Kurzbericht von der Bürgerversammlung zur Flüchtlingshilfe und -integration in Wernigerode

Die Gründung des Flüchtlingsnetzwerks fand im historischen Rathaus der Stadt Wernigerode statt.
Wernigerode: Historisches Rathaus |

Knapp hundert Bürgerinnen und Bürger sowie zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen, Verbänden und aller demokratischen Parteien versammelten sich am Abend des 7. Oktobers zur Gründung eines Netzwerks für die Unterstützung und Integration von Flüchtlingen im Ratssaal des historischen Wernigeröder Rathauses.

Oberbürgermeister Peter Gaffert fasste in seinen einleitenden Ausführungen zunächst den aktuellen Sachstand betreffend der Aufnahme von Flüchtlingen in Wernigerode zusammen: Mit der für 2016 zu erwartenden Gründung von mindestens einer weiteren Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) für Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt, wird die Sonderstellung des Landkreises Harz als Standort der bislang einzigen – und damit für das gesamte Bundesland zuständigen – ZASt (in Halberstadt) erlöschen. Ab diesem Zeitpunkt haben die Kommunen im Kreis mit der Zuweisung von Flüchtlingen gemäß des Königsteiner Schlüssels zu rechnen. Wie viele Flüchtlinge (wohl einige hundert) wann genau (vermutlich ab Anfang 2016) nach Wernigerode kommen werden, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht exakt fest und wird – aufgrund der Dynamik der aktuellen Flüchtlingssituation – wohl auch noch einige Zeit offen bleiben. Auch hinsichtlich der Unterbringung konnten noch keine genauen Aussagen getroffen werden – sicher ist nur, dass der Landkreis Harz sich dafür einsetzen wird, zumindest diejenigen Flüchtlinge mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit dezentral in regulären Wohnungen einzuquartieren. Gaffert betonte ausdrücklich, dass der Zuzug von Flüchtlingen in jedem Fall deutlich geringer als der Einwohnerverlust ausfallen werde, den Wernigerode seit der Wendezeit erlebt habe. Für „das Boot ist voll“-Rhetorik und Stimmungsmache vom rechten Rand habe die Stadtverwaltung daher keinerlei Verständnis. Der Oberbürgermeister erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Dimensionen des weltweiten Flüchtlingsdramas mit mehr als 60 Millionen Geflüchteten sowie an die Situation in der Türkei, im Libanon und anderen Staaten, die ein Vielfaches an Flüchtlingen zu versorgen hätten. Im Vergleich hierzu seien die in Wernigerode – als weltoffener Touristenstadt mit immerhin mehr als einem Jahrhundert an Erfahrungen mit internationalen Besucherinnern und Besuchern – anstehenden Herausforderungen mit Sicherheit zu bewältigen.

Sozialdezernent Andreas Heinrich und Sozialamtsleiterin Petra Fietz erläuterten anschließend im Detail, welche Unterstützungsangebote die Stadt in den kommenden Monaten vorbereiten möchte. Zur breiten Palette an guten Ideen gehören die Ausbildung von Integrationslotsinnen und -lotsen, die einzelne Flüchtlinge über einen längeren Zeitraum ganz individuell begleiten, die Vorbereitung von Erzieherinnen auf die Betreuung geflüchteter Kinder oder auch die Schaffung von Begegnungsorten, an denen sich Einheimische und Flüchtlinge kennenlernen können. Auch die Vertreterinnen und Vertreter der maßgeblichen Sozial- und Bildungsinstitutionen im Landkreis wussten Positives zu berichten: Die Kreisvolkshochschule Harz etwa bietet bereits an allen drei Standorten Deutschkurse an und wird das bestehende Angebot weiter ausweiten, während die Hochschule Harz sich – wie auch alle anderen Hochschulen des Landes – darauf vorbereitet, Flüchtlinge als Gasthörerinnen und -hörer zuzulassen und ihnen perspektivisch den Weg zu Studienplätzen zu ebnen. Die Wahrnehmung von Bildungsangeboten, so war an diesem Abend immer wieder zu hören, sei auch ein zentraler Wunsch vieler Geflüchteter selbst: Eine ehrenamtlich Aktive berichtete von in Halberstadt untergebrachten Flüchtlingen, die fließend Englisch und Französisch sprächen, unterbrochene Ausbildungen oder Studien wiederaufnehmen wollten und die sich beinahe jeden Tag nach Sprachkursen und anderen Bildungsangeboten erkundigten. Einige würden sogar an Sprach- und Integrationskursen für Kinder teilnehmen, nur um einige Brocken der deutschen Sprache – die von vielen Geflüchteten als Schlüssel für die zukünftige Teilhabe an der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet werde – zu erlernen.

Die berichteten Erfahrungen der bereits in Halberstadt und anderenorts aktiven Helferinnen und Helfer – wie etwa den Halberstädter Studierenden, die gemeinsam mit Prof. Dr. Birgit Apfelbaum von der Hochschule Harz das Projekt „Halberstadt Crossroads“ ins Leben gerufen haben – waren durchweg positiv, wenngleich bei einigen Redebeiträgen deutlich zu spüren war, dass manchen Helfern die Not und das Elend der Geflüchteten persönlich schwer zu schaffen machten. Aus der kleinen Gruppe asylkritischer Teilnehmer, die sich im Vorfeld der Veranstaltung über Facebook organisiert hatten, den Saal jedoch größtenteils frühzeitig verließen, gab es während des gesamten Abends hingegen nur eine einzige, inhaltlich eher diffuse Wortmeldung. Von einer aufgeheizten und aggressiven Stimmung, wie sie bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen Städten und Kommunen vorherrscht, war in Wernigerode an diesem Abend jedenfalls nichts zu spüren – ein Umstand, den der Vertreter des Flüchtlingsrates Sachsen-Anhalt in seinem abschließenden Statement noch einmal ausdrücklich hervorhob. Das von Frau Fietz als Vertreterin der Stadt proklamierte Ziel, perspektivisch von einer Willkommenskultur zu einer Bleibekultur zu gelangen und damit etwa ein Drittel der Geflüchteten langfristig als Einwohner, Arbeitnehmer, Auszubildende, Schüler und Studierende in Wernigerode halten zu können, wurde abschließend mit anhaltendem Applaus bedacht.

Die Veranstaltung endete mit langen Schlangen vor den Freiwilligenlisten – wer nicht teilnehmen konnte, sich aber trotzdem für Dolmetscherdienste, Sprachkurse, Kinderbetreuung oder weitere ehrenamtliche Aktivitäten eintragen lassen möchte, findet hierzu demnächst Informationen auf der Internetseite der Stadt oder kann sich auch heute schon bei der Koordinierungsstelle für Flüchtlingshilfe des Landkreises registrieren lassen.
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