Filmbesprechung „Die Stille danach“, D/A 2016

(Foto: Pressefoto ARD/ORF)

Seit einigen Jahren bemüht sich das werktägliche Abendprogramm im Ersten, von der seichten 08/15-Familienunterhaltung wegzugehen, zum Teil erfolgreich. „Die Stille danach“, eine Koproduktion mit Österreich, ist ein weiterer Schritt in Richtung Kritik und Realismus. Ein ehrgeiziger Film zum Thema Schul-Amoklauf, berührend und eindringlich, alles in allem jedoch nicht zufriedenstellend.

Der 15-jährige Felix erschießt in seiner Schule fünf Menschen und dann sich selbst. Das hört sich nicht neu an, das hat es schon zu oft gegeben: Schreckliche Amokläufe wie die in Erfurt und Winnenden schlachten die Medien aus, auch das Fernsehen ist natürlich dabei und berichtet rund um die Uhr. Bei jeder dieser unbegreiflichen Taten drängen sich sofort die Fragen auf: Warum? Wer ist der Täter? Was hat ihn dazu getrieben? Wie viele Tote? Woher kommt die Waffe? Sich dieser Problematik mit einem Fernsehfilm zu nähern, ist mutig. Sich dabei fast ausschließlich auf die Familie des Amokläufers zu konzentrieren, ist ein Experiment.

Den Figuren wird keine Zeit gegeben zu trauern. Zu schnell stürzt alles über die Familie herein: Tod, Schuldfragen, Selbstvorwürfe, Angriffe, Aggressionen, Wut, Trauer, Trotz, Hilflosigkeit. Die Schauspieler können kaum die Charakteristika ihrer Figuren ausloten, weil der Film zu episodenhaft ein Problem nach dem anderen schildert. Und weil er leider den Konventionen eines kriminalistischen Dramas folgt. Die Eltern mutieren zu Ermittlern ihrer eigenen Geschichte. Ihre Tochter, die ältere Schwester des Amokläufers, kommt dabei kaum zur Geltung. Das eindringliche, heftige Spiel der Hauptdarstellerin Ursula Strauss trägt die gewaltige Last des Films. Nikolaus Leytner will das Seelenleben einer modernen Durchschnittsfamilie inszenieren, in deren durchgeplanten Alltag der Amoklauf des jungen Felix wie eine postalische Fehlsendung wirkt. Ebenso wie Urne mit Felix’ Asche, die im gelben Paket nach Hause geliefert wird.

Wo ist der Raum für Schuldzuweisungen und die Frage nach der Verantwortung einer so unfassbaren Handlung, wenn es ihn überhaupt gibt? Die Schuld trägt jeder und niemand. Abwechselnd wollen Mutter und Vater die Puzzleteile ihres Sohnes zusammenfügen und verlieren darüber sich selbst und ihr Vertrauen ineinander. Viele Gesten und Sätze haben wir schon einmal gesehen und gehört. Natürlich ist Felix gemobbt worden, natürlich machen sich die Eltern nicht umsonst selbst Vorwürfe. Doch die Komplexität dieses Themas verlangt nach einer stringenten Fokussierung auf einen einzigen Aspekt, damit die Inszenierung des Unfassbaren glaubhaft bleibt und zugleich an ästhetischem Wert gewinnt. Die meisten Nebenfiguren sind geradezu überflüssig. Bis auf den Kunstlehrer, der sich nahe des Filmendes zeigt.

„Wer geht schon zum Kunstlehrer in die Sprechstunde“, fragt er mit leisem Anflug von Ironie, als er Felix’ letzte Arbeiten aus dem Unterricht nach Hause bringt – düstere Fotografien, die das Vergängliche und Morbide der Natur einfangen. Von diesem Punkt ausgehend, hätte ein avantgardistisches Drehbuch entworfen werden können, das die Wichtigkeit musischer Erziehung hinterfragt und betont. Immer wieder wird wissenschaftlich erwiesen, dass künstlerische Disziplinen wie Zeichnen, Malen, Tanzen, Singen und Musizieren viel wichtiger sind als gedacht. Durch die Muse drücken wir uns unmittelbar aus, wir machen uns durch abstrakte Formen und Laute verständlich. Wir lernen einander kennen.

Dieses Kennenlernen auf feinsinniger, schöngeistiger Ebene droht in der heutigen Gesellschaft verlorenzugehen. Kino, Fernsehen und Computerspiele malträtieren unsere Sensibilität, gerade wenn wir Kinder und Jugendliche sind. Wie können wir uns verbinden, verstehen, wie können wir Emotionen bewältigen – auch Rückschläge und Zurückweisungen? Wir leben in einer routinierten, streng durchstrukturierten, auf Konsum und Profit gerichteten Welt, in der seelische Störungen immer noch beiseitegeschoben und in der die Künste als etwas nicht Lebensnotwendiges, Exotisches abgetan werden. Wir müssen kämpfen ums Überleben. Dabei gibt es die Abgehärteten, die Stärkeren, aber auch die Sensibleren, die vermeintlich „Schwächeren“. Aber wer ist nun wirklich stark und wer ist schwach? Wie ist diese Welt – und muss sie so sein? Gibt es Auswege, und wenn ja, wann und wie dürfen wir sie wählen? Im Nachhinein wirft Leytners Film zahlreiche, nicht zu beantwortende Fragen auf. Aber eben nur im Nachhinein. Aus einem nicht zufriedenstellenden Film kann keine zufriedenstellende Rezension resultieren.
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