Lappland extrem?!

Rentiere
 
ein sehr kleiner Flughafen
 
ein Flieger
 
Soljanka, hinten mit Tofu

Urlaub am Nordpolarkreis


Gerade sitze ich in Kemi in meiner Wohngemeinschaft in der Küche. Es ist halb elf morgens. Normalerweise würden wir jetzt Pancakes machen und zusammen frühstücken.
Aber ich habe immer noch kein Wort zu meinem Urlaub mit meinem Freund geschrieben.

 

Ankunft 

Noah kam am dritten November.
Ja, und damit begannen zehn ziemlich witzige Tage. Meinen letzten Bericht habe ich damit abgeschlossen, dass ich zum Sport wollte. Unser Zirkeltraining beginnt 18:00 Uhr und endet offiziell 30 Minuten später. Noah hatte schon in Helsinki geschrieben, dass sein Flieger nach Kemi Verspätung hat, aber da ich vom Sport zum Flughafen etwa eine Stunde laufen musste, war ich trotzdem ein bisschen gestresst.
Ich brauchte nur 50 Minuten zum Flughafen und war pünktlich 20:35 Uhr dort. Der Flughafen von Kemi hat nur ein Gate und das Kofferband ist in der Empfangshalle. Ein sehr niedlicher Airport.
50 Minuten zu spät war dafür das Propellerflugzeug in dem mein Freund saß. Also hockte ich mich direkt ans Fenster, neben eine Oma mit ihrer Enkeltochter die mir auf finnisch alles mögliche erzählte. Ich war so angespannt, dass ich nur freundlich lächelte.
Noah nach 12 Wochen im Arm zu haben, ( oder umgedreht) war eine total neue Erfahrung und augenblicklich war meine gesamte angesammelte Energie verflogen. Zurück nahmen wir dann ein Taxi. Ursprünglich wollten wir laufen, aber der Zeitplan war gesprengt und im Hostel, indem wir schlafen wollten, hatte ich uns für 23 Uhr angemeldet. Also sind wir in meine WG gefahren, haben einen Teil unserer Sachen abgestellt und sind dann 30 Minuten in die Stadt gelaufen.
Das Villa Kemi Hostel ist unglaublich schön und liegt quasi direkt an der Ostsee, super große Sauna und saubere Zimmer.

Kochen für die Gruppe

Für Samstag hatte ich den Erasmus- StudentInnen versprochen, dass wir Soljanka kochen würden. Jedes „Land“ muss einmal für die ganze Gruppe kochen. Da Julia aus Bayern stammt, hat sie zusammen mit einem Münchner bayrisch gekocht und ich bin alleine übrig geblieben.
Berth ist die einzige Person aus Belgien, also hatten wir beschlossen, dass das Hauptgericht typisch DDR wird (was auch immer das heißt!) und der Nachttisch belgisch. Da ich nicht besonders gut kochen kann, habe ich natürlich großes Glück, dass mein Freund darin wirklich super ist. Also wurden am Abend alle satt und die Soljanka alle.
In Kemi gibt es nur eine Disco oder einen Klub. In dem ist eine Karaokebar, eine Tanzfläche und eine Terrasse. Also gingen wir nach dem Essen noch alle tanzen. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal wirklich getanzt habe. Vom Corner Inn ist es auch nicht mehr ganz so weit ins Hostel.

Rovaniemi

Sonntagmittag waren wir mit Berth und Julia im Hessburger verabredet. Das ist eine Burgerkette ähnlich eines McDonalds. Problematisch war nur, dass ich vorher noch Wäsche waschen wollte, obwohl ich ja wusste, dass um 13:30 Uhr unsere Zug nach Rovaniemi fuhr. Wir mussten ein bisschen zum Bahnhof eilen, aber geklappt hat trotzdem alles. Zug fahren in Finnland ist sehr angenehm, Verspätung ist aber einkalkuliert und normal.

In Rovaniemi hatten wir auch ein ganz nettes Gästehaus und ab da begann mein Urlaub. Am Montag wollten wir ins Arktikum. Das ist ein riesiger Glasbau und Museum über Lappland, die Nordlichter und die Kultur der Region. Das hatte leider geschlossen und so waren wir nur spazieren.

Natur pur 

16 Uhr wollte uns der Eero am Gästehaus abholen.
Noah und ich haben diesen Urlaub schon im September durchgeplant. Manchmal gar nicht so einfach, wenn man mehrere tausend Kilometer getrennt ist. Irgendwie sind wir dann auf Eero's Angebot und seine Hütte gestoßen. Eero lädt für ein bisschen viel Geld (zumindest für Studenten) in seine Hütte am Fluss ein, er kocht finnisch, geht mit einem wandern, erzählt viel und schmeißt die Sauna an. Das kleine Häuschen hat keinen Strom, kein Wasser und liegt mitten in der Natur.

Wie kommen also Montagabend 17 Uhr an einem Wanderweg an. Der Fluss, über den wir drüber sollten, trägt unser Gewicht noch nicht und wir müssen laufen. Etwa vier km. Nur mit Stirnlampe und unseren Klamotten auf dem Rücken. Die ersten zwei Kilometer sind befestigter Wanderweg, die nächsten Zwei führen durch vereisten und beschneiten Morast und den finnischen Wald Querfeldein.
Eero immer Vorweg, dann Noah und ich versuche mit meinen kurzen Beinchen Schritt zuhalten. Irgendwann ruft unser Guide: „Achtung, hier kommen Löcher!“
Ich, Fuchs, denke mir also, dass es wohl sehr intelligent ist in Eero's und Noah' Fußstapfen zu treten. Haha! Die Schneedecke hielt bei beiden, nur bei mir ließ sie nach. Ich weiß nicht, ob es ein Geräusch gab, als ich mit dem linken Bein bis übers Knie im Nichts verschwunden bin. Erste Reaktion: lachen. Noah, mein Ritter, kam mir natürlich gleich zu Hilfe. Ich versuchte also mit dem rechten Bein halt zu finden. Haha! Rutsch... und auch das war von der Dunkelheit verschluckt. Bis zur Hüfte steckte ich also im wahrsten Sinne des Wortes im Wald fest. Und es war kalt.
Nachdem ich wieder frei war, ging es zügig voran. Diesmal sollte ich in der Mitte laufen. Eero rief wieder: „Achtung, hier kommt Wasser!“
Wir ahnen es schon. Ich überlegte mir: „Anna, tritt nicht dahin, wo der Eero vorher gelaufen ist!“
Jaja, diesmal machte es platsch und ich spürte wie Wasser von oben in meinen linken Schuh schwappte.
So schleppte ich mich die nächsten Meter zur Hütte, in der erst einmal Feuer angemacht werden musste und wir unser Bett bezogen. Am Abend gab es finnischen Flammen(lachs). Eigentlich war es eine Regenbogenforelle. Aber wir wollen mal nicht so sein. Ich habe noch nie einen so glücklichen Menschen gesehen, wie meinen Freund beim Anblick des fertigen Fisches. Und geschmeckt hat es auch noch.

Am nächsten Tag waren wir wandern, kurz nachdem wir aus einer Quelle frisches Trinkwasser geschöpft haben. Eero hat uns unter anderem im Schnee Hufabdrücke von einem Elch gezeigt. Das war schon ziemlich verrückt. Auf den Stellen gibt der Schnee übrigens nicht nach, dass habe ich ausprobiert.
Wie waren bis zur Dämmerung unterwegs. Mittags gab es auf einer Feuerstelle dann die Reste vom Fisch, Brotkäse (Leipäjuusto) und Tee. Die Feuerstelle gibt es an allen Wanderwegen in Finnland. Manche sind super groß und mit Hütte. Diese werden von dem Forst oder der Stadt sauber und in Ordnung gehalten. Feuerholz gibt es auch immer. Ein wunderbarer Service.
Abends gab es Rentierfleisch und Kartoffelbrei. Davor waren wir noch in einer echten feuerholzbeheizten Sauna und Eero gab uns Unterricht im gießen der Aufgüsse. Abgekühlt wird sich im Fluss. Also eher in einem Loch, welches der Eero in den Fluss geschlagen hat. Ich bin nicht ins Loch gehüpft. Meine Angst vor Wasser ist viel zu groß. Aber Noah, aufgeheizt von der Sauna. Und dann standen wir da. Auf dem Fluss, nass, abkühlend unter den Nordlichtern. Eine ziemlich krasse Erfahrung, mit oder ohne Eisbad.

Mittwoch früh gab es noch einen Eisangelversuch. Leider ohne Erfolg und 15 Uhr waren wir bereits zurück in Rovaniemi. Bereit für unserer Ausflug nach Äkäslompolo. 

Äkäslompolo 

Mit dem Bus fuhren wir etwa 2 Stunden Richtung Nordwesten und stiegen am Kittilä-Airport aus. Dort warteten wir eine Stunde auf unserer Shuttle Taxi, dass uns ins 7 fell's Hostel. Als wir den Urlaub geplant haben, stieß ich auf diese Unterkunft und ich habe mich sofort verliebt. Seid Israel und dem Abraham Hostel, bin ich Fan von Backpackerunterkünften und Gemeinschaftsküchen. Zumindest habe ich voll ins Schwarze getroffen mit dem 7 fells. Die Inhaberin arbeitet auch dort und hat uns gleich in Empfang genommen. Der Eingangsbereich ist mit Teppich ausgelegt und man soll die Schuhe ausziehen, und Hausschuhe tragen. Super gemütlich, gute Atmosphäre und draußen überall Schnee. Wir hatten allerdings unser eigenes Apartment bisschen außerhalb. Das war riesig und super gut ausgestattet. Ich hatte am selben Abend noch Schüttelfrost und war froh in einem warmen Bett zu schlafen.

Die restlichen Tage waren wir viel draußen spazieren, wandern, einkaufen und einmal essen. Äkäslompolo liegt quasi direkt im Ylläs. Der Ylläs ist Finnlands größtes Skigebiet. Das Dorf selber hat 400 Einwohner. In den nächsten Jahren sollen dort Unterkünfte für mehr als 30.000 Besucher entstehen. Die Gegend selbst besteht aus 7 Bergen (Hügeln). Den besagten 7 fells und man kann ganzjährig unterschiedliche Wander- und Aktionstouren buchen. Das Hostel liegt direkt an einem Berg, den wir etwa 1 Stunde hoch gewandert sind. Zum Glück war vor uns schon einer oben, so konnten wir den Fußspuren folgen. Es hatte tagelang geschneit und wir hatten am Samstag Glück so herrlichen Sonnenschein zu haben.
Abends wollten wir noch essen gehen, da aber der November weder Sommer- noch Wintersaison ist, gab es nicht als so viele Möglichkeiten. Wir entschlossen uns Pizza essen zu gehen. Noah bestellt eine mit Bären- und Rentierfleisch, ich mit Lachs und Frischkäse. Die Pizzen waren riesig. Währenddessen suchten wir im Internet nach einer Angabe, über das Schießen von Braunbären in Finnland. Da wir kurz zweifelten wirklich Bär zu essen. Geschätzt leben 1500 bis 2000 Bären im Norden Finnland. Davon werden etwa 200 Bären gezielt gejagt und deren Fleisch verkauft.

Am Sonntag checkten wir gegen 12 Uhr aus und setzten uns in den Aufenthaltsraum des Hostels. Dort blieben wir etwa eine Stunde allein, bis eine Reisegruppe bestehend aus älteren Menschen herein kam. Noah hatte gerade ein Tischbillard vor uns aufgebaut. Da die Gruppe aber einem Vortrag zum Hostel lauschen sollte, wollte ich nicht spielen um niemanden zu stören. Neben uns saß ein Paar, dass uns dazu aufforderte weiter zu spielen. Also versenkte Noah die ersten Kugel und freute sich über Jede riesig. Laut waren wir nicht, aber ich ärgerte mich über jeden Triumph meines Freundes, was zu einer absoluten Kulisse für die Menschen um uns wurde. Am Ende mussten sich fast alle das Lachen verkneifen.

Gegen 16 Uhr kam unsere Bus direkt nach Kemi. Es fährt zur Zwischensaison nur ein einziger Bus. Der kommt Sonntags und braucht etwa drei Stunden. Er hält offiziell direkt vor dem Hostel, dort steht nur ein kleines Schild mit einem Bus drauf. Ein bisschen Spannung lag in der Luft, da ich bisher in allen Ländern zumindest eine Bushaltestelle gewöhnt bin. Und es gab nur diesen einen Bus, der uns 300 km weit bringen sollte. Geklappt hat dennoch alles super.
Zurück in meine WG saßen wir dann noch eine Weile zusammen und um Berth nicht zu stören, legte ich meine Matratze in die Küche. Noah's Rückflug ging um fünf Uhr morgens, um halb vier sollte das Taxi kommen. Weil ich am selben Tag arbeiten musste und die beiden Mädels nicht wach machen wollte, dachte ich es wäre eine gute Idee in der Küche zu schlafen. Um drei Uhr klingelte dann der Handywecker, kurz danach auch noch Noah's Armbanduhr und ich musste lachen, weil wir ja eh nicht wirklich schlafen konnten. Das Taxi kam pünktlich und die letzte Umarmung für die nächsten sieben Wochen war natürlich emotional. Da ich nicht schlafen konnten, macht ich nachts um vier noch meine Wäsche im Wäschehaus fertig. Als ich eine Nachricht erreichte: „Der Flughafen ist noch zu.“ Der wird erst 1 ½ Stunde vor Start des ersten Flugzeuges aufgeschlossen.
Das ist auch eine neue Erfahrung gewesen und eine lustige noch dazu.
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 07.12.2017
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6 Kommentare
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Stefanie Teuscher aus Löbejün | 02.12.2017 | 20:50   Melden
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Peter Pannicke aus Wittenberg | 02.12.2017 | 22:06   Melden
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Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 03.12.2017 | 19:05   Melden
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beatrice haeusgen aus Halle (Saale) | 03.12.2017 | 20:53   Melden
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Christa Beau aus Halle (Saale) | 03.12.2017 | 21:37   Melden
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Steffi Lammel aus Löbejün | 05.12.2017 | 17:52   Melden
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