Dauerlauf für 16,10 Mark. Etwas über Vitamin B, Ausdauer und Bückware

  Zeitz: Eckels Art |

Wie man unter Verzicht auf Vitamin B mit Ausdauer Raritäten erlaufen konnte.

(Geschichten aus dem DDR-Alltag)

(Namen geändert, auch meiner, Ansonsten trug es sich so zu)
Volksbuchhandlung "Pablo Neruda" in der Wendischen Straße, Anfang der NeunzehnhundertAchtziger. Ein typischer Wochennachmittag nach Feierabend.
"Hast du den Braun für Dr. Herzlich?" rief die Verkäuferin nach hinten. Sie hatte und brachte ihn schon eingeschlagen in Packpapier - Volker Brauns "Berichte von Hinze und Kunze", so genannte Bückware. Bückware lag unterm Ladentisch und stand nicht sichtbar im Regal. Raritäten lagen als Ware so, dass die Verkäuferin sich danach bücken musste oder "nach hinten" ging. Das taten sie nicht immer und nicht für jedermann oder jede Frau. Sollten sie es für dich tun brauchtest du Vitamin B, mit B wie Beziehungen oder viel Ausdauer. Sehr viel.

Ich war so einer mit Ausdauer. Deshalb, weil ich täglich nachfragte, bekam ich "den Braun", obwohl ich nicht der Dr. Herzlich sondern nur der Herzlich war, eine zufällige Namensvetternschaft.
Ausdauer, das ging damals so und zwar täglich. Nach der Arbeit mit dem Bus zum Volksplatz nahe Stadtzentrum. Von dort durch die Fußgängerzone mit den drei Stationen: Volksbuchhandlung "Pablo Neruda" - Plattenladen - Zeitungskiosk. Danach heimwärts die knapp drei Kilometer bergan nach Zeitz-Ost. An Tagen wie diesem mit dem Braun in der Tasche war das ein guter Heimweg.
Auch an solchen Tagen, an denen du dir für "DDR 16,10 M" eine der begehrten schwarzen Scheiben erlaufen hattest, die Dritte "Greens" von Manfred Krug etwa oder eine der wenigen mit dem orangenen "J" für Jazz oder gar im Doppelpack mit der begehrten "Wochenpost" im Gepäck...dann war der Heimweg einer mit einer Art heimlichen Vorfreude. Du hast sie, die Bückware und freust dich auf das Lesen und Hören der Raritäten.

Heute hatte ich wieder einmal ein paar buchstäblich rauschende Plattenstunden mit Krug und einer Auswahl anderer ausdauernd erlaufener Bückware aus jener Zeit. Bis heute habe ich sie alle noch, fast alle.
Nur selten hatte ich eine Rarität verschenkt und wenn, dann an gute Freunde, die beides nicht hatten - Vitamin B und Ausdauer. Deshalb fehlt auch Brauns "Berichte von Hinze und Kunze" in der Sammlung (woran ich mich allerdings eben erst beim Schreiben erinnerte).
Das ist schade, denn gerade diese Sammlung von Geschichten und Anekdoten gibt ein paar Anworten darauf, weshalb manche Rarität überhaupt zu einer solchen und zu Bückware wurde. So gebe ich halt daraus diese Anekdote in Form eines Gedächtnisprotokolls wieder (kleine Ungenauigkeiten mögen mir verziehen werden):

"Kunze hatte als überzeugter Genosse vor anderen überzeugten Genossen sehr anschaulich Vorträge über den faulenden, sterbenden Kapitalismus gehalten.
Endlich Rentner durfte er erstmals "rüber" fahren.
Wieder zurück fragten ihn die anderen überzeugten Genossen, wie das denn nun sei dort im faulenden, sterbenden Kapitalismus. Kunze darauf hin: 'Nun, Genossen, was soll ich sagen - es ist ein schöner Tod'."
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Reiner Eckel aus Zeitz | 18.10.2014 | 14:06   Melden
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