Wie gelangen Einheitsgemeinden zu einer ortschaftsübergreifenden Identität? Schwierige Prozesse in Salzatal

Zappendorf: Heimatmuseum |

Seit der letzten Gemeindegebietsreform im Jahr 2010 sind in Sachsen-Anhalt zahlreiche Einheitsgemeinden ins Leben gerufen worden. Ihre Befürworter gehen davon aus, dass sich dort im Lauf der Zeit ein neues Ortsbewusstsein und eine neue Ortsidentität entwickeln. Dass ein solcher Optimismus voreilig sein kann, wenn nicht bestimmte günstige Voraussetzungen geschaffen werden, wird im Folgenden am Fall der Einheitsgemeinde Salzatal dargestellt.

Politische Strukturen allein reichen für Identitätsbildung nicht aus ….

Für die neu ins Leben gerufenen Einheitsgemeinden hat der Gesetzgeber auch neue politische Strukturen vorgegeben. So wurden in Salzatal 2010 ein Gemeinderat und eine Bürgermeisterin gewählt. Seitdem kommen in Gemeinderats- und Ausschusssitzungen 28 Vertreter der neun Ortschaften, die Bürgermeisterin, sachkundige Einwohner und verschiedene Verwaltungsmitarbeiter in Plenar- und Ausschusssitzungen zusammen, um Ortschafts- und ortschaftsübergreifende Probleme zu diskutieren und letztendlich darauf bezogene Entscheidungen zu treffen. Diese Beratungen verlaufen nicht zwangsläufig einheitsstiftend, sondern können auch Gräben zwischen Ortschaften vertiefen. So hat in Salzatal die bisherige Debatte um die verschiedenen Grundschulstandorte den Konfliktstoff eher vermehrt als vermindert. Neben den vom Gesetzgeber vorgegebenen Strukturen könnten zusätzliche informelle Gesprächsrunden wie z.B. ein regelmäßiger Austausch zwischen der Bürgermeisterin und den Ortsbürgermeistern in Form einer „Bürgermeister-Runde“ den Informationsfluss intensivieren. Eine solche „Bürgermeister-Runde“ hat sich aber bis heute in Salzatal nicht etabliert.
Im Rahmen der Veranstaltungen des in Salzatal durchgeführten Projekts „Weckweiser Demographie“ ist es immerhin gelungen, Bürger zusammenzubringen, denen die weitere Entwicklung ihrer Ortschaften ein Anliegen ist. Solche zeitlich begrenzten Projekte sind aber nicht geeignet, kontinuierliche ortschaftsübergreifende Begegnungen von Einwohnern sicherzustellen.

…. wenn nicht soziale Netzwerke und zivilgesellschaftliche Aktivitäten hinzukommen

Die Chancen, dass sich die Bürger mit dem neuen Gebilde ihrer Einheitsgemeinde identifizieren, steigen, wenn gemeinschaftliche, ortschaftsübergreifende Begegnungen und Aktionen gelingen. Solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten – so der Sammelbegriff – entstehen nicht von allein. Der Anstoß dazu geht in der Regel von Personen aus, die mit ihrem Talent als „Netzwerker“ Mitbürger leicht ansprechen und einbinden können. Die Erfolgsaussichten steigen, wenn solche Initiativen von ihrer Ausrichtung her vielen Interessenten offenstehen und keine Zugangshürden (wie z.B. bestimmte Vereins- oder Parteizugehörigkeit) aufweisen.
Für die Gemeinde Salzatal hat sich das Heimatmuseum in Zappendorf als eine solche niedrigschwellige Einrichtung herauskristallisiert. Seine Leiterin Ulrike Dietrich und ihre Mitstreiter haben bisher zahlreiche Aktivitäten angestoßen: Dazu zählen u.a. die Durchführung des 1. Freiwilligentags in Salzatalim September 2014, die Etablierung und finanzielle Absicherung derBegegnungsplattform „ZeitOase Salzatal“, der regelmäßige Austausch der Leiterinnen verschiedener Salzataler Seniorengruppen und die Organisation eines1. Nachtmarkts für Kunsthandwerker auf dem Museumsgelände.

Netzwerker benötigen Freiraum – zu starke Kontrolle bringt Eigenmotivation zum Erliegen

Eigentlich müssten sich die politisch Verantwortlichen der Gemeinde dieser wichtigen Funktion zivilgesellschaftlicher Aktivitäten bewusst sein und eine unterstützende Haltung einnehmen. Leider haben in der letzten Zeit einige Entscheidungen „von oben“ das Klima zwischen Gemeindeverwaltung und Netzwerkern verschlechtert. Dazu zählt der Vorstoß, den eingeführten Namen des Heimatmuseums per Erlass zu ändern. Hier ist an die politisch Verantwortlichen zu appellieren, die bisher entwickelte zarte Pflanze neuer sozialer Netzwerke nach Kräften zu unterstützen und den von der Kommune finanzierten Mitarbeitern Freiraum für ihr Engagement im ehrenamtlichen Bereich einzuräumen. Strikte bürokratische Kontrollen ihrer Tätigkeit sind Gift für die Eigenmotivation und verhindern Fortschritte bei der Ausbildung einer neuen Identität in Salzatal.
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