Ausflug zur Fuhnequelle und zum Flynz-Opferstein

  Zehbitz: Quellgebiet Fuhne |


Was hat das Fuhnetal mit den großen Flüssen Südamerikas gemeinsam? In Südamerika existiert ein imposantes Naturphänomen: die Flusssysteme Orinoco und Amazonas sind über den Rio Negro verbunden. Je nach Wasserstand wird nämlich über den Brazo Casiquiare das Wasser mehr oder weniger in diese zwei Richtungen verteilt. Eine solche Wasserscheide nennt man in der Naturwissenschaft auch „Flussbifurkation“. Hier teilt sich das Wasser quasi auf und ganz kleine Ursachen, wie Wasserwirbel oder Steine als Strömungswiderstände, entscheiden, ob ein Wassertropfen im Orinoco oder Amazonas landet.

Und so ist es, allerdings in einem viel kleineren Maßstab, auch bei der Fuhne, einem kleinen hiesigen Fließgewässer mit einer Quelle und 2 Abflüssen. An der Bifurkation in Quellennähe teilt sich die Fuhne; und das Wasser fließt dann entweder in die Mulde bei Raguhn oder in die Saale bei Bernburg. Solche Flussbifurkationen spielen in der Chaostheorie eine große Rolle. Entsprechend der Naturgesetze erwartet man eigentlich, dass ähnliche Ursachen auch ähnliche Wirkungen haben. Niemand denkt an eine Vollbremsung im Auto, wenn er das Bremspedal nur leicht betätigt. Und doch werden in der Natur immer mehr Prozesse entdeckt, die dieses Grundprinzip nicht einhalten. Neben der Bifurkation ist das Wetter ein gutes Beispiel. Hier kann der berühmte Schmetterlingsschlag in Brasilien durchaus einen Tornado in den USA auslösen – frei nach dem Motto: Kleine Ursache – große Wirkung.

Die Wissenschaft ist sich noch nicht ganz einig, ob nun Chaos oder Ordnung die Welt regieren. Manche behaupten sogar, dass das Weltall nur ein Stück geordneter Raum im allgemeinen Chaos darstellt, was von selbst und allein entstanden ist und auch wieder vergehen wird, ganz ähnlich wie ein Wasserwirbel in einem Bach.

Aber zurück zur Fuhne, die Bifurkation befindet sich in der Nähe des kleinen Ortes Zehbitz. Dort entspringt die Fuhne, teilt sich dann aber nach ca. 200 Meter Graben in die zwei Flussarme auf. Im Sommer ist der Graben eher trocken, so dass das Naturschauspiel nicht erkennbar ist. Ansonsten ist die Stelle wie prädestiniert für das Nachdenken über das „Woher“ und „Wohin“ der Welt und nach einer kurzen Wanderung durch den Ort nach Südosten hin gut erreichbar.

Wenn man nun schon mal da ist, kann man auch gleich weiterwandern zur nächsten Sehenswürdigkeit. Man muss nur ca. 3 Kilometer in südwestliche Richtung bis kurz vor den Ort Löberitz auf der anderen Fuhneseite laufen. Hier befindet sich der „Flinzstein“, ein Findling aus der Eiszeit. Schon die alten Germanen haben diesen großen Stein mit ca. 2 Meter im Durchmesser als Opfer- und Kultstätte genutzt. An der Oberfläche des Steins sollen von kleinen Vertiefungen aus Rinnen nach verschiedenen Seiten abwärts gelaufen sein, um das Blut der geschlachteten Opfer zur Erde zu leiten. Allerdings ist heute davon nicht mehr viel zu sehen.

Nach der Völkerwanderung ließen sich die Wenden in den von den Germanen verlassenen Wohnstätten nieder. Die Grenze in unserem Raum bildete dabei die Saale/Elbe-Linie. Die Slawen brachten ihre eigenen Götter mit, so etwa den Hauptgott Svantevit oder auch Flynz. Letzterer war nach heutiger sehr unsicherer Kenntnis vermutlich der Gott der Unsterblichkeit, der als Totengerippe auftrat und mit seinem ihm begleitenden Löwen Tote wiedererwecken konnte. Zumindest gab er aber dem Stein seinen heutigen Hauptnamen; ob wirklich seine Statue auf dem Findling stand, ist nicht mehr zu klären.

Im Zuge der Ausbreitung des Christentums soll dann Bonifatius das Götzenbild des Flynz zerstört haben. Ein 1999 in der Nähe aufgestelltes Holzkreuz erinnert an dieses Ereignis der Christianisierung. Der Stein wurde als nun „Heiliger Stein“ zu einem Marienwallfahrtsort, es soll auch ein Marienstandbild auf dem Stein gestanden haben. Mit Sicherheit wurde das Standbild spätestens in der Reformation entfernt.

Vorbei waren von da ab die Zeiten, als der Findling zusätzlich noch seine Aufgabe als Motivationsgeber erfüllte: Wenn wieder einmal ein Fuhrwerk in der morastigen Querung der Fuhne zwischen Zörbig und Radegast steckenblieb, machten sich die Fuhrleute auf den Weg zum „Heiligen Stein“. Dort angekommen legten sie Opfergaben nieder und beteten für die Weiterfahrt. Und wirklich, nach den ca. 2-3 Stun-den dauernden Umweg hatten sich die Zugtiere wohl genügend erholt und zogen das Fuhrwerk aus dem Morast. Der Stein hatte wieder sein „Wunder“ bewirkt.

Die Erinnerung an den Wunderstein verblasste nach der Reformation immer mehr, da auch zwischenzeitlich ein fester Damm mit einer steinernen Brücke durch die Fuhne-Niederung gebaut wurde. Man erinnerte sich wieder mehr an die heidnische Bedeutung des Steins. Die Unebenheiten auf der Oberfläche des Steines wurden vom Volksmund nun als die Abdrücke der Riesenhand des Teufels umgedeutet, daher auch die neue Bezeichnung „Teufelsstein“. Übliche Kennzeichen wie tanzende blaue Flämmchen (Sumpfgas), Katzen mit glühenden Augen (Wildkatzen) und der beißende Geruch von Schwefel (Verfaulungsprozess des Schilfes) zeigten von nun ab die Anwesenheit des Teufels an. Der Stein verlor endgültig seine mehrere hundert Jahre dauernde christliche Tradition.
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