Filmbesprechung „Carol“, UK/USA 2015

(Foto: Pressefoto carolfilm.com)
Im Amerika der 50er Jahre verlieben sich zwei Frauen ineinander: Die mausgraue Spielwarenverkäuferin Therese (Rooney Mara) und ihre wohlhabende Kundin Carol (Cate Blanchett), die zur Weihnachtszeit ein Geschenk für ihre kleine Tochter besorgt. Carol lebt in Scheidung von ihrem Mann, der diese Trennung nicht hinnehmen und ihr die gemeinsame Tochter entreißen will. Während Carols bisherige Beziehungen zu Frauen ein offenes Geheimnis in ihrer Familie sind, entdeckt die nur halb so alte Therese gerade erst ihre Leidenschaft. Regisseur Todd Haynes hat sich dem Roman „Salz und sein Preis“ der meisterhaften Patricia Highsmith angenommen, die in ihren wunderbar melancholischen Thrillern über Menschen schreibt, die mäandernde Werkzeuge des Schicksals sind und nicht selten ein tödliches Ende finden.

Brisantes Thema der 50er Jahre

Gegen Homosexualität in den prüden 50er-Jahren der USA hilft Psychotherapie – oder Flucht. Zunächst will Carol einfach nur weg, und sie nimmt Therese mit auf ihre Reise. Es macht Spaß, den beiden Hauptdarstellerinnen zuzusehen. Blanchett ist schön, herb, fast divenhaft, und verkörpert Carol mit einer scheinbaren Lethargie, hinter der sich der brodelnde Wunsch nach Erfüllung, Liebe und Glück langsam und bedächtig seinen Weg bahnt. Ein interessanter Kontrast zu ihrer Rolle in Woody Allens „Blue Jasmine“, wo sie eine vollkommen zerfahrene arme Reiche verkörpert, für die es kontinuierlich und witzig bergab geht. Nicht weniger beeindruckend: Mara, dieses junge Reh, zerbrechlich, aber dennoch stark, hoffnungsvoller als die etwas abgebrannte Carol, und sehr kraftvoll in ihrer Darstellung.

Spiegel der Zeit

Wir blicken auf die Figuren oft durch Fenster und Türen, die verschlossen sind, vielleicht noch geöffnet werden. Es ist die amerikanische Gesellschaft zu dieser Zeit, als sich zwischen allen Menschen Barrieren befinden. Man darf sich nicht ausleben, nicht frei bewegen, es gibt Etikette, Gesetze, „Moral“. Der Film gleitet anmutig und bestechend auf seinen Höhepunkt zu. Dann begeht Haynes den Fehler vieler zeitgenössischer Regisseure, als er den Liebesakt zwischen beiden Frauen zeigt - zwar nicht schamlos, aber doch zu ausführlich. Dies ist ein unnötiger Bruch mit der sonst vortrefflichen Erzählweise, die freilich auf ein noch viel vortrefflicheres Material zurückgreift. Das Element der Pornografie kann unterhaltsam sein, doch da hier Liebe und Leidenschaft zweier Menschen ohnehin zentrales, unbedingtes Thema sind, ist es überflüssig.

Eine prägende Literaturverfilmung

Im Gedächtnis bleibt ein guter Film, einer der besten Filme, die das Jahr 2015 hervorgebracht hat, und der auch wirklich in die Kategorie der Literaturverfilmungen passt. Selten wird die Atmosphäre eines Romans so stilsicher auf die Leinwand übertragen. Das offene Ende, als Carol und Therese nach vorübergehender Trennung in einem Restaurant einander wiederentdecken, mag für sich selbst sprechen. Denn es bleibt offen, wie viele Umwege wir gehen, wie viele Barrieren wir noch niederreißen müssen, um das Andersartige zu akzeptieren – um uns selbst zu akzeptieren.
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