Filmbesprechung „The Party“, UK 2017

v.l.n.r.: Timothy Spall, Cillian Murphy, Emily Mortimer, Patricia Clarkson

„Wie konnte es so weit kommen?“, fragt die männliche Hauptfigur ziemlich am Ende dieser Gesellschaftssatire, stellvertretend für Autorin und Regisseurin Sally Potter. Hier entblättert sich das brachliegende Nervenbündel des Menschen im 21. Jahrhundert, der ganz genau weiß, dass er alles falsch macht, aber hilflos seinem eigenen Treiben zusieht. Potter stellt einen Film vor, der vielleicht nichts Neues, aber dafür einiges anders macht und als Spiegelbild unserer Zeit funktioniert.

Familiäre Gerüste und freundschaftliche Konstrukte werden in Film und Theater schon seit Langem in beinahe zyklischen Abständen immer wieder neu seziert. John Cassavetes beispielsweise zeigte in „A Woman Under the Influence“ (1974) das Scheitern einer Hausfrau und Mutter an ihrer Rolle als Folge und zugleich Ursache ihrer Psychosen. Yasmina Reza legt eine Komödie nach der anderen vor, weltweit inszeniert, die allesamt unser geschwätziges Miteinander ins Lächerliche ziehen: Wir sind Wichtigtuer, die aneinander vorbeireden, die sich nicht aussprechen, die ihre Bindungsängste zelebrieren, denen Status alles bedeutet, die sich folglich in ihrer eigenen Oberflächlichkeit verlieren und somit auf immer neue Katastrophen zusteuern. Es sind die Neurosen der Mittelschicht – manchmal der unteren, manchmal der oberen –, die sich ohnehin in ihrer bloßen Existenz bedroht sieht. Wie oft müssen wir sie uns noch vorerzählen, bis wir sie endlich begreifen?

Die Aufmerksamkeit der großen amerikanischen Filmpreise hat Sally Potter immer noch nicht auf sich gezogen. Vielleicht dekonstruiert sie die Formel satirischer Gesellschaftsporträts zu sehr. Ihre Rollenspiele passen sich nicht dem Mainstream an. Denken wir an „Orlando“ (1992), ausgerechnet mit Tilda Swinton in der Hauptrolle und Schwulenikone Quentin Crisp als Königin Elisabeth besetzt. Immer wieder dreht sie mit den renommiertesten Schauspielern, etwa Judi Dench in „Rage“ (2009), immer wieder finden sich auch Hollywoodstars in ihrem Ensemble ein. In „The Party“ agieren nun erneut einige bekannte Namen in wirkungsvoller Umgebung, dem Reihenhaus der sozusagen designierten englischen Gesundheitsministerin, die, nach kräftezehrendem Karriereaufstieg eben erst ins Schattenkabinett berufen, ihren engsten Bekanntenkreis zur Feier des Tages einlädt.

Die gesamte Ausstattung, von den Frisuren der Damen bis zu den Topflappen in der Küche, scheint den neuesten Mode- und Einrichtungsmagazinen entsprungen. Alles ist chic, fast zu chic, von souveräner Hand in Schwarzweiß fotografiert. Schnell wird klar, dass Potter den Zuschauer so auf gebührender Distanz zu den Figuren halten möchte, um ihn nicht zu verletzen, um ihm seine Selbsterkenntnis nicht allzu direkt zu offenbaren. Sie hätte diese Party in knallbunten Farben malen und damit eine vulgäre Farce erzeugen können, hat sich aber für eine Publikumsfreundlichkeit entschieden, die dem Zuschauer eine Überlegenheit ermöglicht, zu der er im Grunde nicht berechtigt ist. Er muss nur genau hinsehen und den klaren Wortwechseln lauschen, dann erkennt er sich selbst und sein Umfeld.

Natürlich verläuft die Party anders als geplant. Jeder der Gäste – und der Gastgeber – verbirgt irgendwas, jeder hat was mit jedem, keiner ist zufrieden, manche sind verzweifelt. Unbehagen, Trauer, Wut und Hass machen sich breit. Hypnotisierend wirkt Timothy Spall als Gatte der Politikerin, struppig und ausgemergelt, apathisch und abgeklärt, sich dennoch nach Liebe sehnend. Kristin Scott Thomas, in der Rolle der besagten Staatsdienerin namens Janet, hat bisher ein nur minimales Gespür für Komik besessen. In manchen Momenten ist es früher schon aufgeblitzt, etwa in Robert Altmans „Gosford Park“ (2001), in Stephan Elliotts Adaption des Noël-Coward-Klassikers „Easy Virtue“ (2008) allerdings kam es gar nicht zur Geltung. Erstaunlich blass wirkt ausgerechnet die großartige Patricia Clarkson als Janets zynische Freundin, der Potter manch köstlichen Einzeiler in den Mund gelegt hat, der nur leider dann und wann wie eine abgestumpfte Pfeilspitze wirkt. Ihre Figur gerät dadurch stärker zur Karikatur, als sie es sollte. Ihr ziemlich lächerlich gezeichneter Ehemann hingegen erwacht durch Bruno Ganz’ sensibles, akzentuierendes Auftreten zu vollem Leben.

In vielen treffsicheren Sätzen führt uns Potter unser Spiel mit Begrifflichkeiten, Kategorien und Klischees vor. Die Figurenkonstellation steigert unser Selbstbild ad absurdum: zwei Lesben, die Drillinge bekommen, eine von ihnen – die wesentlich ältere – erforscht als Hochschulprofessorin natürlich Gender und den ganzen Kram; ein koksender Banker, die am liebsten um sich schießen will; ein esoterischer Life-Coach, der sich von seiner Gattin herumkommandieren lässt. All diese Menschen haben große Ziele und hohe Ideale, von denen sie um keinen Preis wanken wollen, über die sie aber das Wesentliche im Leben vergessen haben. Sally Potter observiert die vom Ehrgeiz zerfressene Gruppe, deren Träume immer kleiner geworden sind und die ihre vermeintlich noblen Absichten bis zur völlig verqueren Weltanschauung verzerren, sehr gründlich. So präsentiert sie uns eine kurze, knackige, sehr tragische und makabre Komödie.
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