Besprechung der Inszenierung von „Faust“ (Oper, auch „Margarethe“) am 30. Oktober 2015 im Staatstheater Mainz

Mephistopheles/Marthe, Margarete/Faust (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
Ein Mann in der Krise. Die eigene Frau verabscheut seine Berührung, also sehnt er sich nach einem anderen Leben. Nach Jugend. Nach Leidenschaft. Dieses Thema ist uralt, doch es wird immer aktuell bleiben. Ja, wir wissen es schon, lange bevor es Faust weiß: Ein Pakt mit dem Teufel geht niemals gut. Mit Mephistopheles’ Auftritt beginnt eine alptraumhafte Odyssee, die in einer riesigen Katastrophe endet und Faust schließlich zu seiner Gattin zurückführt.
Die Brisanz dieses Themas befördert den alten Stoff in eine moderne Inszenierung ganz ohne Historismus. Aus Charles Gounods Oper von 1859, die sich ohnehin schon auf die Gretchentragödie als zentralen Punkt konzentriert, wird Fausts weiteres Bestreben nach Wissen völlig ausgeblendet; der Akademiker lässt sich bestenfalls noch erahnen. In dieser Fassung des Oldenburgischen Staatstheaters, überarbeitet von Regisseurin Elisabeth Stöppler, wird das Studierzimmer zum Schlafzimmer und die sexuelle Abweisung der Ehefrau Fausts zum Auslöser seines gefährlichen Grübelns. Er will nicht mehr leben, doch dann – warum eigentlich nicht? – will er wieder jung sein und die Liebe in all ihrer Lebendigkeit neu erfahren. Ein junges Weib muss her, Mephistopheles wird ihn zu ihr bringen.
Diese Inszenierung wühlt mich auf. Die Kirmes im zweiten Akt wird hier als feurig-abscheuliche Party dargestellt, als große Sause, die Valentin mit seinen Kameraden erleben will, bevor der Militärdienst ihn fressen wird. Wagner zeigt sich als ekelhaft schillernde, knallbunte, beinahe sinistre Gestalt, die die anderen zu einem obszönen Freudenfest anheizen will. Die Aktionen zwischen Faust und Margarethe und auch zwischen Mephistopheles und Marthe im dritten Akt sind deutlich sexualisiert, jedes Handeln scheint triebhaft. Das internationale Ensemble agiert mit sichtlicher Spiellaune in diesem satanischen Reigen; die drei Hauptdarsteller Philippe Do (Faust), Derrick Ballard (Mephisto) und Vida Mikneviciute (Margarete) liefern eine überzeugende Leistung ab. Mikneviciute gelingt es mit ihren vielschichtigen Koloraturen, die Margarete als komplexe Frau darzustellen, die sich ebenso wie Faust im Bann des Teufels befindet. Ihre Darbietung von „Anges purs, Anges radieux“ reißt das Publikum zu einem Szenenapplaus hin.
Nicht nur die Akteure sind beeindruckend. Hier werden die Kräfte des Vorhangs und der Schatten entfacht, die die Figuren entweder einkesseln oder diese zu neuen Ebenen aufbrechen lassen. Gerade Faust wird in einigen Beleuchtungseinstellungen ganz deutlich als Getriebener gezeigt, der von seinem eigenen Schatten verfolgt wird. Derrick Ballard verfestigt diese gespenstische Hatz mit seiner ihm eigenen physischen und stimmlichen Präsenz, geradezu leichtfüßig-tänzerisch, aber immer unerbittlichem Nachdruck – und mit einem herrlich teuflischen Lachen.
Gounods Werk verträgt den Sprung in die Gegenwart, es kommt beim Publikum gut an. Das ganze Potenzial des Bühnenraums wird ausgelotet, es entsteht keine Starrheit. Dabei wird bildlich bewiesen, was der gemeine Theatergänger womöglich unter einer Oper versteht: etwas ganz Großes.
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