Filmbesprechung "Picknick mit Bären", USA 2015

erschnaufpause gefällig? Robert Redford und Nick Nolte meistern einen beschwerlichen Weg. (Foto: Pressefoto Broadgreen Pictures)
Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass ich Bill Brysons Roman „Picknick mit Bären“ nicht gelesen habe. Oder vielleicht zu meinem Glück? Das oft gefällte Urteil, die Verfilmung unterliege ihrer Buchvorlage, habe ich bis jetzt nach jedem Kinobesuch bestätigen können. Buch und Film kommen ohne einander aus, sie sind zwei ebenbürtige, gleichberechtigte Kunstformen. Schwieriger wird es, sobald wir aus dieser Gleichberechtigung Vergleiche ziehen wollen. So sehe ich mir diesen Film nun ohne Erwartung an. Er ist für mich just an diesem Tag keine Literaturverfilmung, sondern einfach: ein Film.
Worum es geht? Der amerikanische Schriftsteller Bill Bryson will den Appalachian Trail von Georgia bis Maine wandern. Seine Frau sagt: nicht allein! So ruft er mehrere alte Freunde an, die alle ihren eigenen Vorwand finden, ihn nicht zu begleiten. Bis sich Stephen Kratz bei ihm meldet, der von Brysons Plan erfahren hat. Vor Jahrzehnten sind sie gemeinsam in Europa gewesen, dann haben sich die beiden gegensätzlichen Männer aus den Augen verloren. Nun sind sie freilich älter: der vorsichtige, vernünftige Bryson und der vulgäre, kurrige Kratz, der alles andere als körperlich fit und obendrein trockener Alkoholiker ist. Zusammen machen sie sich auf den Weg.
Es ist eindrucksvoll, die Namen von Robert Redford und Nick Nolte auf der Leinwand zu lesen. Regisseur Ken Kwapis hat ein stimmiges Ensemble versammelt. Nick Noltes physische Erscheinung ist erschütternd, er hat kaum mehr etwas mit dem schlaksigen Mannsbild zu tun, das er vor zwanzig Jahren gewesen ist. Rasch zeigt sich aber, dass er dies zu seinem Vorteil nutzt: er schwankt und humpelt, er röchelt und hustet, er schnieft und schnaubt und zeigt genau so viel Spielfreude wie Redford, der in Brysons Rolle überzeugend, berührend und komisch ist. Bei diesen beiden Urgesteinen drängen sich Hinweise zu ihren früheren Filmrollen auf. Nolte ist der richtige Mann für die verkrachten Existenzen, man erinnere sich an seine Darstellung in „Zoff in Beverly Hills“, die nicht virtuos, aber doch beachtlich gewesen ist. Und Redford passt ins Bild des Intellektuellen, der den Schritt in die Natur wagt, der es nochmal wissen will. Ein wenig weht hier „Jeremiah Johnson“ mit, natürlich ein vollkommen anderes Thema, aber das ist es doch, was an diesem alten Hollywoodstar fasziniert: Egal welche Rolle er spielt, er ist die Marke „Robert Redford“, der sportliche Draufgänger mit Charisma. Von seinem Charme hat er mit seinen fast achtzig Jahren nichts eingebüßt.
Kwapis führt uns schöne, mitunter beeindruckende Landschaftsbilder vor, durch die sich Bryson und Kratz mehr oder minder kämpfen müssen. Zwischendurch dürfen sie sich ausruhen, nur um in dieser Ruhe urkomische Irritationen zu erleben, die einzig und allein von ihren Mitmenschen, keinesfalls von der Wildnis des Waldes herrühren. Als sie die Grizzlybären von ihrem Schlafplatz vertreiben müssen, zeigen sie, wie schnell und instinktiv der Mensch auf die Natur reagiert. Reaktionen auf seine Artgenossen hingegen sind weitaus komplizierter, gehemmter.
Die beiden alten Herren spazieren, wandern, kraxeln – und stürzen auf einen Felsvorsprung. Dort werden sie sich in einer sternklaren Nacht der Winzigkeit, wenn nicht gar der Belanglosigkeit des menschlichen Daseins bewusst. Bangen müssen sie aber nicht, sie werden am nächsten Tag von zwei jungen Männern aus der Bredouille befreit. Die gewonnene Quintessenz allerdings behalten sie. Zwischendurch fallen zusammenhangslose Sätze wie „So ist das Leben“ und „Ja, so ist das“, die in jedes Gespräch zu passen scheinen. Sie drücken jedoch das aus, was die Männer schon länger ahnen und nun mit Gewissheit sagen können: So ist das Leben.
Der Zuschauer erlebt einen unaufdringlichen Film ohne Übertreibungen, ohne Spitzen, ohne Vorführungen, ohne Pathos oder effektheischender Tragik, ohne unglaubwürdiges Happyend. Bryson und Kratz ziehen es vor, den sehr langen Trail nicht zu Ende zu wandern. Ihr Entschluss ist auch angesichts des Alters nachvollziehbar. Am Ende geht wieder jeder seines Weges. So kann eine Freundschaft aussehen: Wenn man nach vierzig Jahren mal gemeinsam wandert und schließlich einer den anderen ziehen lässt. Dabei kann man sich ein Ziel setzen. Aber wer, um Himmelswillen, sagt, dass man es auch erreichen muss?
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