Filmbesprechung „Julieta“, E 2016

(Foto: http://www.julieta-derfilm.de/)
Schweigen, Entfremdung, Verlust: Diese drei Größen bestimmen den Inhalt von Pedro Almodóvars aktuellem Film „Julieta“. Er ist ein Regisseur bewegender Frauenschicksale, der scheinbar Unvereinbares vereint und selbst in den bitterernsten Momenten mit irritierender Heiterkeit und anrührenden Überraschungen in einer unangepassten Formsprache aufwartet.

Auf der Grundlage dreier Kurzgeschichten der Nobelpreisträgerin Alice Munro entwirft Almodóvar ein zwar nicht komplexes, doch gerade deswegen bedrückendes Familiendrama, das er mit dem plötzlichen Auftauchen bizarrer Figuren und dem Einsetzen drohender Orchesterklänge in ein sanftes Gruselmärchen verwandelt. Kein Psychogramm, denn die Beweggründe der Figuren zu ihren unwahrscheinlich großen Taten werden nicht ganz offengelegt. „Der Spiegel“ hat „Julieta“ fälschlicherweise als Film Noir eingestuft. Tatsächlich fehlt es diesem Drama an einer gehörigen Prise Zynismus, der dem deprimierenden Plot gegenüberstehen könnte. Alles, was Almodóvar vor zehn Jahren in „Volver – Zurückkehren“ an skurrilen Einfällen ausgespielt hat – etwa das geisterhafte Auftauchen der toten Mutter der Protagonistin aus einem Kofferraum –, deutet er hier nur an.

Die über fünfzigjährige Julieta will mit ihrem Freund von Madrid nach Portugal ziehen. Seit dreizehn Jahren hat sie ihre einzige Tochter Antía nicht gesehen, dann trifft sie plötzlich deren alte Jugendfreundin Beatriz wieder, die Antía überraschend begegnet ist. Julieta ist völlig aus der Fassung. Sie verlässt ihren Freund, sucht sich eine neue Wohnung und beginnt, ihre Familiengeschichte niederzuschreiben, die der Zuschauer über Rückblenden erfährt: Wie sie als Vertretungslehrerin für Altphilologie die Bedeutung des Meeres in der Odyssee erklärte; wie sie auf einer Zugfahrt einem suizidgefährdeten Mann das Gespräch verweigerte; wie sie auf ebenjener Zugfahrt ihren künftigen Mann Xoan kennen und lieben lernte.
Sie wurde von ihm schwanger, gebar Antía, zog in sein Haus und freundete sich sogar mit seiner hexenhaften Haushälterin an. Ebenso entstand eine Freundschaft mit der ortsansässigen Künstlerin Ava, die eine Affäre mit Xoan hatte, als Julieta ihre Eltern besuchte. Als Julieta dies herausfand, schickte sie Antía auf ein Ferienlager, konfrontierte Xoan mit der Affäre und verhüllte sich dann in eiskaltes Schweigen. Xoan fuhr hinaus zum Fischen – und kam bei einem Unwetter ums Leben. Julieta brannte aus, versank in Depressionen, ihre Tochter half ihr. Allerdings nur im alltäglichen Leben, emotional stand sie ihr nicht bei. Mit achtzehn verschwand Antía und brach jeden Kontakt mit ihrer Mutter ab.

An dieser Story gibt es nichts zu rätseln, doch Almodóvar entrückt sie ins Rätselhafte. Er zeigt uns Menschen, die sich ausliefern, sich selbst und anderen, die hilflos sind in ihrem Miteinander, zu leidenschaftlich, zu ungehemmt. Und das Tragische ist: Sie schweigen. Hier werden keine Konflikte ausgetragen, dazu wäre Reden nötig. Die Figuren sprechen nicht über ihre Probleme, sie ertragen sie stumm, nicht apathisch zwar, aber doch unfähig sich irgendwie zu äußern. Alle Emotionen stauen sich an, bis es zu unausweichlichen Katastrophen kommt. Und diese ereignen sich auf Fahrten und Reisen: Selbstmord vorm Zug, Tod auf dem Meer, familiäre Abkehr auf der Wanderung. Räume und Mittel, die zum Aufbruch in neue Gefilde dienen könnten, vereinnahmt Almodóvar als Stationen melodramatischer Entscheidungen und Schicksalsschläge.
Und dies vollbringt er mit solch stilistischer Einfachheit, die selten ein Regisseur erreicht hat. Keine großen Gesten, kein Geschrei, nein, den Schauspielern wird jegliche Grundlage für das große Gefecht entzogen. Sie können nichts zeigen außer Fassungslosigkeit und Niedergeschlagenheit, aber das ausgerechnet in einer Ausstattung, die so seltsam bunt ist, das man sich abermals in ein Märchen zu verirren glaubt. Die Kamera albert nicht herum mit Tricks und Kniffen, die Primärfarben der Kostüme und Settings stehen für sich. Der Musikeinsatz mag eine unfreiwillige Komik hervorrufen: In manchen Augenblicken verweist er auf Hitchcocks Spannungsaufbau, um letztendlich „nur“ das Melodram der mäandernden Figuren zu unterstreichen. Wie Puzzleteile fügen sich Bild und Ton hier zu einem Film zusammen, der im ersten Moment unausgewogen erscheinen könnte, auf den zweiten Blick aber eine gewisse Schönheit offenbart, weil Verzweiflung und Qual in herzerwärmenden Farben gemalt sind. Ist er vielleicht doch ein Film Noir? – Nur bunt?
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