Kurzbericht von der Anwohnerversammlung zur Aufnahme von Flüchtlingen im Wernigeröder Stadtteil Stadtfeld

Wernigerode: Gymnasium Stadtfeld |

Nach einer ersten Informationsveranstaltung für Bürgerinnen und Bürger zur Aufnahme von Flüchtlingen in Wernigerode am 7. Oktober im historischen Rathaus, wurde es am 10. November in der mit rund 200 Anwohnerinnen und Anwohnern besetzten Aula des Stadtfeld-Gymnasiums konkret: Im ehemaligen Lehrlingsheim am nahegelegenen Kohlgartenquartier sollen Anfang des kommenden Jahres die ersten 60 Geflüchteten einziehen.

Obgleich den Ausführungen von Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert zufolge nach wie vor nicht abschließend feststeht, wie viele Flüchtlinge (wohl etwa 270 bis 280) Wernigerode ab wann (voraussichtlich im ersten Quartal) aufnehmen wird, konnte die Stadtverwaltung in der von Pfarrerin Dr. Heide Liebold von der der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis moderierten Veranstaltung bereits recht umfassend Auskunft über das Betreuungs- und Sicherheitskonzept für das erste Objekt geben, welches in Wernigerode als Gemeinschaftsunterkunft hergerichtet werden soll. Zuvor nutzte der Oberbürgermeister jedoch die Gelegenheit für einige eher grundsätzliche Ausführungen zu den Auswirkungen der aktuellen Flüchtlingskrise auf Wernigerode und den Landkreis Harz. In diesem Zusammenhang wies er unter anderem darauf hin, dass Wernigerode aufgrund der Sonderstellung des Landkreises durch die Ansiedlung der ZASt in Halberstadt in den 1990er Jahren im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen bundesweit bislang noch gar keine Flüchtlinge aufnehmen musste – und dass die für das kommende Jahr zu erwartende Zahl von 270 bis 280 Menschen gerade einmal dem demografischen Einwohnerverlust Wernigerodes seit dem Jahr 2013 entspricht. Bereits in dieser Phase der Veranstaltung kam es leider zu ersten Störungen und Zwischenrufen, die später insbesondere die abschließende Bürgerfragestunde prägen sollten.

Konkrete Informationen zur ersten Aufnahmestelle wurden im Anschluss von Andreas Heinrich, dem Dezernenten für Gemeinwesen der Stadt Wernigerode vorgetragen: Bis zu 60 Geflüchtete sollen ab Anfang des kommenden Jahres im ehemaligen Lehrlingsheim in der Kohlgartenstraße, welches zu diesem Zweck in den kommenden Wochen hergerichtet wird, jeweils in Zwei-Personen-Zimmern untergebracht werden. Für weitere, im Laufe des Jahres zu erwartende Geflüchtete würden derzeit noch Unterkünfte – vor allem im privaten Bereich – gesucht, was sich aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes jedoch als aufwändig erweise. Für Geflüchtete, die eine dauerhafte Anerkennung erhalten, werde durch Kreis und Stadt weiterhin eine dezentrale Unterbringung angestrebt. Heinrich bat die Zuhörerinnen und Zuhörer in diesem Zusammenhang darum, den zu erwartenden Zuzug vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung auch als Chance zu begreifen. Positiv äußerte sich auch Sozialamtsleiterin Petra Fietz: Mehr als 120 Wernigeröder Bürgerinnen und Bürger sowie rund 30 Vereine und andere Organisationen hätten sich bereits für die ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen gemeldet – und nahezu täglich gingen nach wie vor weitere Hilfsangebote ein. Die vergleichsweise lange Vorbereitungszeit sowie das große ehrenamtliche Engagement unterschieden Wernigerode positiv von anderen, teilweise viel kleineren Kommunen, in denen Flüchtlinge nahezu unvorbereitet „von einem Tag auf den anderen“ in großer Zahl untergebracht werden mussten.

Die interessantesten Ausführungen des Abends stammten von Polizeioberrat Dietmar Schellbach, der seit über einem Jahr dem Polizeirevier Harz vorsteht. Schellbach berichtete umfassend über die bisherigen polizeilichen Erfahrungen mit Flüchtlingsunterkünften in seinem Zuständigkeitsbereich, wobei er mehrfach betonte, dass es weder im Umfeld der – überbelegten – ZASt noch im Umfeld der bereits existierenden Außenstellen in Harzorten wie Sorge und Quedlinburg zu einem erkennbaren Anstieg von Straftaten gekommen sei. Alle in den vergangenen Monaten in Halberstadt kolportierten Gerüchte – von den gestohlenen Ziegen im Streichelzoo über die Schließung eines Rewe-Marktes wegen ständiger Diebstähle bis hin zum angeblichen Cholera-Ausbruch in der ZASt – hätten sich bei näherem Hinsehen als böswillig in Umlauf gebrachte Lügen erwiesen. Zwar werde die Polizei durch die Flüchtlingskrise aktuell stark belastet, der Großteil der erbrachten Überstunden entfalle jedoch auf den Schutz von Flüchtlingsunterkünften sowie von Bürgerversammlungen und Demonstrationen. Angesichts der lauten, teils aggressiven Zwischenrufe aus dem Publikum bat der Polizeioberrat die Anwesenden um Zurückhaltung und erinnerte daran, dass bereits ein einziger fremdenfeindlicher Vorfall eine ganze Stadt in Verruf bringen könne. Die Verbrennung von Anne Frank-Tagebüchern durch Neonazis in seinem früheren Nachbarort Pretzien habe, so Schellbach, noch jahrelang „wie Pech“ am Namen der Ortschaft geklebt und dauerhaften Schaden angerichtet. Zum wiederholt durch Anwesende vorgebrachten Einwurf, es kämen „nur junge Männer“, die ja keine „echten Flüchtlinge“ seien, gab Schellbach zu bedenken, dass er selbst seinem Sohn in einer vergleichbaren Situation ebenfalls dazu raten würde, „sich ein paar Kumpels zu suchen und sich in Sicherheit zu bringen.“

Die abschließende Bürgerfragestunde wurde – trotz etlicher hörenswerter Beiträge wie etwa dem Bericht einer Lehrerin über Sprachkurse mit Geflüchteten oder auch den Sorgen des Wirtes der angrenzenden Sportlerkneipe über möglicherweise sinkende Umsätze – leider durch eine Vielzahl unsachlicher Beiträge, Gerüchte und Vorwürfe geprägt. Trotz der wiederholten Versicherung durch den Revierleiter, dass es bislang im Umfeld keiner Flüchtlingsunterkunft im Harzkreis zu derartigen Straftaten gekommen sei, wurde – in teilweise unangemessener Wortwahl – über vermeintlich zu erwartende Einbruchsserien, Kindesmisshandlungen und massive sexuelle Übergriffe spekuliert. Auch die Sorge, Flüchtlingen stünden eventuell kostenfreie Leistungen zu, die die Anwohner nicht erhalten – vom WLAN-Zugang bis hin zur Taxifahrt zum Arzt – führte zu zahlreichen Anfragen, die durch Herrn Heinrich und Frau Fietz entkräftet werden mussten. Zum Sicherheitskonzept für das Heim wurden aufgrund vielfacher Nachfragen besonders umfassende Ausführungen gemacht: Neben zusätzlicher Beleuchtung, einer Video-Überwachung sowie der Bewachung durch einen privaten Sicherheitsdienst, werde auch die Polizei verstärkt Präsenz zeigen und sei zudem – über das rund um die Uhr besetzte Kommissariat am Nikolaiplatz – jederzeit für jeden ansprechbar. Bürgerinnen und Bürger könnten sich mit Fragen zudem stets an die drei für Wernigerode zuständigen Regionalbereichsbeamten wenden, die auf ihren häufigen Rundgängen ja ohnehin regelmäßig im Stadtbild präsent seien.

Trotz aller Bemühungen und Ausführungen endete der Abend leider aufgrund vieler Zwischenrufe, Vorwürfe und Störungen eher unversöhnlich. Dass einem Wohnungsbesitzer applaudiert wird, der verkündet, keinesfalls Wohnraum an Flüchtlinge vermieten zu wollen oder das ein diensterfahrener Polizist, der über seine Arbeit in der ZASt berichtet, rüde unterbrochen und ausgelacht wird, wirft nicht das beste Licht auf die bunte Stadt am Harz und unterstreicht, dass auf dem Weg zu einer für alle Seiten angenehmen Begegnung noch viel Arbeit zu verrichten sein wird. Die Stadt will diesen Prozess übrigens durch die Schaffung von bis zu 30 Begegnungsstätten unterstützen, in denen im Rahmen von Veranstaltungen Ängste abgebaut und Vorurteile überwunden werden können.
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