Etwas vom Entdecken, Hinfallen und Aufstehn 5): 1995 - ein Weihnachten, das ich nie vergesse.

Mein Weg durch die Neunziger. Eine Art Gedächtnisprotokoll mit Beiträgen zum Projekt "grenzenlos. Wege nach der Wende". Es geht um Arbeit und Leben, um Zeitz und ein Werk und um Politik - jedenfalls um Erlebtes.

Die Zeit der Rituale

Weihnachten ist die Zeit der Rituale. Das schöne warme Licht gehört dazu, gemeinsames Singen, Schenken sowieso und, natürlich, das Essen.

Beim Essen haben sich die Rituale mit meiner Heirat geändert. Meine Schwiegermutter brachte ihr weihnachtliches Ritual aus ihrer Heimat Schlesien mit. Weißwurst, schlesisches Sauerkraut und Butterkartoffeln. Dazu ein kühles Bier und das warme Licht, danach gemeinsames Singen und Schenken. Friede ist eingezogen und Zuversicht.

Die Zeit der "letzten Ölung"

Doch, selbst an Weihnachten in jenem Jahr 1995 gab es in den Familien diese Rituale. Den weihnachtlichen Familienfrieden bewahren, aber ja. Nur, so etwas wie Zuversicht konnte sich nicht einstellen. Nicht in den etwa 680 Familien am Standort des Hydrierwerkes Zeitz, die Weihnachten längst wussten, ihr Neues Jahr würde als Arbeitsjahr nur noch sechs Monate haben, wenn überhaupt.

"In Zeitz wird der Ölhahn Heiligabend zugedreht," so titelte die Mitteldeutsche Zeitung am 21. Dezember. Grund: die Zeitzer Raffinerie mit 152 Beschäftigten und die zugehörigen Ver- und Entsorgungsanlagen mit mehr als 500 Beschäftigten machten dicht. Unumkehrbar. Es gab den Beschluss der Treuhandanstalt, den nicht wenige "die letzte Ölung" nannten.

Ein Weihnachten, das ich nie vergesse

"Letzte Ölung" und "schöne Bescherung" mit traurigem Unterton waren damals die "Losungsworte" derer, die als Letzte gehen mussten.

Zu der Zeit war ich dort Betriebsratsvorsitzender und hatte bereits die Jahre davor "schöne Bescherungen" erlebt. Doch dieses Weihnachten 1995, das war kein Weihnachten, auch nicht mit gelebten Ritualen. Denn die hier genannten 680 Frauen und Männer waren die letzten, die ihren Job verloren. Von 4.200 im Jahr 1990.

Zuversicht? Geschenke? Nein, Weihnachten im Jahr 1995 greifbar und fühlbar waren nur Unsicherheit und Ungewissheit.
Bittere Pillen statt Süßigkeiten, Klöße im Hals statt leckere Weißwurst, heiße Debatten statt kühles Bier, kalte Duschen statt warmes Licht, nackte Angst statt Zuversicht, gemeinsamer Frust statt gemeinsames Singen - das waren damals die von niemandem gewollten und doch erlebten "Rituale".

Was dies alles wirklich bedeutete, davon handelt die nächste Geschichte.

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Meine Beiträge bisher:
1) Intro
2) Das Radio in der Werkstatt
3) Besuch in Köln. Ein Missverständnis.
4) Ab nach Norden
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2 Kommentare
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Halesma | Marie Kirschning aus Halle (Saale) | 22.12.2014 | 00:22   Melden
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Reiner Eckel aus Zeitz | 22.12.2014 | 00:35   Melden
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