Besprechung der Inszenierung von „Antonius und Cleopatra“ am 12. Dezember 2015 im Staatstheater Mainz

Anna Steffens als Cleopatra. (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
How to become a diva? How to become a politician? Diese zwei Fragen dominieren Claudia Bauers Inszenierung von „Antonius und Cleopatra“ im Staatstheater Mainz. Es wurde wieder in den Spielplan aufgenommen und läuft bis Februar. Für den Theatergänger ein Muss. Warum?
Weil Bauer die dramatische Wucht von Shakespeares Sprachkunst in eine neue Dimension hebt, die von sehr körperbetontem Spiel lebt und die technischen Möglichkeiten des zeitgenössischen Theaters gut ausschöpft. Das Ganze wirkt von Zeit zu Zeit geradezu durchgeknallt, obszön und vulgär, aber es verfremdet Shakespeares Intention nicht, sondern überträgt sie in eine alle Gefühle entblößende, unmissverständlich pathetische, aber keinesfalls künstliche Darbietung.
Die in die politischen Machenschaften der antiken Legenden Antonius und Cleopatra eingebundenen Figuren entblättern sich erst leise, dann ganz vehement als brachliegende Nervenbündel, die einfach nicht fassen können, was da vor sich geht, aber dem Treiben hilflos ausgeliefert sind: Lug und Trug, Verrat und Verkommenheit, Liebe und Leidenschaft, Sex und Hass. Cleopatra als Nabel der Welt mit schicksalsschwangerer, todbringender Launenhaftigkeit ohnegleichen wird vor allem durch Anna Steffens vortrefflich ins gleißende Licht des politischen Showbusiness gerückt.
Aber hier gibt es keine konsequenten Part-Zuweisungen. Alle spielen alle und jeder spielt jeden. Jens Roselts Übersetzung von Shakespeares Text wurde fragmentarisch in diese Bühnenfassung eingearbeitet, die zunächst als scheinbare Audition oder Lesung beginnt und dann in einem bedrückenden Bäumchen-wechsel-dich-Spiel gipfelt, infolgedessen man aber nicht den Überblick verliert, weil die Darsteller überzeugen, ohne sich dabei zu übertrumpfen. Und nicht immer darf sich ein Schauspieler so austoben wie bei Claudia Bauer: Hier wird sich entkleidet und wieder angezogen, hier wird mit Kostüm und Maske hantiert wie mit Pingpong-Bällen, hier wird sich beschmiert und bewässert. Schließlich sind da noch Fernseher und Leinwand, die das Spiel zur Seifenopern-Parodie ummünzen. Whisky, Glitzer-Lidschatten, schwarze Perücke, goldenes Kleid – ja, es erinnert an die Film-Cleopatra von 1963, und der Zusammenprall mit den römischen Machthabern an die Amour fou zwischen Elizabeth Taylor und Richard Burton. Der Verweis auf diese beiden Filmlegenden und ihre einzigartige Konstellation, an deren öffentlich zur Schau gestellte, explosive Hassliebe keines der vorigen, späteren und zeitgenössischen „Traumpaare Hollywoods“ heranreicht, ist charmant und verleiht der Inszenierung ihr I-Tüpfelchen.
Aber hinter all dem vortrefflichen Vorführen von gekünstelten, übertriebenen und triebgeleiteten Aktionismen verblassen die Persönlichkeiten der Figuren. Es wird zwar herausgeschrien und getänzelt, es wird bildlich verdeutlicht, welche Machtmensch die „dickeren Eier“ hat, und die zeitweilige Projektion eines Handelnden auf mehrere Darsteller vervielfacht den schrecklichen Aberwitz ihres Tuns. Während wir über all das lachen, oder uns manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt, weil das Geschehen in teilweise zu große, schamlose Gebärden transportiert wird, fragen wir uns jedoch: Wer waren Antonius und Cleopatra? Wieso taten sie das, was sie eben taten? Weshalb hat sich Shakespeare ihrer angenommen und wie zeichnet er sie? Dies ist für den Zuschauer nicht mehr nachzuvollziehen, er erlebt ein krasses Machwerk, das ihn fast zwei Stunden lang fesselt und bei Laune hält, doch nicht an die Seele des Textes heranführt. Das ist nicht mehr Shakespeare im eigentlichen Sinne. Trotzdem: unbedingt ansehen!
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