Die Funktion einer Stadt, die Diskussion und der Versuch, es allen recht zu machen

Vortrag und friedliche Diskussion über die Wittenberger Innenstadt im Malsaal.

Am Montagabend, dem 8. April versammelte sich eine illustre, zum großen Teil ältere Schar von Zuhörern im Malsaal der Cranachstiftung, um über die Stadtentwicklung zu diskutieren.

Geladen hatten Pfr. Friedrich Schorlemmer und Dr. Insa Hennen von der Forschungsgruppe ernestinisches Wittenberg. Mit so vielen Besuchern hatte man nicht gerechnet. Als alle mit Stühlen versehen waren, eröffnete Schorlemmer den Abend. Gepflegte Konversation war angesagtes Ziel und klassische Musik erklang.

Hennen, ihres Zeichens studiert in Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Italianistik, hielt einen sehr detaillierten, aufschlussreichen Vortrag. Die, seit Jahrhunderten nahezu unveränderte, räumliche Gliederung der Stadt in Achsen wurde thematisiert und sehr anschaulich mit Bildern dokumentiert. Die Funktionen der Gebäude, Plätze oder Gesamtensembles erläuterte Hennen. Eine Herausforderung für das Publikum waren die Begriffe Nutzwert, Zeugniswert, Erinnerungswert, Erlebniswert, mit denen, so Hennen, jeder Platz oder jedes Gebäude bzw. Ensemble bewertet werden kann.
Hennen betonte ebenso einige Problemfelder, die, aus Ihrer Sicht, zu Verschiebungen in der tradierten Funktion der Altstadt führen können. So könnte der Schlossplatz seine Funktion als Eingang in die Stadt mit Sichtachse durch die Schloss- und Coswiger Straße verlieren. Grund dafür wäre die Verlegung des Eingangs in die Schlosskirche auf die Schlosshofseite. Der touristische Erlebniswert würde gemindert, weil Besucher zu Hintereingängen geleitet werden. Zudem verkommt die Kirche in Ihrer Funktion zu einem Museum, da ein Besucherempfang dem Eingang vorgeschaltet werden soll.
Oder aber die, durch die Shoppingmall gestärkte Nord-Süd-Achse zum Arsenal, durch welche der Marktplatz seine eigentliche Funktion verliert. "Es geht nicht nur um einzelne misslungene Bauten, es geht um den Verlust von Funktionen in einer Stadt". Auf jeden Fall hofft Hennen auf den Sommer - wie wir alle.

Die abschließende gepflegte Diskussion, so ausdrücklich gefordert, moderierte Schorlemmer. Viele städtische Verantwortliche waren an Bord, so z.B. der OB Naumann, der Bürgermeister Zugehör, der Bauauschussvorsitzende Richter, um nur einige zu nennen.

OB Naumann fand die Diskussion gut, verwies aber darauf, dass es mittlerweile auch viele öffentliche Plätze gibt, die miteinander konkurrieren, sowohl reale als auch virtuelle. Er betonte, dass wir weiterbauen müssen und stellte die Frage, ob es legitim ist, in die Rechte eines Bauherrn einzugreifen. "Wir haben die Verantwortung, Welterbe erlebbar zu machen!" so Naumann.

Andere zweifelten da ein wenig, so wurde der Leerstand aufgeführt, der offen ersichtlich ist und für den scheinbar auch niemand ein Patentrezept hat. Ein anderer warf die Frage nach dem Gebäude des Melanchthon Gymnasiums auf, was seit geraumer Zeit leer steht.

Ein anderer wiederrum stellte die Umnutzung des Augusteums in Frage. Und Schorlemmer möchte dort die Stille des Innenhofes bewahren. Der anwesende Dr. Rhein antwortete hier "es ist alles eine Frage der Logik" und will eine öffentliche Veranstaltung zum Thema "Tunnel" oder besser Gesamtkonzept machen.

Schließlich erfuhren die Anwesenden, dass die Genehmigung für das Augusteum noch garnicht erteilt ist und man nun indes selbige als Ausnahmegenehmigung im Bauausschuss besprechen muss.

Die friedliche Diskussion endete mit Schorlemmers Worten, dass er sich wünscht, dass der Bürger als solcher beteiligt wird wenn "noch nicht alle Messen gesungen sind".

Eine Frage, die sich dort stellt ist, wer denn die Messe gesungen hat und was es für eine Messe war. War es vielleicht eine missa solemnis oder eine missa cantata oder gar eine missa pontificalis.

Schade nur, dass so wenige junge Leute an diesem Abend da waren. Diese tragen am Ende das "Erbe". Wunsch bleibt, dass bei gravierenden Eingriffen in das Stadtbild und Änderung des Nutzens von Ensembles das Volk befragt wird. In einer friedlichen Diskussion. Die angesprochenen virtuellen Plätze sind da sicher ein gutes Hilfsmittel.
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