Altenbetreuung live

Zeitz: Zeitz | (MZ v. 04.08.2016, Seite 4, Sachsen-Anhalt/Soziales „Aufsicht prüft Qualität in Pflegeheimen“)

Alles im grünen Bereich‚ das soll uns die Berichterstattung über einige wenige Mängel in Pflegeheimen wohl vermitteln. In der Tat scheinen 29 Mängel bei den 38 Einrichtungen im Kreis BLK kein Grund zur Sorge.

Doch wer von uns hat sich mit dem Thema Betreuung von Senioren und den Umständen in Pflegeeinrichtungen schon einmal näher befaßt? Leider nur wenige. Und so kann auch kaum jemand beurteilen, was 29 festgestellte Mängel tatsächlich aussagen. Sie sagen nichts aus; ausgenommen, daß man in einigen Heimen oder Stiften gepennt hat. Immerhin haben die höflichen Damen und Herren von der Heimaufsicht - zuvorkommend wie es sich bei Überprüfungen gehört - diese Kontrollen vorweg angemeldet. Eigentlich dürften bei solcherart „Kontrollen“ überhaupt keine Mängel sichtbar werden. Übertrieben kritischen Geistes bedarf es wohl nicht‚ den Erkenntnisgewinn solcher Inspektionen einzuschätzen.

Demnach ist es dann auch vollkommen gleichgültig, daß man erkannte Mängel wie auch die betreffenden Einrichtungen als Geheimnis wahrt. Was uns die Heimaufsicht also wissen läßt, sagt gar nichts aus, bis auf den Umstand, daß man sich kennt. Wer also kümmert sich darum‚ daß unsere Senioren und Pflegebedürftigen in Würde ihren wohlverdienten Ruhestand erleben können? Im Bericht werden wir über die Existenz eines Seniorenrates informiert‚ welcher sich um ihm angezeigte Beschwerden bemüht. Ob diesem kreislichen Gremium nun Mängel bekannt sind? Darüber ist leider nichts zu erfahren.

Stattdessen werden wir jedoch darüber informiert, daß Mitglieder diese Gremiums auserkoren sind, Senioreneinrichtungen zu zertifizieren. Wer auch nur halbwegs mit dem Wort Zertifizierung vertraut ist, kann hier nur ungläubig staunen. Definitiv wird hier mit einem Begriff jongliert‚ der hohes Fachwissen und umfassende Vorschriftenkenntnisse voraussetzt - entsprechend den hohen Anforderungen an eine menschenwürdige Pflege. Darf man davon ausgehen‚ daß dies beim Seniorenrat des Kreises BLK gegeben ist oder sind hier Zweifel angebracht?

Bedenkt man‚ daß Betreuungsmängel überdeckt werden können z. B. durch gepflegte Außenanlagen, wohin weggesperrte Senioren aus Demenzabteilungen ohnehin kaum gelangen, dann fällt es umso schwerer, derartige Zertifikate ernst zu nehmen. Dann ist der Ort, wo solche Zertifikate aushängen sollten der‚ auf den selbst ein Kaiser zu Fuß geht.

Man mag es betrachten wie man will; soviel steht fest: wer sich berufen sieht‚ Urteile über Altenheime im Kreis abzugeben oder Zertifikate zu erteilen‚ der muß mehr tun als mit Heimleitungen zu reden. Da müssen unangemeldete Besuche erfolgen und insbesondere in jenen Abteilungen‚ in denen man geistig Behinderten jeden Verstand gerne abspricht und sie dementsprechend versorgt. Man muß gesehen haben, daß demente Senioren allem Anschein nach, unmittelbar nach dem Aufstehen und einer fixen Morgentoilette in einem Raum mit Tischen und Fernseher gebracht werden und dort - nur von der Nahrungseinnahme unterbrochen - dann den ganzen Tag auf einem Fleck sitzen. Wen dann Bedürfnisse drücken‚ der braucht das Glück‚ die Aufmerksamkeit des Pflegepersonals zu erwecken, das offensichtlich in diesen Abteilungen chronisch dünn gesät ist. Da ist dann Eigenversorgung die Folge, was oft zu Unreinheiten an Körper und Kleidung führt. Besuchern fällt solches auf, den Insassen wohl auch. Aber letztere sind ja nicht ernst zu nehmen, zumindest dann nicht, wenn sie Arbeit machen‚ wenn gerade andere Aufgaben anstehen oder eine Kaffeepause. An dieser Stelle: die vorstehend beschriebenen Zustände in Einrichtungen der Stadt Zeitz basieren auf realen Wahrnehmungen; gleichwohl bedeuten sie keine Kritik am Pflegepersonal. Denn Pflegekräfte gibt es deutlich erkennbar zu wenig. Wer hinsieht, wird das bestätigen.

Da darf man nun gespannt sein, welche Einrichtungen ausgezeichnet werden sollen‚ wie im Bericht „Mängel in Pflegeheimen“ angekündigt wurde. Denn objektiven Erfahrungen zufolge ist keine Einrichtung bekannt, die solches verdient hätte. Auch ist dem Gremium des Kreises‚ Seniorenbeirat genannt, eine qualifizierte Bewertung nicht zuzutrauen. Am Ende hier noch ein dringender Rat: alle Bürger sollten sich nach ihren Möglichkeiten einmal ansehen, wie es in unseren Pflegeheimen um die Würde der Bewohner bestellt ist. Und sich dann vergegenwärtigen, selber einmal auf solche „Pflege“ angewiesen zu sein! Was fraglos vielen von uns droht‚ sofern wir die stolzen Preise bezahlen können.

G. Rink, Zeitz
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