Mainzer Studentin gibt Filmdebüt: Ein Interview mit Jennifer von Schuckmann

Jennifer von Schuckmann vorm Programmkino Residenz & Prinzess Mainz. Sie ist selber mit der Arbeit im Kinobetrieb vertraut.
    Eine scheinbar simple Studienleistung wuchs zum beachtenswerten Regiedebüt heran. Mit ihrem Kurzfilm "Cabaret Voltaire" war Jennifer von Schuckmann am 11. Februar 2016 beim Berlin Independent Film Festival vertreten. Das nächste Highlight wartet schon auf sie: Im Sommer schafft sie den Sprung nach Venedig.

Homepage der Regisseurin / Homepage des Films / Trailer zum Film

Die gebürtige Frankfurterin (28) studiert Mediendesign an der Hochschule Mainz. In ihrer Heimatstadt arbeitet sie als Projektionistin im Programmkino Mal Seh’n. Was ursprünglich als Prüfungsleistung für ein Seminar gedacht war, entwickelte sich bei ihr mithilfe der Crowdfunding-Finanzierung zur Verwirklichung einer Vision: Jennifer drehte einen atmosphärisch dichten, künstlerisch ansprechenden Kurzfilm, mit dem sie sich erfolgreich auf mehreren Filmfestival-Portalen bewarb. Berlin und Venedig haben angebissen. So wird die Story um drei Freunde, die in Partystimmung einen Club besuchen, dessen eigenwilliger, makabrer 20er-Jahre-Charme immer bedrohlicher wird, einem internationalen Publikum vorgestellt. Jennifer ist sehr glücklich darüber. Aber stillstehen geht nicht – die sympathische Filmemacherin plant schon ihre nächsten Projekte.

Du hast schon vor "Cabaret Voltaire" bei mehreren Filmen in ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen mitgewirkt – Schnitt, Requisite, Kostüme und so weiter. Wie bist du zum Film gekommen? Was reizt dich daran?

Mit sechs Jahren habe ich mir Tim Burtons "Nightmare Before Christmas" angesehen. Er hat mich sofort fasziniert. Die technischen Aspekte habe ich natürlich erst ein paar Jahre später verstanden. Filmemachen ist wie Zauberkunst: Der Zauberkünstler lenkt von seinem Trick ab, damit das Publikum nur das sieht, was er will. Beim Film ist es dasselbe. Das bringt mich zur Frage, welche analogen Tricks man anwenden kann, um einen Film zu „zaubern“, denn Digitaleffekte interessieren mich nicht im gleichen Maße. Ich fotografiere, zeichne, male und schreibe sehr gerne. All diese Hobbys kann ich in meinem Filmschaffen ausleben, keines kommt dabei zu kurz.

"Cabaret Voltaire" ist ein Whodunit-Krimi mit 20er-Jahre-Flair. Junge Leute der Gegenwart werden in eine mörderische Story verwickelt, die sich mit klassischen Cabaret-Einlagen der alten Schule überschneidet: Feuerschlucken, Messerwerfen, Clownerie, Tanz. Wie kam dir die Idee zu diesem Film?

Der Titel ergab sich, als ich in Frankfurt vorm Club Voltaire stand. Plötzlich musste ich an das Cabaret Voltaire denken, das 1916 als Künstlerkneipe in Zürich gegründet worden und der Ursprungsort des Dadaismus gewesen ist. Das Drehbuch war aber schon vor der Titelfindung fertig. Es musste irgendwas mit Cabaret sein, denn ich interessiere mich sehr für die Welt der Bühnen- und Zirkuskünstler. "Cabaret Voltaire" betrachte ich als Übung und Experiment. Mir war klar, dass ich hier zum ersten Mal mit einem großen Team, hohen Geldausgaben und als Regisseurin arbeiten wollte. Damit habe ich mir einen Traum erfüllt.

Was hat dich inhaltlich und künstlerisch beeinflusst?

Für "Cabaret Voltaire" habe ich mir eine eigene Filmwelt erschaffen, die durch die Filme "Cabaret" und "La Strada", durch Zirkusfilme und die Edgar-Wallace-Filme beeinflusst wurde. Ich wollte Cabaret mit Grusel mixen, weswegen mich die Suspense-Theorie von Hitchcock geprägt hat. Inspiriert haben mich auch Amanda Palmer von der Musikgruppe The Dresden Dolls und der persönliche Kontakt zu zwei älteren Artisten, deren Lebenswelt meine Filmcharaktere und die Ausstattung durchdrungen hat. Zudem schaue ich mir selber gern Independent- und Mockumentary-Filme an. Allerdings möchte ich in Zukunft lieber Realfilme drehen, die aktuelle Themen wie zum Beispiel Gender-Diskussionen behandeln.

Der Film wird im Sommer erneut auf einem großen Festival laufen. Wie funktioniert das? Welche Kontakte muss man dafür knüpfen?

Hierfür ist das Eigenengagement ausschlaggebend. Man muss selber sehr viel recherchieren. Zum Beispiel kann man auf dem Portal FilmFreeway Informationen und Material hochladen, manchmal kostenfrei, manchmal nicht. Dann heißt es: abwarten, ob Festivals reagieren. Ich habe es überall probiert, mich stundenlang durch Anmeldungsprozeduren geackert. Man muss es einfach selber machen, sonst passiert nichts. In Berlin und Venedig gibt es Independent-Festivals, die parallel zu den großen Filmfestspielen laufen, also zur Berlinale und zur Biennale. Dort werden Ergebnisse von Leuten präsentiert, die ihre Visionen verwirklicht haben. In Berlin konnte ich schon mal Connections herstellen und mich von anderen Filmen inspirieren lassen. Allerdings lief mir das alles etwas zu anonym und chaotisch ab, die Betreuung der Kurzfilmemacher war nicht so gut organisiert. Gut finde ich, dass es noch die Genrenale gibt: Selbst wenn man in Berlin bei den Kunstfilmen abgelehnt wird, kann man sich noch bei den Genrefilmen bewerben.

Wie wurde dein Film in Berlin aufgenommen?

"Cabaret Voltaire" hat dort den Kurzfilmblock eröffnet, was mich schon mal sehr stolz gemacht hat. Ich habe jede Menge Feedback bekommen. Viele meinten, sie haben den Film nicht verstanden, aber viele fanden ihn auch sehr cool, sehr frei und haben gemerkt, dass hier einfach mal jemand das gemacht hat, was er wirklich will. Am besten fand ich die Bezeichnung „Fuck-the-Rules“-Film, weil ich mich eben ganz klar gegen die klassischen Filmregeln entschieden habe. Hier sollte die Atmosphäre im Vordergrund stehen, nicht die Story.

Inwieweit konntest du von den Kompetenzen profitieren, die du im Studium erworben hast?

Im Studium habe ich erstmal gelernt, wie vielfältig das Filmemachen ist. Unser Studium ist sehr praxisbezogen und besteht zu 80 Prozent aus praktischem Arbeiten – statt über Klausuren und Hausarbeiten werden wir durch unsere Filme bewertet. Ohne Studium würde ich die ganzen Aspekte der Filmarbeit nicht verstehen, über Technik habe ich unglaublich viel gelernt. Wir können uns in allen möglichen Filmdepartments ausprobieren und im Prinzip alles machen, was uns interessiert, auch wenn wir uns gewissermaßen spezialisieren müssen. Das ist manchmal sehr chaotisch, birgt aber eine große künstlerische Freiheit. Aber auch hier ist wieder Eigenengagement das A und O.

Welche Zukunftspläne hast du?

Mein nächstes Drehbuch ist schon fertig. Diesmal geht es um einen sexuellen Selbstfindungstrip einer jungen Frau, die lernt sich als schwuler Mann zu identifizieren. Das klingt unglaublich, gibt es aber wirklich. Diesen Kurzfilm werde ich dann für meinen Bachelor-Abschluss einreichen. Zur Zeit stecke ich in den Planungen und suche mir eine Cast und ein Drehteam zusammen. Gedreht wird dann im Wintersemester.
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.