Petition: Kämpft für die Brand-Sanierung in Weißenfels!

Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/kaempf...

Reiner Eckel, Zeitz: http://www.zeitzonline.de/2014/12/08/brand-sanieru...

Standen Sie schon mal vor einem van Gogh? Vor dem „Weizenfeld mit Raben“ vielleicht? Ein Bild, das die Balance zwischen Ruhe und Sturm hält, zwischen Erde und Himmel. Ein Bild der widersprüchlichen Farben, ein Gemälde der Leidenschaft. Verfolgen Sie den Duktus des Künstlers, die Pinselführung, die beinahe zum Relief geformte Farbe. Und dann achten Sie auf die schwarzen Raben, die das satte Gelb und das unheimlich tiefe Blau ad absurdum führen. Die Vorboten des Todes, die über dieser rätselhaften natürlichen Unordnung aufsteigen und uns die gestörte Psyche des Malers vor Augen führen.

Ein Bild reißt uns mit. Ob wir es wollen – oder nicht. Wir sind ihm ausgeliefert, müssen es wehrlos betrachten. Interpretation ist eine ganz andere Sache. Welche Schlüsse wir aus dem Werk des Künstlers ziehen, ist uns überlassen. Am Anfang steht die Betrachtung, völlig unvoreingenommen, naiv, unschuldig. Die bildende Kunst vermag uns von klein auf zu berühren, unsere feinen Sinne sind empfänglich für sie. Sie verströmt eine ähnliche Macht wie die Musik: Es braucht nur wenige Sekunden, schon sind wir unweigerlich in ihren Bann gezogen. Diese Musik kann furchtbar geschmacklos sein, zu laut, zu schwer – und dennoch hören wir sie. Auch ein Bild kann uns missfallen. Es kann zu düster sein oder zu hell, zu abstrakt. Aber es ist da, es hängt an dieser Wand, und wir gehen nicht einfach so vorbei, wir sehen es, wir nehmen es wahr.

Vermittlung zwischen Kunst und Betrachter, Gespräche zwischen Künstlern und Rezipienten, Dialog zwischen Kunstformen: Diesen komplexen Aufgaben hat sich in der Mittelstadt Weißenfels im Süden Sachsen-Anhalts der Verein Brand-Sanierung e.V. angenommen, geleitet von der Künstlerin und Lehrerin Christina Simon. In den 1990er Jahren von Simon als private Initiative gegründet, entwickelte sich der anfängliche Gesprächskreis zur Institution. Zur Institution, die unersetzbar und einmalig ist. Einerseits in Weißenfels, andererseits im gesamten mitteldeutschen Raum.

Weißenfels hat mehrere Blütezeiten erlebt, etwa unter der Sekundogenitur Sachsen-Weißenfels als schöngeistige mitteldeutsche Hochburg zwischen 1685 und 1731, oder zur Zeit der Schuhproduktion im großen Stil als „Schuhmetropole“ in den 1950er bis 1980er Jahren. Von diesen Blütezeiten zehrt die Stadt, sie arbeitet sie auf vielfältigste Weise auf. In den letzten Jahren hat sich nun die Lebensmittelindustrie angesiedelt – steht eine neue Blütezeit bevor? Die perfekte Autobahnanbindung spricht ebenfalls für Weißenfels. Doch machen wir uns nichts vor: Die Arbeitslosenquote ist hoch, die soziale Ungleichheit drastisch. Ein Stadtteil, in dem die soziale Not von Weißenfels deutlich sichtbar wird, ist die Neustadt. Zugleich wurde er vom Stadtrat aber als das dynamischste Viertel eingestuft, nämlich aufgrund der hohen Anzahl junger und jugendlicher Bewohner. Die Brand-Sanierung ist hier eine „Kulturinsel“, wie sie in der lokalen Presse betitelt wird. Und die Presse mag recht behalten, sie ist es wirklich. Dieses Haus in der Novalisstraße 13 hat sich zum geistig-kulturellen Fixpunkt entwickelt, in diesem oftmals abgeschriebenen und streckenweise sehr benachteiligten Stadtteil.

Nicht nur ein Weißenfelser Viertel wird durch die Brand-Sanierung erhellt, sie wirkt auf die gesamte Stadt und präsentiert diese folgerichtig auch über die Grenzen von Stadt und Landkreis hinaus. Moritz Götze, Judith Siegmund, Jacqueline Apel, Nora Erdmann, Miriam Lutz, Gabi Weiss und Nancy Laufer – um nur wenige Namen aus der erschöpfenden Liste zu nennen – sind bildende Künstler, mit denen sich die Brand-Sanierung vernetzt hat. Ästhetische Bildung und Erziehung, soziale und künstlerische Vernetzung mit Kulturschaffenden und Institutionen: Dies sind unerlässliche Grundlagen eines sicheren, selbstbewussten Standes für Weißenfels im Dreiländereck von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bezüglich seiner kulturellen Identität. Die Brand-Sanierung leistet auf diesem Terrain in Weißenfels den wichtigsten Beitrag, um ebenjene Grundlagen zu gewähren. Sie ist der Ansprechpartner Nummer Eins in Sachen zeitgenössischer bildender Kunst in Weißenfels und hinsichtlich dessen der primus inter pares im Burgenlandkreis.

Die ästhetische Bildung und Erziehung richtet sich dabei nicht an einen ausgewählten Personenkreis. In der Brand-Sanierung verkehrt kein geschlossenes Establishment, denn die Novalisstraße 13 ist ein offenes Haus für jeden Interessierten. Gerade die Jugend wird angesprochen. Haupt-, Real- und Gymnasialschüler sowie Studenten werden zu außerunterrichtlichen Begegnungen und Kursen eingeladen, um nicht nur das kunsttheoretische Wissen vor Ort auszutesten und zu erweitern, sondern um zu neuen Ufern aufzubrechen, Denkweisen zu hinterfragen, künstlerische Ausdrucksformen kennenzulernen und zu kritisieren. Der produktive Austausch über die zeitgenössischen Künste und der Dialog zwischen den Kunstformen ist oberstes Gebot der Brand-Sanierung. Es geht nicht um Selbstdarstellung. Christina Simon mag sich einen Namen gemacht haben als Künstlerin. Ihr Beitrag zur Festigung einer kulturellen Identität für Weißenfels als Begründerin, Leiterin und Organisatorin der Brand-Sanierung ist ein Lebenswerk, eine Leistung, hinter der diejenige der Künstlerin zurücksteht. Christina Simon übt als Kulturmanagerin und -pädagogin, die die Welt nach Weißenfels holt und Weißenfels der Welt präsentiert, eine noch viel bedeutendere und unerlässliche Funktion aus.

Im Verein Brand-Sanierung e.V. steht sie nicht allein da. Dennoch organisiert sie alles selbst: Ausstellungen, Kunstprojekte, Konzerte, Lesungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Film- und Theateraufführungen. All dies findet im Wechsel und im Wandel statt, die Brand-Sanierung sucht stets nach neuen Themen. Aktuell ausgewählte Jahresthemen sind Grundlage unterschiedlicher Arbeitsfelder und Ausdrucksformen. Seit 14 Jahren arbeitet die Lehrerin Christina Simon ehrenamtlich, ohne Personalstelle und ohne Hilfskraft. Im Februar 2013 machte Bärbel Schmuck, Redakteurin der Mitteldeutschen Zeitung, erstmals auf die zurückgehende finanzielle Förderung der Brand-Sanierung seitens der Stadt Weißenfels und die schrittweise schwindenden organisatorischen Kräfte Christina Simons aufmerksam.

Was an Kulturarbeit in Weißenfels geleistet wird, geschieht meist ehrenamtlich und wird von Laien in ihrer Freizeit ausgeführt: Musik-, Tanz- und Theatergruppen sowie -vereine, die nur bedingt agieren können und deren Grundlage finanzielle Förderung und personelle Unterstützung sind und bleiben. Christina Simon nun als selbst schaffende und arbeitende Künstlerin ist Profi durch und durch. Die Brand-Sanierung lebt durch sie, jetzt ist es jedoch längst an der Zeit, neue Mitstreiter zu finden, die sie auch personell und organisatorisch unterstützen, und die Brand-Sanierung damit aufrechtzuerhalten.

Arrivierte Institutionen zur Pflege der Kultur gibt es in Weißenfels mehrere, doch nicht eben viele. Sie sind der Grundsatz für ebenjene Laien und ehrenamtlichen Kulturschaffenden. Die wichtigste, weil räumlich und inhaltlich größte sowie thematisch vielfältigste dieser Institutionen ist das stadtgeschichtliche Museum im Schloss Neu-Augustusburg. Danach folgen auf ein und demselben Rang die Brand-Sanierung – als Dreh- und Angelpunkt der zeitgenössischen bildenden Künste –, das Novalishaus – ein Hort der Literatur –, das Heinrich-Schütz-Haus – als größter musikhistorischer Höhepunkt der Stadt – und das Geleitshaus – dessen Irish Pub der Szenetreff für Sportler, Künstler und Kulturschaffende geworden ist. Als „Nachwuchs“ unter diesen Institutionen beweist sich seit 2012 das Kloster St. Claren mithilfe eines personell großen Vereins durch Ausstellungen, Geschichtsaufarbeitung und Organisation bzw. Mitwirkung musikalischer Veranstaltungen. Ein weiterer kultureller Fackelträger ist der Weißenfelser Bismarckturm, der ebenfalls zu neuem Glanz gekommen ist. Brand-Sanierung, Novalishaus, Heinrich-Schütz-Haus, Kloster und Bismarckturm werden alle von Vereinen betreut und verwaltet. Fiele die Brand-Sanierung weg, bräche ein wichtiger Grundpfeiler des Weißenfelser Kulturlebens zusammen und würde das Fundament der kulturellen Identität dieser Stadt schwer ins Wanken bringen. Die Brand-Sanierung ist unersetzlich und wäre unwiederbringlich. Statt jedoch nun nur auf ihre finanzielle und personelle Not hinzuweisen, ist es besser, ein Netzwerk der Verständigung und gegenseitigen Unterstützung zu erarbeiten und auszubauen, um ihr den dringend nötigen Halt zu geben.

2010 wurde das soziokulturelle Kinder- und Jugendzentrum „Seumeclub“ nach jahrzehntelanger Arbeit trotz hoher Nachfrage geschlossen. Was nun? Wie geht es weiter? Wird jetzt auch die Brand-Sanierung der Schließung preisgegeben? Hat sich ein Domino-Effekt in Gang gesetzt, der nacheinander alle Kulturhorte der Stadt umwirft? Und wäre die Brand-Sanierung geschlossen – was dann? Als nächstes das Novalishaus? Oder das Heinrich-Schütz-Haus? Gar das Stadtmuseum im Schloss?

Jedes Jahr erhält die Brand-Sanierung projektgebundene finanzielle Unterstützung der Stadt Weißenfels. Der Burgenlandkreis, Sponsoren aus dem Mittelstand, die Sparkasse Burgenlandkreis und die Wohnungsbau Wohnungsverwaltung GmbH haben diese Unterstützung ergänzt. Den Schwerpunkt bildet jedoch nach wie vor die kontinuierliche Projektförderung durch die Stadt, die idealerweise aber einer institutionellen Förderung weichen sollte. Wie aus dem Artikel „Weißenfelser Neustadt: Dem Kunstverein ‚Brandsanierung‘ droht das Aus“ der Mitteldeutschen Zeitung vom 20. Februar 2013 hervorgeht, verschlingen die Betriebskosten mittlerweile die Rücklagen. Statt einer institutionellen Förderung wollte sich die Stadtverwaltung, allen voran Oberbürgermeister Robby Risch und Kulturamtsleiter Robert Brückner, nach alternativen Fördermöglichkeiten erkundigen. Inzwischen zweifelt Christina Simon daran, dass die Stadt Weißenfels noch hinter der Brand-Sanierung steht und ihr eine Zukunft gewährleisten kann. Sie hofft auf Mitstreiter und Unterstützung seitens der Stadt sowie alternativer Förderer und kann den Kampf für die Kunst in der Stadt Weißenfels nicht allein bewältigen.

Martin Wimmer

Weißenfels, den 23.11.14
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2 Kommentare
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Martin Wimmer aus Weißenfels | 23.11.2014 | 17:01   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 08.12.2014 | 11:37   Melden
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