Hochzeit 1555 in Stangerode

1555: König Ferdinand I. eröffnet den Reichstag zu Augsburg, um Fragen der Religionsfreiheit zu klären. Nach 15-monatiger Belagerung bezwingt Cosimo I. de’ Medici Siena und gliedert die Stadt in das Großherzogtum Toskana ein. Kaiser Karl V. dankt ab. Es hat in dieser Zeit bewegendere Jahre gegeben. Ein gutes Jahr, wird sich Nicolaus Rhokol, Richter und angesehener Mann in Stangerode gedacht haben, um seine Angebetete zum Altar zu führen. Am 16. Juni im Jahre des Herren 1555 wurde mit allem drum und dran Hochzeit gehalten. Die Leute konnten damals noch richtig feiern – bis zum nächsten Event können gut und gerne Jahrzehnte vergehen – dachte man - und haute ordentlich auf die Pauke. Und von einem VIP erwartete man schon damals, dass er Gott und Teufel einlädt und auch alle Anderen, die von der Sache Wind bekommen hatten und sich einfunden, ordentlich gespeiset wurden. Auf die Bedeutung des Alkohols bei solchen Festen einschließlich anderer BTM muss in diesem Zusammenhang wohl nicht näher hingewiesen werden.
Kurz um, unter den Gästen fanden sich zahlreiche Bettler und übles Gesindel. Der geneigte Leser ahnt es bereits – die Mischung stimmt: „Alkohol und laute Musik – der direkte Weg ins Verbrechen“.Der Tag war lang und anstrengend. Daher eine Zusammenfassung der Ereignisse des 16.6.1555: 9.30 Uhr, der Pfarrer Johann Brunen aus Alterode läutet die Glocken der Sankt Salvatoris Kirche zu Stangerode. 10.00 Uhr, die Familien der beiden Verlobten und die Gemeindemitglieder finden sich in der Kirche ein. 10.30 Uhr Pfarrer Brunen gibt dem jungen Paar seinen Segen. 11.00 Uhr, die Hochzeitsgesellschaft begibt sich zur im freien auf dem Hofe Rhokol vorbereiteten Hochzeitstafel. Bis 12.30 Uhr Grußworte der geladenen Gäste, die ersten Speisen und Getränke werden aufgetragen. Es gibt Schmalzsuppe mit Brot, Sau am Spieß und dazu Bier. Ab 14.00 Uhr, es finden sich einige, namentlich nicht bekannte Bettler und Landstreicher ein, jeder von ihnen bekommt Essen und Trinken. Langsam kommt die Feier in Schwung. Meister Rhokol schlägt ein weiteres Fass Bier an, ein Spielmann sorgt für Tanzmusik. Alle feiern bis es dunkel wird. An eine Heimkehr ist für einige der zu Fuß angereisten Gäste nicht mehr zu denken. Rhokol bietet ihnen daher an in einer Scheune auf seinem Hofe zu nächtigen. Unter diesen Gästen ist auch ein Ehepaar, ein lediges Weib mit einem Drescher aus Mansfeld sowie 3 Bettler. Durchaus eine brisante Zimmerbelegung. Das nun Folgende wird in der uns heute zur Verfügung stehenden Quelle wortwörtlich wie folgt wiedergegeben: „Da sie aber die Nacht in voller Weise über den Weibern mit denen zween Unzucht getrieben, uneinig worden, haben die sich unter einander also geschlagen, das der eine, so sich seines Weibes angenommen, tot blieben.“ Das Treiben flog auf, die Beteiligten wurden verhaftet und auf die Burg Arnstein gebracht. Der Prozess folgte auf dem Fuße. Schließlich verfügte man über den Sachsenspiegel, in der 1215 überarbeiteten Fassung des Eike von Repgow. Die Richter kamen zu folgenden Urteilen: Der Drescher und einer der Bettler wurden des Todes schuldig befunden, durch das Schwert gerichtet und gerädert. Von den beiden Weibern wurde die eine zur Staupe geschlagen, die andere verbrannt, weil sie in dem Verfahren – vermutlich unter Folter – gestand, Gift vergeben zu haben. Die anderen wurden freigesprochen. Eine Hochzeit und vier Todesfälle.
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