Finnland – Kälte und Dunkelheit

Mein Wohnort für vier Monate

Es ist soweit, zwei Jahre sind um und ich befinde mich in Finnland. Genauer im Zug von Tampere nach Helsinki.
Wie genau ich hierher gekommen bin, weiß ich noch nicht so genau und besonders glücklich bin ich noch nicht.

Die meisten Menschen die meine Berichte gelesen haben, wissen das es mir nicht besonders gut ging, als ich von Israel zurück nach Deutschland kam. Und dieses „Nicht-Ankommen“- Gefühl hielt sich ein und ein halbes Jahr. Irgendwann kam ich von einem Trip zurück in die WG in Darmstadt und habe gerufen: „Ich bin wieder Zuhause!“. Solange hat es gebraucht, bis ich innerlich angekommen bin. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, dass ich am 01.07.17 ausziehen werde.
Danach war ich 14 Tage in Italien (Orbetello) in einem Camp mit Jugendlichen und 10 Tage auf Borkum arbeiten. Am 06.08. kam ich dann in Dessau an und war noch eine Weile daheim bei meinen Großeltern und Eltern. Am Dienstag ging es weiter nach Bremen.
Oma weinte als ich mich verabschiedete. Das war neu. Ich bin nicht einmal vier Monate weg, war ein Jahr in Israel, bin geflogen als dort mal wieder Gazakrieg war, und jetzt wo das Endziel der Reise Nordpolarkreis ist, da bekommt sie Angst.
In Bremen blieb ich zwei Nächte bei meiner Tante und meinem Onkel sowie meinen beiden Cousins. Die hatte ich vor Israel mehr als 6 Monate nicht gesehen und diesmal wollte ich es anders machen.
Als meine Tante und mein Onkel mich zum Bahnhof brachten, musste ich auch da wieder Tränen zum Abschied sehen. Von Bremen ging es mit dem Flieger nach Tampere. Eine Nacht später nach Helsinki, von dort am Montag mit dem Flieger nach Oulu. In Oulu mit dem Zug nach Kemi und dort werde ich 16 Uhr hoffentlich abgeholt und in meine Unterkunft gebracht.

Es ist wohl einfach wirklich anders.
Ich bin 21 Jahre alt, studiere Inclusive Education/ Integrative Heilpädagogik an der evangelischen Hochschule in Darmstadt, bin Mitglied im Technischen Hilfswerk und komme ursprünglich aus Dessau-Roßlau. Gerade beginne ich ein integriertes Praxisauslandssemster in Finnland/ Kemi, indem ich in einem Kindergarten arbeiten werde. Am 02.01.2018 bin ich wieder zurück. Und das hier, ja, dass wird meine Reflexion. Öffentlich, für alle lesbar.
Was ist alles anders?
- In diesem Jahr war ich, Finnland eingerechnet, bereits in sieben Ländern (davon in fünf Hauptstädten) und Kemi liegt an der schwedischen Grenze. Es kommt als noch mindestens ein Land dazu.
- Ich habe eine Aufgabe im Kindergarten. Ich möchte/muss ein Projekt starten und die Auswirkungen untersuchen. Alles wird wissenschaftlich festgehalten und macht einen nicht unerheblichen Anteil meines Durchschnittes im Bachelor aus.
- Ich bin zwar immer noch ein Freigeist, aber ich sehne mich nach einem Zuhause. Innerlich möchte ich irgendwo ankommen und deshalb war ich nicht bereit, als Finnland an die Tür klopfte. Dementsprechend ist mein Weg hier sehr improvisiert.
- Allein. In Israel waren wir ein Gruppe, eine Organisation. Zwar war ich im Kibbuz alleine, aber es waren Menschen im Land die ich kannte, die mir halfen etc. Hier bin ich aktuell noch sehr auf mich selbst angewiesen, zwar hat die Partneruniversität auch ihre Leute, aber die kümmern sich überwiegend um Organisation.
- Ich schlafe in einer Wohngemeinschaft. In Israel hatte ich mehr oder weniger meine eigene Wohnung.
- Es sind nur vier Monate.
- Meine beste Freundin kommt mich mit ihrem Verlobten besuchen. Meine Eltern kommen Weihnachten.


Ja und für den wichtigsten Punkt muss ich etwas weiter ausholen. Seit meiner Trennung im Februar war für mich klar, dass ich vor Finnland keine Beziehung mit irgendwem eingehen werde. Es gab genügend Interessenten, aber an meiner Einstellung hat sich nichts geändert.
Tja, bis ich vor etwa vier Wochen ziemlich betrunken war. (Das erste Mal in meinem Leben!) Und plötzlich, na ja ergab sich etwas, das ziemlich überraschend war.
Es gab da jemanden für den ich ziemlich lange unauffällig geschwärmt habe, der mir jedoch auch konsequent klar gemacht hat, dass er auch seine Prioritäten hat und zu denen passte meine blaue THW Uniform nicht.
Ich hatte also schon damit abgeschlossen, vermeintlich. Denn leicht angetrunken und im Abschiedsmodus meiner eigenen kleinen Feier, war ich anscheinend sehr mutig. Das Ende vom Lied, etwa zwei Wochen lang gab es Diskussionen ob: ja, Beziehung oder nein, doch nicht.
Und folgende Situation ist tatsächlich sehr Anna.
Eine Woche bevor ich nach Finnland geflogen bin, haben wir doch beschlossen es zu versuchen. Er durfte gleich eine meiner besten Freundinnen kennenlernen, deren Interview zu einem: „Den kannste behalten!“ führte und damit hatte ich erst einmal genug Bestätigung.
Ob das klappen kann? - Keine Ahnung. Es wird Arbeit. Und ich bin bereit, genau das zu tun. Dafür zu arbeiten, für ein „wir“ und kein „ich“.
An dieser Situation und meiner Einstellung dazu merke ich am meisten, was sich verändert hat. Ich bin wieder ein kleines Stück erwachsener geworden, vielleicht verliebt wie ein Teenager, aber bereit für Kompromisse.

Israel war zum Teil auch ein „sich selbst finden“, ein Ausprobieren, ein sehr großes Abenteuer. Das ist Dunkelheit und Schnee auch, aber ich weiß, dass mein Studium genau ist, was ich wollte. Deshalb ist das Praktikum in Finnland kein Test, sondern eine Aufgabe. Ich möchte Ideen sammeln, Konzepte übernehmen und anwenden, um sie dann eventuell in Deutschland brauchbar zu benutzen. Jedoch ist der Respekt vor diesem Ziel so groß, dass ich mir selbst im Weg stehe. Vielleicht übernehme ich mich. Oder ich komme zurück und fange wieder von vorn an. Habe wieder kein richtiges Zuhause, tingle zwischen meiner Heimat und Darmstadt umher. Ja, ich bin noch nicht besonders glücklich hier in Finnland, aber ich denke, dass ändert sich noch.




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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 13.09.2017
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 26.08.2017 | 13:06   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 26.08.2017 | 19:02   Melden
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Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 26.08.2017 | 20:22   Melden
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Christa Beau aus Halle (Saale) | 26.08.2017 | 21:19   Melden
MZ - BürgerReporter aus Halle (Saale) | 28.08.2017 | 12:09   Melden
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