Etwas vom Entdecken, Hinfallen und Aufstehn: 2) Das Radio in der Werkstatt

Kunst Anfang Neunzig
 
Logo (Foto: grenzenlos - wege nach der wende)

Mein Weg durch die Neunziger. Eine Art Gedächtnisprotokoll mit Beiträgen zum Projekt "grenzenlos. Wege nach der Wende". Es geht um Arbeit und Leben, um Zeitz und ein Werk und um Politik - jedenfalls um Erlebtes.

2) Das Radio in der Werkstatt

Es war nicht neu, dass wir beim Frühstückskaffee hinter den flammfesten Vorhängen meiner Schweißerecke laut debattierten. Neu waren auch nicht die Themen und die Art, in der wir stritten. Proletarisch rauh, offen und ehrlich stritten wir um Politik, wer das Begrüßungsgeld am Ende wohl bezahlt haben würde und wie es denn nun überhaupt weiter ginge, hier im Osten. Was Wochen vor der ersten freien Volkskammerwahl auch nicht ganz neu war: es roch nicht mehr nach Wandel der Republik im Osten.

Neu war das Radio in der Werkstatt. Es waren spannende Zeiten Anfang Neunzig. Gemeinsam laut die Nachrichten des Deutschlandfunks hören - das kannten wir aus der Familie in den eigenen vier Wänden - im Kollektiv während der Arbeit, das war eine neue Qualität.
Neu war auch, dass jenes resignierte Abwinken ebenso fehlte wie der Spruch "die machen eh was sie wollen" nicht mehr zu hören war. Der und das resignierte Abwinken sollten erst Jahre später wieder hoffähig werden. Ansonsten gab es jede Menge gute Erwartung und so etwas wie ein hoffnungsvolles Grundrauschen in Volkes Stimmung.

Wir diskutierten darüber, wer mit den bevorstehenden ersten freien Volkskammerwahlen im März am besten zu wählen wär und darüber, wie gut sich unsere "weltmarktfähigen Produkte doch halten werden", nun da die Grenzen offen sind.
Deutschlandfunk berichtete gerade über die "Allianz für Deutschland", dem Wahlbündnis von CDU und Demokratischen Aufbruch.

Ein Dialog

X: "Ist doch klar, die CDU musst du wählen. Die haben das Geld."
Ich: "Wie 'die haben das Geld'. Glaubt ihr wirklich, irgend etwas in den blühenden Landschaften würde aus Parteivermögen bezahlt?"
Y: "Du warst doch drüben, hast es gesehen, wie das dort überall aussieht. Und wer regiert, weißt du auch. Na bitte."
Ich: "Eben, deshalb weiß ich auch, wer das alles bezahlt hat - die Steuerzahler. Die Straße vor der Haustür im Häuschenviertel haben sogar die dort wohnen selbst bezahlt, wenigstens zum Teil. Und die topsanierte Mietwohnung bekommst bald auch nicht mehr für 72,50 Mark. Da werden sich etliche gehörig umgucken hier."
Z (zu mir): "Mann, du bist aber auch ein Miesepeter. Wir werden doch gutes Geld verdienen, schließlich sind unsere Schmieröle heiß begehrt, weltweit."
Ich: "Ja klar, im Moment."
X: "Was soll das nun schon wieder heißen? Willst du die Mauer wieder haben?"
Ich: "Quatsch, ist nur so ein Gefühl, als würde uns keiner mehr brauchen, künftig. Ein Spaziergang wird das glaub ich nicht."
Z: "Wie kommste denn zu dem Schmarrn?"
Ich: "Alles, was wir gerne hätten, liegt da drüben zuhauf in den Regalen. Guckt mal , was wir alles weg geschleppt haben und noch immer gibts das alles massenhaft."
Y: "Das wird sich alles einpegeln, die kochen doch auch nur mit Wasser."
Ich: "Genau, deshalb haben sie in den Achtzigern auch reihenweise Raffinerien geschlossen. Aus Furcht vor unserer Bruchbude?..."
Y: "Ist doch alles nur Propaganda. Wo willste das denn her wissen?"
Ich: "Mannheim, Speyer, Duisburg, Frankfurt, Ingolstadt...alle dicht. Hab ich auch im Radio gehört, Deutschlandfunk."

Nur, das stand in den Achtzigern noch nicht in der Werkstatt.

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7 Kommentare
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Reiner Eckel aus Zeitz | 29.11.2014 | 12:11   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 29.11.2014 | 21:41   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 29.11.2014 | 23:07   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 01.12.2014 | 20:28   Melden
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Halesma | Stefanie Weiser aus Gräfenhainichen | 02.12.2014 | 10:31   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 02.12.2014 | 16:01   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 02.12.2014 | 17:39   Melden
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