Waldmast im Hutewald

Zuerst ein Bummel durch Uslar, dem Tor zum Solling
 
Lebensweisheiten
 
historisches Rathaus mit "Langer Straße"
Bodenfelde: Amtsmühle | Bei einem meiner Ausflüge wollte ich ursprünglich historische Städtchen im 3-Ländereck Niedersachsen – Hessen - Nordrhein-Westfalen besuchen. Genau durch Bad Karlshafen, wo ich mein Hotelzimmer hatte, gingen die Landesgrenzen.
Am nächsten Morgen stattete ich zunächst dem reizvollen Uslar einen kurzen Besuch ab. Doch dann zog es mich bei strahlendem Sonnenschein, hinaus in die winterliche Natur.
Bei der Anreise hatte mir eine nette Rangerin im Wildpark Haus Solling den Tipp gegeben, unbedingt den Hutewald zu besuchen.

Das Hutewald-Projekt – zurück zur Natur im Naturpark Solling-Vogler im Weserbergland

Bis zu dieser Zeit hatte ich noch nichts vom „Hutewald“ und „Waldmast“ gehört, geschweige denn einen richtigen besucht.
Vorangestellt wieder etwas Grundsätzliches dazu: *, **, **)
Seit Sommer 2000 findet in Deutschland ein Experiment statt, das richtungsweisend für die künftige Landschaftspflege sein könnte. In einem rund 170 Hektar großen Waldgebiet bei Holzminden im Solling (südliches Niedersachsen) wurden zu Projektbeginn rund 30 Heckrinder und 30 Exmoor-Ponys ausgesetzt. Sie sollen dort die Pflege eines Eichenwaldes übernehmen.
Sinn des Projekts
Das hört sich im ersten Moment ungewöhnlich an, basiert jedoch auf einer inzwischen fast vergessenen Form der Tierhaltung. Bis ins 18. Jahrhundert schickten Bauern ihre Tiere zur Mast in den Wald. Solche Wälder, in denen Tiere gehütet wurden, nannte man "Hutewald". Sie zeichneten sich unter anderem dadurch aus, dass die Tiere nachwachsende Bäume als Nahrung nutzten und somit verhinderten, dass ein dunkler Wald entstehen konnte.
Es handelt sich um eine historische Waldnutzungsform, die für die normale Futterversorgung des Viehs, vor allem aber auch für das Mästen des Viehs (Viehmast vor allem mit Eicheln und Bucheckern) eine wichtige Bedeutung hatte.
Bedingt durch den Verbiss und die Beweidung des Baumjungwuchses, der aufkommenden Strauchschicht und der Krautschicht entstanden charakteristische helle und offene Wälder mit einem geringen Unterwuchs, einem hohen Anteil von Mastbaumarten (Eichen, Buchen) und vereinzelt stehenden älteren Bäumen mit oft großem Stammumfang, breiten Baumkronen und einer gegebenenfalls verbissbedingten Deformation (Hutebäume) sowie einem unter Umständen fließenden Übergang zu baumbestandenen Weiden.
Hutewälder sind heute sehr selten geworden und oft nur noch in einem überwachsenen Zustand oder als Flächenrelikt erhalten.
Insbesondere bieten alte Hutebäume mit ihren charakteristischen Baumhöhlen aus Sicht des Artenschutzes vielen totholz- und altholz-bewohnenden Insekten und Vögeln Unterkunft und Nahrung.
Allein im Projektgebiet sind rund 600 gefährdete Arten der Roten Listen Niedersachsens und Deutschlands beheimatet.

Somit besitzen die Hutewälder aufgrund ihres typischen Erscheinungsbildes und ihrer Funktion als Lebensräume und Lebensstätten eine wichtige Bedeutung für Naturschutz und Landschaftspflege.
Ziel des Hutewald-Projekts ist es herauszufinden, wie sich ein Wald verändert, wenn Heckrinder und Ex-moor-Ponys dort wieder das Regiment übernehmen. Wie wird sich die Pflanzenwelt verändern? Werden sich neue Tiere und Insekten ansiedeln? Und nicht zuletzt - wie passen sich die Rinder und Ponys an die Freiheit an?
In beiden Fällen handelt es sich um Rückzüchtungen, denen die ausgestorbenen Wildformen Auerochse und Tarpan als Vorbild dienten. Durchgeführt wird das Projekt vom Naturpark Solling-Vogler im Weserbergland.

In den Niederlanden gibt es seit längerem ähnliche Versuche auf weitaus größeren Flächen. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass die rückgezüchteten Tierarten eine preiswerte Methode darstellen, wirtschaftlich nicht nutzbare Flächen vor der völligen Verwaldung zu bewahren.

Schon in den ersten Jahren zeichneten sich im Projektwald erstaunliche Ergebnisse ab. So zerstörten die Rinder und Pferde auf der Suche nach Nahrung vor allem die Bestände des Adlerfarns. Dieser war vorher weit ausgebreitet und nahm kleineren Pflanzen Licht und Lebensraum. Zudem fressen besonders die Ex-moor-Ponys die Triebe und Knospen junger Rotbuchen und verhindern so eine weitere Verdunklung des Waldes.

Nun zu meiner Exkursion - Besucher sind in diesem Waldgebiet ausdrücklich erwünscht. Ich folgte weitgehend dieser ausführlichen Beschreibung!
http://www.bergfex.de/sommer/niedersachsen/touren/...
Also schnupperte ich neugierig in ein für Deutschland wohl einzigartiges Projekt.
Hutewald - Andeutungen gibt es auch an anderen Orten, so zum Beispiel im Mönchswald Walkenried/Südharz. In den Sommermonaten wird dort der ehemalige Hutewald mittlerweile wieder von friedlich grasenden Hausschweinen und Ziegen bevölkert.

Hier aber im Solling leben die Heckrinder und Exmoor Ponys das ganze Jahr im Wald.

Ich startete am Parkplatz Amtsmühle/ Zehntscheune Nienover.
Die Wanderung auf dieser "Lebensraumroute" ist kostenlos; Hunde dürfen in das eingezäunte Projektgelände nicht mit hinein.
Im Schaugehege, gleich zu Beginn der Wanderung, bekam ich einige Heckrinder und Exmoor-Ponys zu Gesicht. Im direkten Projektgebiet hielten sich die mindestens 60 Tiere dann wohl doch an anderer Stelle des Waldes auf. Trotzdem war es eine vergleichsweise kurze, doch traumhafte und lehrreiche Wanderung durch einen uralten Eichenwald, wie ich ihn in dieser Form noch nicht gesehen habe.

Auch ohne Wild im Walde zu Gesicht zu bekommen entzückten mich stattdessen zwei noch nie gesehene Naturphänomene.

Haareis, auch Eiswolle genannt und Kammeis, (Stängeleis)

Während das weiße, watteähnliche Haareis auf Totholz anzutreffen war, wuchs das Kammeis scheinbar aus dem Waldboden heraus.
Hier eine nette Kurzfassung von:
http://blog.dasmagazin.ch/2013/01/08/kammeis/
„…Kamm- oder Stängeleis – ein seltenes Phänomen, das nur auftritt, wenn die Voraussetzungen genau stimmen: Es braucht einen feuchten, schneefreien Boden, einen unterirdischen Wasservorrat und Tempera-turen knapp unter dem Nullpunkt. Unter diesen Bedingungen ist das Wasser im Boden nicht gefroren, aber es gefriert an jener Stelle, wo es an die Oberfläche tritt. Wenn nun genug Wasser nachdrückt und fortlaufend gefriert, wachsen die Eiskristalle in die Länge. Im Extremfall können sie sogar Steine anheben….
Noch interessanter als das Kammeis ist das viel feinere Haareis. Es wächst lockenförmig aus totem Buchen- oder Eichenholz.
Ein spannender Punkt beim Haareis ist, dass die Details seiner Entstehung erst vor wenigen Jahren geklärt wurden, und zwar vom Schweizer Naturforscher Gerhart Wagner .. beim Haareis handelt es sich im Gegen-satz zum Kammeis) nicht um ein rein physikalisches Phänomen: Es ist vielmehr ein Pilz (beispielsweise der Goldgelbe Zitterling) daran beteiligt. Das Totholz muss dabei von diesem Pilz durchsetzt sein. Wiederum wachsen die Eisnadeln, wenn genug Wasser an die kalte Luft gelangt. Das Wasser stammt diesmal aber nicht aus dem Boden, sondern aus dem Holz: Es handelt sich um ein Stoffwechselprodukt des im Holz le-benden Organismus. Das Haareis ist also gewissermaßen der gefrorene Atem des Pilzes.“
Siehe auch: „Eis, so fein wie Wolle“
http://www.faz.net/aktuell/wissen/physik-chemie/ra...

Nun müsste ich noch zu den sogenannten „Ochsenwochen“ im Herbst hin, um das Fleisch der halbwild lebenden Tiere zu verkosten…
Auf der Rückfahrt zum Hotel hielten wir nochmal kurz bei anderen Sehenswürdigkeiten an der Straße an, so:
• alten Buchen im Solling
• den gewaltigen Resten der „Donnereiche“
• Weser-Skywalk mit einem grandiosen Ausblick ins Wesertal, die Hannoverschen Klippen und auf das Kronendach des angrenzenden „Buchen Urwaldes“.– auch ohne Panzerglas nichts für Angsthasen

*) http://www.hutewald.de/
**) http://www.naturpark-solling-vogler.de/index.php/h...
***) http://www.planet-wissen.de/natur/landschaften/nat...
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3 Kommentare
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Ralf Springer aus Aschersleben | 01.03.2016 | 00:13   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 01.03.2016 | 11:56   Melden
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Dieter Gantz aus Querfurt | 08.03.2016 | 17:50   Melden
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