“Komm, wir müssen heiraten”. Etwas aus der Platte.

 
(Foto: haus-zeitzblick.de)
Zeitz: Eckels Art |

Der Hinweis eines Bürgerreporters auf ein spannendes Buch mit Zeitzer Geschichten aus dem DDR-Alltag ist ein guter Anlass, persönliche Geschichten zu erzählen. Habt Ihr auch eine? Erzählt sie. Stichwort: DDR-Alltag. Hier ist meine:

Gerade feierte die Wohnungsgenossenschaft 1. Mai e.G. in Zeitz ihr 60-jähriges Bestehen. Immerhin, 24 Jahre davon wohnten wir in AWG-Wohnungen, wie das damals hieß – ArbeiterWohnungsbauGenossenschaft. Ein guter Anlass, von einem Anfang und einem Ende zu erzählen, zumal in einer Zeit, in der viele meinen deuten zu dürfen, wie sich das damals anfühlte. Das Leben in der DDR.

Stolz wie Bolle staksten wir im düsteren November 1974 durch den Bauschlamm vor dem Block in der Hilde-Coppi-Straße, der auch Platte hieß. Nummer Sieben, dritter Stock, so genannte Mittelwohnung. Wir maßen aus, was uns noch nicht ganz gehörte. Die erste eigene Wohnung. Zwei Zimmer à 16 qm, Miniküche, Minibad. Dafür hatte ich in Köthen den Job gekündigt und zog nach Tröglitz ins Wohnheim. Eine windige Baracke für Ankömmlinge, die in der neuen Raffinerie ihr Glück suchten. Vor allem eins mit eigener Wohnung.

Dafür taten wir einiges. Zum Beispiel in der Abteilung S (mit S wie Sozialwesen) im August 1974 nachfragen, wie das denn nun sei mit der Wohnung noch in diesem Jahr. Blättern in Karteikarten, ein düsterer Blick vor noch düsterer Antwort: “Nur Verheiratete, die sich bis September melden. Sonst nicht vor Ende nächsten Jahres”. Stunden später stehe ich in Köthen, Wallstraße in der Krippe (die heute KITA heißt): “Komm, wir müssen heiraten.” Was wir dann auch taten. Trotz der verdutzten Gesichter.
So war das mit dem Anfang. Vierzig Jahre ist das her.

Auch dafür taten wir einiges, individuell zu wohnen, im Block, der auch Platte hieß oder Schließfach. Zum Beispiel bei der AWG (wie Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft) nachfragen, wie das denn nun sei mit der Umbaugenehmigung. Inzwischen lebten wir mit zwei Kindern in einer Dreiraumwohnung. Paul-Zetzsche-Straße, heute Martin-Planer. Nummer Zwanzig, parterre, 72 qm, drei Zimmer, Balkon, Küche, Bad ohne Fenster.

Vier Menschen, drei Zimmer und die Lust, in den Knirpsen früh den Hunger auf eigenes Leben zu wecken, das ging nicht. Vier Menschen, vier Zimmer war auch nicht damals. So war denn Phantasie gefragt, später das Geschick. Also mit feiner, genau bemaßter Zeichnung zur AWG: “wir müssen umbauen, die nicht tragenden Innenwände versetzen.” Abgelehnt. Es könne da schließlich jeder kommen und nach Belieben umbauen. Was irgendwie stimmte. Wir taten das trotzdem, bauten um und jeder der Jungs kam so zu seinem ersten eigenen Zimmer. Stolz wie Bolle. Ein Gefühl, das wir gut kannten aus jenem düsteren November 74.

Auch dafür taten wir einiges, für den Auszug aus der Platte, die manche Schließfach nannten. Zum Beispiel jene nicht tragenden Innenwände vor der Übergabe der Wohnung wieder so hinstellen wie einst vor der feinen genau bemaßten Zeichnung.
So war das am Ende. Sechzehn Jahre ist das her.
Eine schöne Zeit war es trotzdem, das Wohnen in den Jahren bei der AWG, heute Wohnungsbaugenossenschaft. Mitglied sind wir noch immer. Man kann ja nie wissen, was passiert in den nächsten 24 Jahren. Oder den nächsten 60.
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