Gedanken:"Ich bitte heute als Wessi um Gnade!" Denn ich verstehe ich das herrschende Ostsystem immer noch nicht. Frei nach Holger Witzel: "Gib Wessis eine Chance"

Zeitz: Zeitz | Wer so wie ich, im Westen sozialisiert wurde und sich dann nach gut 55 Jahren im Osten integrieren soll, macht sich seine Gedanken. Das erste Buch des Autors Holger Witzel lautete: „Schnauze Wessi“. Ja, und genau diese Erfahrungen mache ich hier seit meiner Ankunft immer wieder. Nicht flächendeckend, doch kontinuierlich immer wieder. „Schnauze Wessi“, manchmal in direkter und in indirekter Form.

Erstmals in einer großen Thüringer Klinik als mir eine Krankenschwester erklärte: „Wir haben alle Wessi-Schwestern wieder zurück in den Westen geschickt. Die konnten alle nichts.“ Anlass zu dieser Diskussion war eigentlich nur ein Gespräch dahingehend, dass ich Pflegemängel kritisierte. Damals war ich noch „Frischling“ im Osten und nahm es als Ausnahme und verbalen Ausrutscher, ohne große Bewertung. Aus der vermeintlich einmaligen Erfahrung“ wird nach gut fünf Jahren nun so etwas wie ein „roter Leitfaden“ in meinem Leben. Denn er veränderte mein Leben bis heute. Hoffnung darauf, dass sich da etwas ändern könnte, habe ich nicht. Das zeigt sich immer wieder.

Meine Großmutter zitiert so hin- und wieder das Sprichwort das da lautet: „Gleich zu gleich gesellt sich gern“. Dabei verwies sie auf Personengruppen gleicher Gesinnung. Auf Menschen, die kontinuierlich den Staat ausnutzten, Diebesbanden oder auch Akademiker. Den letztere Personengruppe besaß bei uns im Westen noch lange einen besonderen Status. Da wurde sogar die Frau des Bürgermeisters noch mit „Frau Bürgermeister“ und Pfarrersfrau als „Frau Pfarrer“ angesprochen. Auch wenn sie nur „Hausfrau“ war. Ja, damals war es so, da schaute die gesellschaftliche Elite noch auf den niederen Stand irgendwie herunter. Der Akademiker auf den Arbeiter, der Arbeiter auf den Arbeislosen. Und dieser wieder auf den Sozialschmarotzer, der einfach nur zu faul war um sich durch seiner Hände Arbeit das Brot zu verdienen. So zumindest nahm es meine Großmutter wahr. Auf meine Erziehung hatte dieser Spruch auch Auswirkungen. Denn als ich ihr erstmals meinem Freund aus den so genannten besseren Kreisen vorstellte, zitierte sie den Spruch wieder. Allerdings mit dem Hinweis, dass ein Arbeiterkind von Akademikerkreisen nicht akzeptiert würde. Nun gut, es war eine alte Frau und hielt mit dem gesellschaftlichen Fortschritt natürlich nicht immer ganz mit. Heute gewinnt dieser Spruch eine andere Bedeutung: Der ehemalige Ostler akzeptiert den Wessi nicht.

Ich mache einmal einen Gedankensprung aus der Zeit meiner Kindheit hin zur aktuellen Lebenssituation und frage: Kann man eigentlich sein Leben, die Gesinnung und soziale Werte von einem Tag zum anderen verändern, nur weil plötzlich die Mauer eingerissen wurde? Ist man nicht in einem System mit Werten aufgewachsen, hat es irgendwie so wie ich, auch verinnerlicht? Zum Beispiel mit dem Wissen, dass hinter der Mauer der Klassenfeind sitzt und die eigene Gesellschaft bedroht? Ist es möglich, nach der NVA-Zeit, in der man lernte auf den Klassenfeind zu schießen und das System zu schützen, plötzlich anders zu denken? Dieser Gedanke kommt mir so hin- und wieder dann schon einmal wenn mir ein gleichaltriger, im den neuen Bundesländern geborener, Gesprächspartner begegnet. Bis zum Fall der Mauer war ich der zu bekämpfende Klassenfeind. Auch wenn man immer den Feind um seine gelben Vitaminspender beneidete. Kann ich nachdem ich den NVA-Dienst ableistete, gleich als CDU-Mann in die Lokalpolitik gehen? So wie unser amtierender Burgenlandkreis Landrat Götz Ulrich?

Vor gut zehn Jahren lernte ich eine gleichaltrige Frau kennen. Diese wurde nach der Wende in das öffentliche Dienstverhältnis übernommen. Zwecks Angleichung der technischen Systeme und internen Kommunikation besuchte sie wohl hin- und wieder Fortbildungen. „Was denken sich die Westkollegen eigentlich, die tun so überheblich als hätten wir nie etwas gekonnt“, erklärte sie ganz selbstbewusst. Ihre Wahrnehmung war, dass ihr Westkollegen die Ostkollegen abwertend behandeln würden. Politik und die damit verbundene Sozialisation war eigentlich nie unser Thema. Uns verbanden gleiche Interessen, frei nach dem Motto „Gleich zu Gleich gesellt sich gern“. Wir machten zusammen eine Ausbildung und hatten uns daher den gleichen Werten zu unterwerfen. Während sie den Vorteil hatte, schon auf viele Jahre DDR-Berufserfahrungen zurückgreifen zu können. Diese Ausbildung betrachtete sie nur als Fortbildung. Zwischendurch unterhielten uns natürlich auch über den Lehrgangsleiter. Irgendwann warf sie einmal den Satz ein: „Dem habe ich erst einmal die Meinung gesagt, immerhin habe ich das schon seit Jahren gemacht, der muss mir nicht mehr erklären wie ich es zu machen habe!“

Nach diesem Satz wurde mir erstmals klar, dass wenn man etwas in der DDR schon seit Jahren etwas machte, muss man sich natürlich nichts mehr von einem westlichen Ausbildungsleiter sagen lassen. Dann besitzt man so viel Kompetenz, dass man sich von einem Lehrer die westlichen Wertvorstellungen und Regeln nicht mehr erklären lassen muss. Frei nach dem Motto: „Schnauze Wessi“, wir haben es schließlich zu DDR-Zeiten auch schon gemacht. Aber hier stellt sich dann doch die Frage: „Wie hat man es damals vor der Wende gemacht und passt es tatsächlich in das nach dem Mauerfall gültige Wertesystem des vereinigten Deutschlands.

Als wir das Gespräch führten, kannte ich das Buch „Schnauze Wessi“ noch nicht. Aus diesem Grunde ließ ich den Satz so stehen, zumal meine Mitschülerin auf Berufserfahrungen zurückblicken konnte.

Aber im Laufe der Zeit stellte ich immer wieder fest, dass mir sehr viele Menschen begegnen, die ähnlich argumentieren wie meine Lehrgangsgenossin mit DDR-Vergangenheit. Der Titel des Buches, „Schnauze Wessi“ passt in mein Erlebnis- und Erfahrungsfeld seit ich in den neuen Bundesländern Kontakte pflege. Der Wessi hat im Osten einfach die Schnauze zu halten. Denn er kann schließlich nicht mitreden. Und der Systemkritiker ist dann gleich der "Besserwessi". Allerdings nur dann, wenn man im Rudel "Besserwessi" rufen kann und Unterstützung aus der Gruppe bekommt.

Aber ich bitte hiermit zumindest in diesem Forum um Gnade und Nachsicht. Dafür, dass es mir nicht gelingt über DDR-Fahnen im Fenster zu grinsen und Ausländerfeindlichkeit zu verstehen. Oder einer Krankenschwester, einem Chefarzt oder der Hygieneabteilung einer Klinkik Kompetenz zu dokumentieren, so lange die auf dem Boden aufliegende Urinbeutel von anderen Wertvorstellungen zum Thema Hygiene als Beweis dienen.
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9 Kommentare
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Kornelia Lück aus Zeitz | 01.02.2015 | 11:16   Melden
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Kornelia Lück aus Zeitz | 01.02.2015 | 11:31   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 01.02.2015 | 20:42   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 01.02.2015 | 20:54   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 01.02.2015 | 20:57   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 01.02.2015 | 21:15   Melden
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Kornelia Lück aus Zeitz | 02.02.2015 | 06:54   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 09.02.2015 | 18:41   Melden
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Kornelia Lück aus Zeitz | 10.02.2015 | 06:49   Melden
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