Deutschland-Russland. Etwas über Perspektiven und Maßstäbe.

 

Über einen Abend mit Matthias Platzeck

Das war ein spannender Abend, den ich unter mehr als 200 Interessierten mit Matthias Platzeck erleben durfte.

„Deutschland – Russland. Neue alte Feindschaft in Putins Reich?“ fragte MdL Rüdiger Erben den Vorsitzenden der Deutsch-Russischen Gesellschaft Matthias Platzeck. In der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung ging es um den Konflikt in der Ukraine, aber es ging auch um das deutsch-russische und das Verhältnis Europas zu Russland.

Platzeck dürfte an diesem Abend bei manchem das Bild korrigiert haben, das er vom heutigen Russland hat:

„Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie das was Sie über ein Ereignis wissen und selbst erfahren so überhaupt nicht mit dem überein stimmt, was Sie darüber abends in den Medien sehen und lesen? Das ist mein Antrieb, auf Russland anders zu gucken als andere.“

So warb Platzeck etwa um Verständnis für das Verhältnis Russlands zur Demokratie. Das russische Volk hätte die Demokratie als eine Zeit erfahren, die wirtschaftlichen Zusammenbruch, Hunger und Korruption bedeutete. Danach kam dieser Putin. Er habe eben dem Volk eine gewisse Ordnung gebracht, wenn auch eine anders als das, was wir unter Ordnung verstehen würden. Es wurden wieder Renten gezahlt, Löhne, Gehälter und das allein hätte Putin schnell eine breite Zustimmung im russischen Volk verschafft. Es sei also nicht so einfach, denen mit unserem oder dem europäischen Verständnis von Demokratie die Welt zu erklären.

Lebendig, fest in der Argumentation und konkret in den Beispielen beschrieb Platzeck, welche politischen Fehler sowohl auf Seiten Europas als auch Russlands zu den heute unübersehbaren Spannungen geführt hätten. Das brachte dem ehemaligen Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden an diesem Abend viel Zuspruch. Er gelte, so Platzeck, gerne als „Russlandversteher“ dann, wenn es nicht als Schimpfwort daher komme.
Manches an Verhärtungen und Fehlentwicklungen im Verhältnis zu Russland hätte vermieden werden können, wären ehrliche „Russlandversteher“ zu Rate gezogen worden.

Dabei sieht Platzeck noch immer die Chance für Entspannung:

"Dafür müssen wir aber den Russen eine Tür öffnen, durch die sie ohne Gesichtsverlust gehen können. Die Dämonisierung Putins und Sanktionen allein sind noch keine vernünftige Außenpolitik."

Schließlich habe man in Europa mit Russland einst sowohl über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum "von Lissabon bis Wladiwostok" gesprochen, als auch darüber, die Grenzen der Nato nicht weiter nach Osten zu erweitern. Nichts davon sei ernsthaft versucht worden, sodass sich manches an Putins Verhalten gegenüber Europa heute allein daraus erklären ließe, wenn man denn wollte.

Aus deutscher Sicht macht ein Perspektivwechsel auf jeden Fall Sinn. Denn Deutschland rangierte noch vor Kurzem in der Beliebtheit bei den Russen auf Platz 8. Inzwischen sind wir abgerutscht auf einen Platz jenseits 30. Ob die ausgesprochenen Sanktionen zur Entspannung beitragen ist so zweifelhaft wie sicher ist, dass sie der deutschen Wirtschaft mehr schaden als nützen.

Damit kein Missverständnis aufkommt, Putins autokratische Regierungsweise findet weder meine noch fand sie Platzecks Zustimmung. Allerdings sollte man gerade in der Außenpolitik mehr Augenmaß walten lassen in der Bewertung dessen, was man dem Gegenüber abverlangt, als Verhandlungsmasse anbietet oder zur Begründung für Sanktionen herleitet.
Angesprochen auf die Krim-Problematik verwies Platzeck darauf, dass es auch etliche völkerrechtsfeindliche Übergriffe etwa der USA gegeben hätte, ohne dass diese von Europa oder Deutschland sanktioniert worden wären. Starker Tobak sicher für diesen und jenen, aber doch richtig. Dass derart unterschiedliches Anlegen von Maßstäben von Russland nicht toleriert werden konnte, solle niemanden in Europa wundern.

Manches an heutigen Denkweisen über Russland entspringe sehr einfachen und traditionellen Denkmustern, so Platzeck. Damit hat er recht, auch ich fühlte mich an diesem Abend hin und wieder ertappt.
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