Fehlentscheidung unter Tränen?

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Zuviel Pathos macht misstrauisch, Herr Oberbürgermeister.

Auch nach der Stadtratsitzung am Donnerstag würde ich nichts korrigieren. Im Gegenteil.

Kolumne, 18. Juni 13 / In Zeitz ringen die Menschen mit den Folgen der Flut während sich der Oberbürgermeister nach Russland aufmacht. Das nehmen ihm viele übel. Manche fordern den Rücktritt. Städtepartnerschafts- und Wirtschaftsgespräche in Russland wären sicher leichter ohne Herrn Dr. Kunze ausgekommen als seine Einwohnerinnen und Einwohner sowie geschädigte Unternehmen ohne ihren Rathauschef. Das weiß selbiger inzwischen auch und nimmt Anlauf, sich öffentlich zu entschuldigen.

Er spricht im Interview mit der MZ von einer Fehlentscheidung. Hätte er es doch wenigstens dabei belassen! Manchmal ist weniger mehr. So hätte manchem eine einfache ehrliche Entschuldigung des Zeitzer Oberbürgermeisters geholfen, ihm zu glauben. Das mit dem ehrlichen Eingeständnis einer Fehlentscheidung. Stattdessen ziemlich pathetisches Gehabe, das misstrauisch macht. Hunderten, ja Tausenden tage- und nächtelang um ihr Hab und Gut Kämpfenden von der eigenen Erschöpfung und dem wenigen Schlaf zu erzählen, ist mindestens ungeschickt. Wir haben auch Helferinnen und Helfer auf nassen Wiesen schlafen sehen vor Erschöpfung, Menschen in Rollstühlen füllten Sandsäcke.

Die Menschen in Zeitz weinen angesichts ihrer davon schwimmenden Existenz. Ihm, dem Oberbürgermeister sei “schon dort zum Heulen zumute” gewesen, im fernen Ulljanowsk, als er seiner Fehlentscheidung gewahr wurde und nicht zurück fliegen konnte. “Und das war für mich schlimm”, so der OB in dem Gespräch nach seiner Rückkehr. Als ginge es um ihn.

So dürfen wir gespannt sein, was Herr Dr. Kunze am Donnerstag dazu im Stadtrat sagt, und wie er es sagt. Dem aufmerksamen Beobachter werden ähnlich pathetische Sätze bei Zeitzer Problemlagen auffallen. Etwa zu den, wegen der permanent um die Innenstadt wandernden Sperrungen, um ihre Existenz kämpfenden Ladenbesitzern. Denen war vom OB versichert “mein Herzblut hängt an der Entwicklung der Innenstadt”. Was wir seitdem erleben müsste bei ihm mindestens die dritte lebenserhaltende Bluttransfusion notwendig gemacht haben.
Manchem, der mit einem beschwichtigenden Schulterklopfen gesagt bekommt “die Sperrung verschwindet in 8 Tagen”, dem muss klar sein: das kann auch 8 Wochen bedeuten. Man darf von einem OB erwarten, dass er weiß, was das bedeutet. Dass er das weiß, kann er im nächsten Stadtrat beweisen und sich merken “Zuviel Pathos macht misstrauisch, Herr Oberbürgermeister.“

Dafür wird er ein Stück sich selbst zurücknehmen müssen. Wenn er klug ist umarmt er die Menschen, nicht sich. Im Interview gefragt, wie er sich denn nun nach seiner Rückkehr fühle, meinte er: “Miserabel, ich finde noch nicht zu mir zurück”. Ich möchte ihm zurufen: Finden Sie erstmal zu Ihren Einwohnern zurück, dort finden Sie dann auch zu sich! Dort wäre sie dann auch, die zweite Chance. Leicht wird das nicht.

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