Questenberg

Questenkreuz

Der Ort könnte kaum geheimnisvoller sein. Wer von der A38 über Bennungen und Wickerode in das Tal des Harzflüsschens Nasse gelangt, verspürt sogleich den besonderen Reiz dieser bizarren, von Klüften, Schluchten, Erdfällen und Höhlen geprägten Südharzer Karstlandschaft. Steil aufragende weiße Gipswände wirken wie der Eingang zu den Ruinen eines Felstempels.

Das an den hellen Felsen reflektierte Sonnenlicht taucht den kleinen Ort, der sich in seiner Ausdehnung in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat, in ein besonderes Licht. Diese, alles ringsherum vergessen lassende Ausstrahlung, ist schon unseren frühen Vorfahren aufgefallen. Ausgrabungen haben Funde aus der Eisenzeit hervorgebracht.

Archäologen fanden auf umliegenden Bergen drei Wallburgen: die Wallburg Queste, die Wallburg Arnsberg und die Wallburg Klauskopf. Der heutige Ort Questenberg wurde 1397 erstmalig urkundlich erwähnt und entstand offenbar im Zusammenhang mit der nördlich auf einer Bergspitze errichteten Questenburg. Erster Burgherr war vermutlich der Knappe Fridericus de Questenberg, der hier 1275 eine urkundliche Erwähnung hinterlassen hat.

Von der spätromanischen bis gotischen Burg sind nur noch der Torbogen, ein Kellergewölbe und Reste des Bergfriedes erhalten – aber sehenswert. Gegenüber der Burgruine thront das eigentliche, namensgebende Wahrzeichen des Ortes, das Questenkreuz mit dem Questenkranz auf dem Questenberg. Ja, es thront. Denn keiner der das Tal der Nasse, übrigens ein sehr passender Name für ein Füßlein, durchfährt, kann sich diesem Blickpunkt entziehen. Allein die Bezeichnung „Queste“ wirft schon Fragen auf. Vermutet wird, es handele sich um eine germanische Irmensäule.

Der Name des Knappen de Questenberg hört sich irgendwie französisch an, „de“ heißt hier ins Deutsche übersetzt „von“. Im altfranzösischen steht das Wort „Queste“ für „Ersuchen oder Begehr“ und leitet sich aus dem Lateinischen Wort „questus“ für „Klage“ ab. Im heutigen Französisch und Englisch bedeutet das Wort „question“ bekanntlich einfach nur „Frage“. Dann steht das Wort aber auch für Heldenreise oder Suche. Wie dem auch sei, die Queste hat jedenfalls irgendetwas mit der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens zu tun. Das ist vielleicht etwas schwammig, aber wer würde die Aktualität dieses Themas ernsthaft bezweifeln?

Vielleicht ist dies die einfache Antwort auf die nicht so einfache Frage, wie sich der Kult um die Queste so lange halten konnte. Die Gestalt der Queste zeigt die alte germanische Rune „T“, den Questenbaum und die Querstange, das Symbol für den germanischen Gott des Kampfes und Sieges Tyr. Tyr oder Tiwaz genannt steht in der altgermanischen Mythologie auch für Wahrer des Rechts und Schützer der Thingversammlung.

Und dann gibt es noch die Sage von der kleinen Jutta. Eigentlich müsste die Sage heißen: „Wie die Queste zu ihren lustigen Quasten kam“. Und diese Sage geht so: In der Questenburg lebte einst der Ritter Knuth, der hatte eine einzige Tochter, die er über alles in der Welt liebte. Und weil er sie so liebte, durfte sie auch machen was sie wollte und solange sie wollte. Eines schönen Tages spiele klein Jutta vor der Burg, pflückte Blümchen hier und pflückte Blümchen dort und verlief sich, wer hätte es gedacht, im Wald.

Des Abends kam das Kind an eine Köhlerhütte. Aus welchen kinderpsychologischen Gründen auch immer, verlangte Jutta von dem Köhler nur Kost und Logis und machte keine Anstalten nach Hause zu kommen. Beharrlich verschwieg sie dem Köhler wer und woher sie sei. So blieb dem armen Köhler nichts weiter übrig, den Wünschen des eigensinnigen Mädchens zu folgen.

Es vergingen drei Tage, an denen sich Jutta mit dem Flechten von Blumenkränzen mit kleinen Quasten beschäftigte. Der Vater fürchtete das Schlimmste und mobilisierte die ganze Bevölkerung, seine Tochter zu suchen. Unbekümmert fanden sie Jutta, Blumenkränze mit kleinen Quasten flechtend, vor der Köhlerhütte. Der Vater überschäumend vor Glück, seine Tochter unversehrt in Sicherheit zu wissen, ließ den Questenbaum errichten, der fortan zum Pfingstfest mit einem Kranz und daran befestigten Quasten geschmückt wurde. Einige behaupten, der kleine Ort hieße erst seit dieser Begebenheit Questenberg.

Das geht aber nicht, weil Ritter Knuth mit seiner Tochter erst im 15. Jh. dort gelebt haben soll, der Knappe de Questenberg aber schon 200 Jahre davor. In der Ortsmitte steht ein hölzerner, in den letzten Jahren rekonstruierter, Roland. Der bunte, mit seinen gelben Hosen und roten Jacke, eher freundlich als rechthaberisch dreinschauende Roland, der mit seinem Schwert irgendwie an seinem rechten Ohr zu kratzen scheint, signalisiert uns: hier wurde im Mittelalter nach den Regeln des Sachsenspiegels „Recht“ gesprochen. Und vollstreckt wurde es natürlich auch gleich. Am Halseisen an der Kirchhofsmauer, einem mittelalterlichen Pranger. Alles noch da. Also Vorsicht!
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2 Kommentare
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 30.01.2013 | 07:33   Melden
Gitte Kießling aus Halle (Saale) | 30.01.2013 | 14:08   Melden
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