Eine Perle in Zeitz entdeckt

Zeitz, zugegeben keine Stadt, die sich Großes leisten kann, hat eine neue Perle: Kafka „Der Prozeß“. Es ist schon mutig, sich an diesen Stoff zu wagen, der nicht jedermanns Sache ist und diesen in Zeitz anzubieten, grenzt schon an Suizid. Doch was ich am Premiereabend im Neuen Zeitzer Theater erleben durfte, war großes Theater auf kleiner Bühne. Die Räumlichkeit und Technik begrenzt, Kaftas Werk zu transportieren – ein Wagnis.

In diesem Drahtseilakt ist unter der Regie von Annekatrin Schuch-Greif (diesen Namen sollte man sich einprägen!) eine Inszenierung entstanden, die mit Worten wie einmalig, außergewöhnlich, überwältigend nicht vollständig beschrieben werden kann! So wird die Räumlichkeit der Bühne plötzlich gesprengt und Zuschauer befindet sich mitten im Geschehen und wird Akteur der Szenerie. An dieser Stelle mußte ich lachen, weil ich plötzlich selbst mitten in Kafkas Erzählung war.

Diese sich wechselnden Bilder und Personen sind dabei so wunderbar abgestimmt, daß Kafka im Fluß bleibt. Der Erzähler- Gregor Eckert – führt souverän durch Kafkas zwielichtige Gedankenstruktur und gleichsam die Hauptperson Josef K. – Michael Hecht- durchs Leben, in dem er, hilfesuchend, manch fragwürdige Gestalten triff, die Felix Zühlke auf verschieden Weise in diesem komplexen Spannungsfeld interpretiert. Sowohl die Figur des Advokaten als auch Titorelli sind von ihm hervorragend gespielt oder besser noch - gelebt worden. Natürlich wäre es unvollständig und auch despektierlich, die weiteren Darsteller des Ensembles nicht namentlich zu nennen. So Henriette Rossner-Sauerbier als Frau Grumbach, die mit dem ersten Auftritt die Richtung der Aufführung vorgibt und eine Grundspannung erzeugt. Maren Claus als frivoles Element den körperlichen Attacken Josef K. ausgesetzt ist und dies mit vielen blauen Flecken extra honoriert bekommt, so wie auch Benno Günther, der insbesondere als bereits gebrochener Herr Block das innere Zerwürfnis Josef K.`s erkennen läßt.

Gunthart Hellwig beleibt in seiner Rolle des Richters sprechend stumm und begegnet dem Zuschauer dabei völlig transparent. Kafkas „Türhüter“ erlebt seine Auferstehung durch Detlef Thyen, der sich die Zeit nimmt, den Widersinn seiner selbst zu erörtern und diese, bereits auf so viele verschiedene Weise interpretierte Schlüsselszene in Kafkas „Prozeß“, einer Lösung zuzuführen. Diesen philosophischen Aspekt dem Zuhörer vor Augen zu führen, ist eine Meisterleistung an sich, die auch vom Publikum mit Szenenapplaus bedacht wurde. Ich kann hier nur für mich sprechen: mit 18 habe ich Kafka gehaßt, mit 30 war er mir egal, mit 50 habe ich mich neu interessiert, seit Sonntag Abend 20.00 Uhr liebe ich ihn!...und das Ensemble des Neue Theaters Zeitz!
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 10.06.2015
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Reiner Eckel aus Zeitz | 08.06.2015 | 21:30   Melden
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