Ein Nachwendeerlebnis: "Wir haben einen Anspruch auf einen Ausbildungsplatz" - Ich wusste nicht, dass dieser Rechtsanspruch nach der Wende eingeführt wurde ...

Schulbuch aus DDR-Zeiten.
Zeitz: Zeitz | Nach der Wende gab es ja für jeden von uns Veränderungen. Jene Menschen die im Osten lebten, waren glücklich über die große Freiheit. Zur Freiheit gehörte es auch, ab sofort im Westen nach Arbeit und Ausbildungsplätzen zu suchen.

Damals arbeitete ich in einem Ausbildungsbetrieb. Die eingehenden Bewerbungen wurden nach einem Prinzip bearbeitet. Das bedeute, nur bei einem bestimmten Notendurchschnitt wurden die Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

So kam es dann hin- und wieder auch vor, dass Bewerbungen aus den neuen Bundesländern nicht aufgegriffen wurden. Nämlich dann, wurde der Notendurchschnitt nicht erreicht.

Erstmals wurde mir der Unterschied zwischen Ost und West deutlich als sich die Mutter eines Bewerbers telefonisch meldete. In einem recht unfreundlichen Ton versuchte sie zu ergründen, warum denn der ihr Zögling nicht zum Bewerbungsgespräch geladen wurde. Als ich das Auswahlverfahren erklärte wollte die Dame am anderen Ende der Leitung dieses Prinzip absolut nicht einsehen. Ja, sie fühlte sich ungerecht behandelt und erklärte mir selbstsicher und in forschem Ton: "Wir haben einen Rechtsanspruch auf eine Ausbildungsstelle."

Da ich in diesem Augenblick nicht wusste, ob sich die gesetzlichen Bestimmungen inzwischen verändert hatten, gab ich mit der Empfehlung nach: "Ja, wenn es so ist, können Sie gern noch einmal eine Bewerbung einschicken. Selbstverständlich werden Sie und ihr Kind zu einem Gespräch eingeladen, sollte dieser Rechtsanspruch bestehen."

Es gab vor der Wende im Westen keinen Rechtsanspruch auf einen Ausbildungsplatz. So viel ich weiß, auch nach der Wende nicht. Aber ich gebe zu, nach diesem Telefonat habe ich mich auch nicht darum bemüht, die Gesetze nach der Wende näher zu erforschen. Denn es bestanden ja eindeutige Richtlinien innerhalb des Hauses. Bewerbungen, die den Notendurchschnit zwischen 1,0 und 2,0 nicht erreichten, die wurden nicht angenommen.

Es blieb im Laufe der Zeit nicht bei diesem einen unerquicklichen Gespräch. Immer wieder kam es einmal vor, dass sich Bürger der neuen Bundesländer irgendwie benachteiligt fühlten.

Aber ich konnte aus meiner Sicht nie eine Benachteiligung erkennen. Denn die Bewerbungen wurden korrekt mit dem Eingangsstempel versehen, der Notendurchschnitt errechnet und jeder - unabhängig vom Geburtsland - wurde abgelehnt oder eingeladen. Und damit meine ich jetzt nicht nur "Ost- und Westdeutsche", auch Bewerber mit Migrationshintergrund.
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