ich bin gemein. Aber er war sich so sicher, dass Alex "Ja" sagen würde, dass ich leicht genervt davon war). Der Neuseeländer erklärte mir, dass Frauen nie "Nein" sagen würde. „Right. They say maybe.“ Vielleicht. Das sagen Frauen. „Na ja ich weiß, dass du morgen früh raus musst, aber vielleicht hast du ja trotzdem Lust mit mir und meinem Kumpel ein Bier trinken zu gehen?“, er grinste mich an. „Maybe!“, grinste ich zurück und er konnte nicht aufhören zu lachen.

20 Uhr

Ich wollte einfach nur noch schlafen, als ein deutsches Pärchen ins Zimmer kam. Er lag im Bett über mir, zumindest bis zur Hälfte der Nacht. Dann war er verschwunden. Sie war sehr nett und lag mir gegenüber. Irgendwann schlief ich ein.

1.4.17, 6 Uhr

6:38 Uhr stand im Internet. Um die Uhr sollte mein Bus zum Plaça d'España (Bahnhof) kommen. Nachdem ich parallel mit dem deutschen Pärchen im Flur stand und wir uns unterhielten, war es bereits 6:29 als ich fluchtartig aus dem Hostel stürzte.

6:37 Uhr war ich an der Haltestelle, welche mir zu verstehen gab: Hier kommt so schnell kein Bus. Da ich allerdings nicht so ganz auf ausländische Fahrpläne vertraue, entschied ich mich zu warten.

6:50 Uhr und 6:57 Uhr sollten die nächsten Busse kommen, welche mich sehr knapp zum Bahnhof bringen könnten.

Mein Zug fuhr laut Plan 7:15 Uhr. Ich wartete nicht lange auf einen Bus, denn der kam 6:44 Uhr. Ich freute mich über mein Bauchgefühl.

Am Bahnhof angekommen, legte ich meine tags zuvor erworbene Karte auf den Scanner des Ticketschalters und bezahlt 1,80 Euro für eine Stunde Zugfahrt. Kurze Verwirrung: Wieso bekomme ich kein Ticket? Und wieso kommt der Zug 7:10 Uhr? Learning by doing: die Karte wird aufgeladen. Man braucht also kein Ticket und Fahrpläne auch nicht!

Die Züge auf Palma sind hübsch, sauber und blau/weiß. Finde ich gut. Wie ich so vor mich hinträumte, erreichten wir eine Haltestelle und ein Mann kam zu mir. Er fragte, ob ich nach Manacor wollte und erklärte, ich müsste umsteigen. Ich vertraute ihm sofort, auch wenn ich nichts davon gelesen hatte. Meine Erfahrungen mit den Mallocanern waren ja bisher ganz gut gewesen.

Tatsächlich musste ich umsteigen und kam pünktlich in Manacor an. Dort fand ich die Bushaltestelle allerdings nicht. Auch dort half mir eine nette Frau, so dass ich rechtzeitig vor dem Hotel stand. Sogar noch eine halbe Stunde zu früh.

Ab jetzt muss ich beim Schreiben weinen.

Ich konnte bereits einchecken. Ein Meerblickzimmer, riesig groß. Ich gratulierte Alex per WhatsApp zum Geburtstag und sie schickte mir ein Bild von ihrem Hotel. Sie wusste immer noch nicht, dass ich bereits in besagtem Hotel in der Lobby saß. Die Musiker erkannte ich sofort. Martin hatte bereits das Geld für sie an mich überwiesen, so dass ich sie vorher bezahlen konnte. Außerdem hatte er mir ein Bild von einer kleinen, dicken Palme geschickt, dort sollten sie spielen. Dort würde er Alex hinbringen, dort würde er sie fragen. Ich positionierte also die Musiker, wir bestachen einen Baggerfahrer, der am Strand arbeitete, so dass er keinen Lärm machte und ich versteckte mich hinter einem Busch.

11 Uhr

Zusammen mit meiner Spiegelreflex hockte ich also hinter einem Busch. Mich sprach ein älteres Pärchen an, was ich dann dort machen würde.“Die Musiker dort drüben beobachten.“ Die Managerin der beiden Künstler filmte alles, als Martin zu „Over the Rainbow“ niederkniete. Da kam das ältere Pärchen wieder vorbei und ich rief nur: „Jetzt, schauen sie hin.“

Alex sagte schon ja, da hatte Martin noch gar nicht richtig gekniet. Ich ließ den beiden den Moment. Erst auf dem Video erkannte ich, dass Martin ihr sagte, als er mich hinter ihrem Rücken kommen sah, dass er noch eine Überraschung für sie hat. „Anna ist hier!“ Wir haben alle geweint. Alexandra war den halben Tag komplett neben sich. Ihre erste Frage an mich war: „Und was machst du jetzt hier?“ Du Trulla, ich war wegen dir dort.

Wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen und obwohl ich „allein“ war, habe ich mich seit Israel wieder "vollkommen" erlebt. Alex entschuldigte sich so oft, dass ich jetzt ihr Geturtel ertragen müsste, doch ich habe es genossen. So muss Liebe sein, bedingungslos.

In Liebe,
deine Trauzeugin

PS: Geheiratet wird in Portugal.
6
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4 Kommentare
8.509
Annette Funke aus Halle (Saale) | 27.05.2017 | 13:13   Melden
11.137
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 27.05.2017 | 13:57   Melden
2.529
Yvonne Rollert aus Halle (Saale) | 27.05.2017 | 16:42   Melden
13.590
Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 28.05.2017 | 12:33   Melden
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