Schorlemmer als Weinleser

Ein kurzweiliger Abend mit Friedrich Schorlemmer

Was er toll fände am wieder vereinigten Deutschland: das Reinheitsgebot.

„Früher habe ich immer Kartoffeln gelesen, heute lese ich Wein. Auch eine schöne Kultur“, ließ Friedrich Schorlemmer gleich beim Auftakt wissen. So gelungen und kurzweilig wie sein Einstieg war auch der Auftakt des diesjährigen Literaturherbstes in der Sparkasse Burgenlandkreis.

„Ist zusammen gewachsen, was zusammen gehört?“ war Schorlemmers Thema. Und, ist es? „Staatlich sind wir vereinigt, gesellschaftlich nicht“, so das knappe Fazit des Theologen und Autors. Man, die Deutschen in Ost und West, würde noch immer einander zu viel bewerten. Bevor man einander aber bewerte solle man einander auch verstehen.
Oft genug seien es eben die kleinen Missverständnisse, die zu falschen Bildern führten. Etwa das mit dem Bier und dem Reinheitsgebot. „Ihr hattet doch aber das Radeberger schon vor der Wende.“ „Klar, aber in den Zügen, wo es das gab sind wir nicht mitgefahren.“

Schorlemmer, ein exzellenter Plauderer mit scharfem Verstand, führt ohne Pathos mit kleinen Geschichten durch Trennendes und Vereinendes an diesem Abend. Es würde wohl noch 15 bis 20 Jahre dauern ehe man auch gesellschaftlich vereint sein würde. Jedenfalls hätte er wie wohl die meisten Menschen im Osten des Landes kein unglückliches Leben gelebt. Schon gar nicht habe sich jemand klein zu machen nur weil er woanders lebte.
So berge „der Mangel wie zu DDR-Zeiten seine ganz eigenen Glückserfahrungen“. Dagegen sei es heute ein „Verbrechen am Brot, wenn zu Ladenschluss die Regale beim Bäcker voll sein müssen“.
Was, so Schorlemmer, wäre denn einem Kind vorzuwerfen, das in der Pionierzeit ein glückliches Leben hatte?
Ein Nachmittag bei VOX sei doch schlimmer als ein halbes Jahr Pioniernachmittag.

Neben den Geschichten und Erlebnissen aus dem Alltag wandte sich Schorlemmer mit ähnlich flotten Einwürfen auch den vermeintlich großen Fragen zu. Er persönlich habe damals in den Umbruchzeiten an einer gesamtdeutschen Verfassung mit geschrieben, zu der es dann doch nicht kam. Es hätte auch eine Idee für eine neue Nationalhymne gegeben: die „Kinderhymne“ von Bertold Brecht. Die ließ Schorlemmer dann auch im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal abspielen.
Inzwischen fürchte er, die derzeitige Stimmung in Deutschland könne dazu führen, dass die erste Strophe der Nationalhymne bald wieder laut gesungen würde. Und das, obwohl unsere Demokratie ja all jene Mittel des Aufbegehrens bereit habe. Das scheint den Mann des Wortes ziemlich zu erregen, als er sagt: „Orwell schrieb ein Märchenbuch gegen das, was Geheimdienste heute machen“, um dann festzustellen „So viel Unrecht – so wenig Empörung!“

Danke für den Abend.
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