Das Bild des Mohren

"Heiliger Moritz" am Moritzzwinger in Halle (Saale) im November 2012
 
"Heiliger Moritz" am Moritzzwinger in Halle (Saale) im Februar 2008
 
"Heiliger Moritz" am Torturm der Unterburg der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) im Juli 2007
An erstaunlich vielen Stellen in Halle findet man historische Abbildungen von Afrikanern, dabei mehrfach auch zusammen mit dem Begriff "Mohr". Das Wort selbst ist durchaus zu recht immer wieder dem Rassismusverdacht ausgesetzt, da es pauschal Menschen dunkler Hautfarbe zusammenfasst und auf diese reduziert, zumal es anfangs ausschließlich Menschen aus Mauretanien ("Mauren") gemeint zu haben scheint und erst später auf alle Bewohner Afrikas ausgedehnt wurde.

Obwohl im heutigen Sprachgebrauch so gut wie niemand mehr das Wort benutzt, flammen immer wieder Debatten um Begriffe wie "Mohrenkopf" (Gebäck), "Mohr im Hemd" (Süßspeise) oder "Mohrenapotheke" auf, deren auffällige Gemeinsamkeit es zumindest ist, dass sie dem späten 19. Jahrhundert entstammen. Es ist heute ein veraltetes Wort, mit dem aber eine gewisse Herabsetzung verbunden war, die die Redewendung "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan" eindrucksvoll illustriert, welche aus Friedrich Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" (1783) entlehnt ist.

Etwas anders ist es bei dem Bild des "Mohren", denn wenn dieser etwa im Bambusröckchen und mit Jagdspeer an der Reilsapotheke in Halle abgebildet wird, dann kann durchaus der Eindruck einer Diskriminierung entstehen, da hier scheinbar Rückständigkeit suggeriert wird. Weitgehend übersehen wird dabei aber, dass man in dieser Zeit damit nicht diskriminieren wollte, sondern im Gegenteil damit werben. Wer sollte in eine "Mohrenapotheke" gehen oder Sarotti-Schokolade essen, wenn damit eine negative Bedeutung verbunden wäre? Man wollte offenbar lediglich die Herkunft darstellen, auf die man stolz war, weil sie dem Geschäft einen internationalen Anstrich gab.

Der wahre Grund für die starke Verbreitung von zum Beispiel Mohrenapotheken ist aber noch ein anderer als ein rein wirtschaftlicher. Viele Städte Mitteldeutschlands gehörten im Mittelalter zum Erzbistum Magdeburg, welches den heiligen Moritz und die heilige Katharina als Patrone gewählt hatte. Moritz ist die deutsche Version von Mauritius und dieser war ein christlicher Märtyrer, der in Ägypten gestorben sein soll. Deshalb wird er häufig als Afrikaner hergestellt. Gängig ist dabei die Zugabe von Schwert und Schild sowie einer Rüstung, da er die Thebäische Legion anführte. Eine schöne Version dieser Darstellung kann man in Halle am Moritzzwinger sehen, wo er vom halleschen Bildhauer Christoph Weihe im Jahr 1987 auf dem Pferd reitend geschaffen wurde.

Schild und Speer des "Mohren" am Reileck gehören direkt in diese Traditionslinie der Mauritius-Darstellung. Dem Heiligen ist in Halle die Moritzkirche und die Moritzburg geweiht worden und es ist natürlich kein Zufall, dass es solche Bauwerke auch in Naumburg und Zeitz (Burgenlandkreis) gibt, und dass auch in diesen Orten Mohrenapotheken zu finden sind, denn auch das Bistum Naumburg-Zeitz gehörte ebenfalls zum Erzbistum Magdeburg. In Aken (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) oder auch Förderstedt (Salzlandkreis) hat es der heilige Moritz in Form eines "Mohren" durch den magdeburgischen Einfluss sogar bis ins Wappen geschafft.

Durch die ottonische Förderung des Mauritiuskultes im späten zehnten Jahrhundert war auch die Reichsgeschichte eng mit Moritz verknüpft worden und so wurde zum Beispiel die Heilige Lanze, wichtiges Symbol der Macht, auf ihn zurückgeführt. Zudem war er Patron des Heiligen Römischen Reiches unter den Ottonen und Saliern. Daher finden sich derartige Bezeichnungen und Verweise auf Moritz und "Mohren" auch in Regionen, wo sie nicht durch direkten kirchlichen Einfluss aufkamen. Auch hier kann wohl kaum der Verdacht von Rassismus aufkommen, wenn man einen afrikanischen Heiligen zum Patron oder aber als Werbefigur erwählt.

In Halle sind aber alle Darstellungen direkt auf den Heiligen zurückzuführen. Wie wichtig der heilige Moritz für das Erzbistum Magdeburg war, zeigt die Schenkung einer Statue des Heiligen seitens des Domkapitels von Magdeburg an den Magistrat der Stadt Halle. Diese Figur wurde im Jahr 1480 an der Südwestecke des leider nicht erhaltenen Rathauses aufgestellt, prägte also über Jahrhunderte hinweg das Marktbild mit. In einer europäischen Variante wacht Moritz zudem ähnlich lange über der Zugangsbrücke der erzbischöflichen Burg Giebichenstein (heute als Kopie). Die Reliefdarstellung eines "Mohren" am gegenüberliegenden "Gasthof zum Mohr" hat denselben Hintergrund.

Selbst die hallesche Sagenfigur des Schellenmoritz' geht direkt auf Mauritius zurück. Der Heiligenfigur mit dem Schellengürtel in der Moritzkirche, die der Bildhauer Conrad von Einbeck (1360-1428) im Inneren der Kirche im Jahr 1441 schuf, und die Mauritius erneut in Rüstung und mit Schild und Schwert zeigt, wurde eine Legende von einem jähzornigen Baumeister angedichtet, der dermaßen jähzornig war, dass mit den Schellen die Arbeiter gewarnt werden sollten, wenn er näher kam. Auch hier wurde das gegenüberliegende, mittlerweile aber geschlossene Restaurant danach benannt: "Schellenmoritz". Zudem fanden sich hier Moritztor und Moritz-Brauhaus

Gar nichts mit dem Magdeburger Bistumskult um den heiligen Moritz hat hingegen ein Mohrenkopf in der Großen Märkerstraße zu tun. Das Haus auf der Ecke zur Kuhgasse beherbergte früher den "Blauen Engel", einen Gasthof, in dem sich zeitweise auch eine Brauerei befand. Nach dem Abriss und Neubau wurde hier erneut ein Etablissement untergebracht, dass damals und heute den Namen "Zum groben Gottlieb" trug. Dieses Lokal ist aber um 1940 durch eine Nürnberger Brauerei aufgekauft worden, die es in "Tucherbräu" umbenannte und an der Fassade ihr Markenzeichen anbrachte.

Hier ist der Ursprung des Brauereiwappens in dem Familienwappen der Gründer der fränkischen Brauerei zu suchen. Die Patrizierfamilie Tucher von Simmelsdorf war es, die in einem Brauhaus Nürnbergs im Jahr 1855 begann und allmählich expandierte. Den unteren Teil des eigenen Wappens verwendete man dann für die Brauerei als Logo. Auch hier sind die Ursprünge beim heiligen Mauritius zu suchen und es versteht sich von selbst, dass die Darstellung keinesfalls rassistisch gemeint war. Vielmehr wollte die Familie sich damit unter der Schutz des Heiligen stellen, denn er findet sich bereits seit dem Hochmittelalter in ihrem Wappen und ebenfalls in dieser Zeit gehörte ihnen eine Mauritiuskapelle. Auch in Nürnberg gründete man eine Mohrenapotheke.

Schließlich gibt es noch jüngere Darstellungen von Afrikanern, darunter die Plastiken "Afrikanerin mit Kind" (1961) am Gastronom in Halle-Neustadt und "Freies Afrika" (1964) am Universitätsring von Gerhard Geyer (1907-1989), die nach seinen Aufenthalten in Ghana und Guinea entstanden sind. Ghana war das Ursprungsland Anton Wilhelm Amos, des ersten Philosophen afrikanischer Herkunft in Deutschland. Dieser wurde im Jahr 1707 als Sklave nach Holland verschleppt und dann in das heutige Niedersachsen weiterverschenkt. Dort wurde er getauft und hervorragend ausgebildet und kam im Jahr 1827 nach Halle, wo er Philosophie und Rechtswissenschaften studierte und zwei Jahre später eine Streitschrift zur "Rechtsstellung der Mohren in Europa" veröffentlichte. Er promovierte und lehrte bis 1738 in Wittenberg und Halle als Privatdozent.

Sein weiteres Schicksal ist nicht vollends geklärt. Er lebte noch einige Zeit in Jena und hat Deutschland im Jahr 1747 verlassen, nachdem er für einen Heiratsantrag vom ehemaligen halleschen Professor Johann Ernst Philippi (ca. 1700-1758) mit einem herabsetzenden Gedicht ("Herrn M. Amo, eines gelehrten Mohren, galanter Liebes-Antrag an eine schöne Brünette, Madem Astrine") öffentlich verspottet wurde. Gesichert ist weder Amos Todesjahr noch sein Todesort. Neben der Plastik "Freies Afrika" hat man Amo auch eine Gedenktafel am Universitätsring in Halle gewidmet. Philippi hingegen war wegen seiner Ansichten immer wieder gemieden worden und hatte Halle bereit 1734 verlassen müssen. Er saß mehrfach im Gefängnis, zwei Jahre lang sogar im Irrenhaus. Seine unwürdige Attacke vor 260 Jahren stand im scharfen Kontrast zu den Ansichten des damaligen halleschen Universitätskanzlers Christian Wolff, sie war aber wohl dennoch Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, der hier seine ersten Auswüchse zeigte.

So zeigen Halles bildliche Darstellungen von Afrikanern stellvertretend, wie komplex die Entwicklung des Begriffes und der Sicht auf Afrika ist. Letztendlich können nur diejenigen, die damit bezeichnet werden, beurteilen, ob sie darin die Tradition des hochverehrten Heiligen oder aber eine Diskriminierung sehen.
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2 Kommentare
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Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 02.07.2017 | 16:24   Melden
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Christa Beau aus Halle (Saale) | 02.07.2017 | 20:04   Melden
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