Etwas vom Entdecken, Hinfallen und Aufstehn: 3) Besuch in Köln. Ein Missverständnis.

 

Mein Weg durch die Neunziger. Eine Art Gedächtnisprotokoll mit Beiträgen zum Projekt "grenzenlos. Wege nach der Wende". Es geht um Arbeit und Leben, um Zeitz und ein Werk und um Politik - jedenfalls um Erlebtes.

3) Besuch in Köln. Ein Missverständnis.

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, immer klappt das nicht.
Es musste sein. Nach Köln reisen, einfach so. Ohne Antrag und den 60. Geburtstag der Oma oder des Onkels.
Es ist Frühling, einfach in den Zug setzen, mit dem Bauch an den Kölner Dom stellen, nach oben gucken und ihn kippen lassen. Wie damals, als die Wolken darüber zogen und ich als Kind in Panik rief "Papa, er kippt!".

Das und dabei gleich noch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen war die Idee.
Klappe die Erste: Mal gucken, ob ich wenigstens zwei meiner Lieblingsscheiben ergattern kann. Weltmusik meiner Lieblingsjazzer.
Klappe, die Zweite: endlich einmal überraschend einen Besuch bei Westonkel und Westtante und sie einladen. Einmal Danke sagen für manch üppige D-Mark und den Versand von Medikamenten für meinen kranken Vater - Geschenksendung! Keine Handelsware!

Klappe, die Erste. Es ist doch nur Musik?

Schauplatz SATURN Köln. Ich: "Ehe ich lange suche, haben Sie zufällig 'My Song' mit Garbarek und Jarrett?" "'The Köln Concert' auch noch und sie machen mich glücklich." Er: "'Köln Concert' - wo sonst, wenn nicht in Köln..." Ich Esel, dachte ich. "Was möchten Sie noch?" Er, führt mich an eine Regalwand unglaublicher Dimension. Mir fällt die Kinnlade herunter. Alles, was von meinen Lieblingsjazzern je irgendwann und irgendwo auf der Welt in Vinyl gepresst wurde, hier ist es gestapelt. Zum Mitnehmen! Denkste, sagt mein Geldbeutel. Und was sagt der Verkäufer?: "Ich gebe Ihnen die 'Nude Ants' noch mit. Gratis, ist ein Ladenhüter."
Meine Lieblingsjazzer, Weltmusik - Ein Ladenhüter! Etwas wofür unsereins Aluprofile buchstäblich erhandelte zum Spezialantennenbau und nächtelang am Radio fummelte für die eine Aufnahme auf Band - ein Ladenhüter! Unterwegs in U- und Trambahn durchkrame ich alle Schubfächer meines Gehirns nach einer Erklärung. Die Klappe blieb weit offen: Es ist doch nur Musik?

Klappe, die Zweite. Besuch aus dem Osten. Ein Missverständnis.

Ich kannte sie fast alle, die Werke in den Sammlungen im Museum Ludwig, jedenfalls die der Klassischen Moderne. Jedenfalls als Bilder, also als Fotos. Sie einmal aus der Nähe sehen, davon kannst du lange träumen.
Das hatte ich mir so schön ausgemalt. Trinke bei Tante und Onkel einen Westkaffee und lade sie dann als kleinen Dank von Ost nach West zum Museumsbesuch. Schwatzend bummeln durch Köln, sehr in Ruhe Kunst betrachten "ich sehe was, was du nicht siehst" spielen, wieder schwatzend bummeln durch Köln.

Stattdessen beim Kaffee und "ich sag dir was, was du nicht weißt". Das sei doch alles schon für uns hier im Westen völlig überteuert, erst recht für euch, da ihr doch erst einmal richtig verdienen müsst, euch etwas anschaffen, Wünsche erfüllen, etwas zurücklegen für später und an die Kinder denken und überhaupt. Und das ginge ja sowieso überhaupt nicht, sich hier von den Gästen von drüben einladen zu lassen.
So blieb am gleichen Tag zum zweiten Mal die Klappe offen und es blieb beim Kaffee und "ich erzähl euch was, das ihr nicht kennt."
Später werde ich in Ruhe Kunst betrachtet haben und wieder mit dem Bauch am Kölner Dom stehen, nach oben gucken, ihn kippen sehen. "ich sehe was, was du nicht siehst".

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Meine Beiträge bisher:
1) Intro
2) Das Radio in der Werkstatt
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3 Kommentare
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Reiner Eckel aus Zeitz | 01.12.2014 | 20:49   Melden
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Halesma | Stefanie Weiser aus Gräfenhainichen | 02.12.2014 | 10:44   Melden
3.080
Reiner Eckel aus Zeitz | 02.12.2014 | 13:36   Melden
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