Filmbesprechung „Mitten in Deutschland: NSU“, D 2016

(Foto: ARD)
 
(Foto: ARD)
Der verzweifelte Lauf von Florian Lukas über ein weites, grünes Feld hin zu einem brennenden Auto am Ende des dritten Films fasst unsere Ohnmacht gegenüber der Welt der Schatten und der Dunkelheit zusammen - Denn Schatten und Dunkelheit nutzen doch diejenigen, die abtauchen „in den Untergrund“. Masken und Verstecke, Aktionen im Schutze der pechschwarzen Nacht, vor allem aber Brutalität sind ihre Mittel. Und das Erschreckende: auch das für Korruption anfällige Rechts- und Schutzsystem unseres Landes.

Unterschiedliche Ansätze

Die drei Filme zum Überthema „Mitten in Deutschland: NSU“ haben sehr unterschiedliche Kritiken bekommen und das Geschehen der letzten zwanzig Jahre aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: die der Täter, die der Opfer und die der Ermittler.

Der Nationalsozialistische Untergrund, was ist das? Müssen wir uns davor fürchten? Ja. Dürfen wir uns davor fürchten? Nein. Diese Bewegung wurde und wird erfüllt von Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Platz sind, die im entscheidenden Moment falsch entscheiden. Gelenkt aber wird sie von gar nicht so dummen Möchtegern-Intellektuellen, die ihr Hirn vergiften lassen von bösartigen Weltanschauungen längst vergangener Tage. Während bei den
Mitläufern, den Schlägern, den Verirrten, die ihre Aggression abbauen wollen, noch die Rehabilitation gelingen könnte, sind die Vertreter der „Intelligenz“, der steuernde Kern und Motor – ja, was sind sie? Abzuschießen? Einzusperren, lebenslang? Was machen wir mit denjenigen, die nicht heilbar sind von der geistigen Vergiftung? Es ist grausam, den Gedanken zu erwägen, einem solchen Menschen sein Leben nehmen zu müssen. Es ist aber noch viel grausamer mitanzusehen, wie solche Menschen den Unschuldigen ihr Leben nehmen.

Menschliche Einblicke im ersten Teil

Von den drei Filmen sticht der erste heraus, weil das schauspielerische Können der drei Darsteller Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowsky in den Rollen der maßgeblichen Haupttäter beeindruckend ist, in allen Punkten überzeugend, in manchen Szenen fesselnd, in einigen wenigen Augenblicken sogar atemberaubend. Freilich sind es Menschen, Beate Zschäpe und ihre beiden Neonazi-Kumpanen. Was nicht menschlich ist, lässt sich nicht darstellen. Gerade deswegen ist der erste Film in seiner realitätsnahen Wucht erschreckend. Bis ins kleinste Detail wird der Alltag in Ostdeutschland vom Ende der 1980er bis zum Ende der 1990er Jahre ausgestaltet: Plötzlich ist da Waschpulver, das man sogar „durch die Pappe riecht“, plötzlich sind dort Angebote im Sinne der kapitalistischen Marktwirtschaft. Plötzlich sind dort viele Einwanderer. Plötzlich sind dort viele Gegner: Neonazis, die Fackeln und Fahnen schwingen, schreien, verprügeln, bedrohen, töten. Beates Jugendfreundschaft mit ihrer Schulkameradin Sandra – ebenso hervorragend gespielt von Nina Gummich – zerbricht sehr schnell. Lebenswege gehen auseinander.

Brutalität im zweiten Teil

Oder Lebenswege werden einfach abgeschnitten. Der zweite Teil schildert die brutalen Morde an den Vätern von Einwandererfamilien. Auch diesen Film trägt eine beachtliche Hauptdarstellerin: Almila Bagriacik als Tochter eines Blumenhändlers türkischer Herkunft, der zum ersten Opfer der NSU wird. In einer Zeitspanne von zwölf Jahren werden die Lebensgeschichte, die Heranreifung, die inneren und äußeren Konflikte des jungen Mädchens beziehungsweise der jungen Frau nachgezeichnet, die verzweifelt die scheinbar unauffindbaren Mörder ihres Vaters sucht. Aber auch sie ist eine Ohnmächtige, genau wie Beate Zschäpes Jugendfreundin im ersten Teil, die fassungslos mitansieht, wie Menschen zu Bestien mutieren und die nur langsam registriert, dass es keine heile Welt gibt.

Schuldsuche im dritten Teil

Wo liegt die Schuld? Hat die Polizei versagt? Ja, hat sie. Die Ermittlungen wurden behindert. Korruption ist nichts Neues, das weiß auch Walter Ahler – wieder eine eindrucksvolle Schauspielerleistung: Sylvester Groth –, aber es wird ihm keine Gelegenheit gegeben, den Groschen fallen zu lassen. Die rechte Szene hat ihre Kontakte zum Verfassungsschutz, der die Polizeiarbeit erheblich stören und einschränken kann. Das ist ein weiteres Verbrechen an den Opfern und ihren Hinterbliebenen: Fehlende, bruchstückhafte und vor allem zu späte Aufklärung. Hilft es, wenn eine Bundeskanzlerin nach vielen Jahren des Mordens und des Nicht-Aufklärens verkündet, die Hinterbliebenen stünden mit ihrer Trauer nicht allein da? Ja, denn es setzt ein Zeichen, dass es unter den Gesetzeshütern auch welche gibt, die sich nicht kaufen lassen. So wie der thüringische Zielfahnder Paul Winter (Florian Lukas), der über seine Ermittlungsarbeit hinaus einem Ex-Neonazi die vollständige Rehabilitation ermöglichen und mit ihm zusammenarbeiten will. Doch dieser Mann wird Opfer seiner einstigen Mittäter: Er verbrennt in seinem eigenen Auto. Winter reagiert, wie ein Mensch eben reagiert, wenn er sieht, das Todesgefahr droht. Er rennt. Und rennt. Aber er kommt nicht an, er kann nicht helfen, er läuft sogar noch, als der Film vorbei ist. Und er läuft immer noch. Er wird immer weiterlaufen über ein großes, sattes, grünes, vernebeltes Feld und er wird nie zum Brennpunkt durchdringen. Die Opfer, die Täter, die Ex-Täter, sie verbrennen. Sie stürzen in einen höllischen Abgrund. Die Mitläufer und Korrupten schauen ängstlich zu. Die Ehrlichen, die Guten, die Hinterbliebenen, sie laufen. Und laufen. Und laufen. Und werden niemals ankommen, niemals ruhen.
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.