Etwas vom Entdecken, Hinfallen und Aufstehn: 4) Ab nach Norden

Mein Weg durch die Neunziger. Eine Art Gedächtnisprotokoll mit Beiträgen zum Projekt "grenzenlos. Wege nach der Wende". Es geht um Arbeit und Leben, um Zeitz und ein Werk und um Politik - jedenfalls um Erlebtes.

4) Ab nach Norden

Meine Familie und ich, wir sind leidenschaftliche Sachsen-Anhaltiner. Inzwischen stehen die, wie wir inzwischen wissen, schlecht gelaunt früher auf. Auch für ihre Entdeckungen. Das war Anfang der Neunziger nicht anders. Zu entdecken gab es schließlich jede Menge.
Bislang war für uns leidenschaftliche "Nordfahrer" Rügen der nördlichste Punkt.
Wir standen also früh auf und es ging ab nach Norden, nach Dänemark. Endlich einmal die rauhe Nordsee. Und jenes viel gerühmte Licht. Für den ersten Trip ins NSW (nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) hatten wir uns das "Land des Lichts" ausgesucht - Nordwest-Jütland. Lønstrup heißt das kleine Örtchen, das wir später öfter besuchen sollten.

Aufregung pur während der Fahrt. Nur mit dem Zeigen des Personalausweises einfach so dorthin fahren? Unterwegs fragten wir uns gegenseitig Vokabeln und Redewendungen ab. "Guten Morgen, ich hätte gern zwölf Brötchen" "Wo geht es bitte nach...?" "Gibt es hier einen Zahnarzt?" "Wir kommen aus der DDR...". Anfangs fiel das Dänisch schwer. Was wir nicht wussten, später werden wir es kaum noch brauchen.

"Gute Fahrt und einen schönen Aufenthalt bei uns," solche Töne kannte unsereins von Grenzbeamten auf der anderen Seite nicht. Auch nicht den Grenzübertritt in nicht mehr als zwei Minuten. Durchwinken ohne eine Frage, nur guten Tag und guten Weg. Das war neu.

Lønstrup also, ein sich in die hohen Dünen schmiegendes Örtchen. Weithin sichtbar, das Wahrzeichen- ein Leuchtturm, den sich langsam aber stetig das Meer zurück holt. Jahrzehntelang türmt der Seewind feinen Sand vor das einstige Leuchtfeuer, den es zu seinen Füßen abgräbt. Ein Stück hin die kleine weiße Kirche, zehn Meter trennen sie noch von dem Fall in die Tiefe. Erst im letzten Wintersturm holte sich das Wasser zwei Häuser. Das Meer nimmt, das Meer gibt.

Die Dänen nehmen es hin. Irgendwie immer gelassen, dieses lebenshungrige und freundliche Volk. Und gemütlich. Für uns als Sachsen-Anhaltiner war das ausgesprochen wohltuend. Wieder zu Hause wussten wir, weshalb. Es war die Zeit der Aufbrüche und Umbrüche, in der Gelassenheit oft gut geholfen hätte.
Ein paar Fotos und eine Skizze aus dieser Zeit hängen bei mir zu Hause seitdem und erinnern. Gelassenheit, das beste Mitbringsel aus dem Land des Lichts ins Land der schlecht gelaunten Frühaufsteher.

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Meine Beiträge bisher:
1) Intro
2) Das Radio in der Werkstatt
3) Besuch in Köln. Ein Missverständnis.
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Reiner Eckel aus Zeitz | 05.12.2014 | 20:07   Melden
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