Im Herzen der Masuren - Ein Reisebericht

Wolfschanze - Stauffenberg
 
Wolfsschanze
 
Ogrody
Von Zeitz aus führt uns die Reise nach Polen. Von Grenzkontrollen, der Wolfsschanze und Wikingern.

4. Juli 2016: Abfahrt von Zeitz Richtung Berlin weiter nach Frankfurt–Oder. Im Radio ertönt die Durchsage: „An den Grenzen zu Polen müssen Sie mit längeren Wartezeiten rechnen, da die Behörden verstärkt Kontrollen durchführen. Nach Brexit nun auch Polexit? Nein.“, bemerkte der Moderator: „Vielmehr eine Sicherheitsvorkehrung für den Papstbesuch und für eine internationale Konferenz.“ Stichprobenartig wurden tatsächlich einige Fahrer angehalten. Doch wir hatten Glück und setzten unsere Fahrt ungehindert Richtung Warschau fort. Im Radio wurde weiter informiert: „…Die deutsche Wirtschaft konnte unter anderem auch aufgrund der 50%igen Steigerung der Rüstungsumsätze wachsen…“ Das war die letzte deutsche Nachricht, bevor das Autoradio auf einen polnischen Sender wechselte.

Idyllische Masuren und kleiner Sprachkurs

Kurz vor Warschau bogen wir Richtung Norden in die Masuren ab. Idyllische Landschaften, gesäumt von kleinen und mittleren Landschaftsflächen für vielfältige Getreide- und Gemüsesorten. In den Städten wie Olsztyn wird viel gebaut, vielleicht auch spekuliert. Wir fragten nach dem Weg und erhielten als Antwort: „Sie können ruhig Allenstein sagen. Das verstehe ich besser, als wenn ihr Deutschen euch mit der schwierigen Aussprache des Polnischen versucht.“ Nun gut. Trotzdem ist es immer von großem Vorteil, die vier wichtigsten Redewendungen in einer Sprache zu kennen: Guten Tag. – Dzien dobre. Auf Wiedersehen. – Do widzenia. Bitte. – Prosze. Danke.-Dziekuje.

Der Mensch als kleinster Teil der Natur

Weiter geht es auf der Suche nach ursprünglicher Idylle und die finden wir an einem See auf dem Campingplatz von Nowo Bagniece. Nach zwölfstündiger Fahrt wissen wir das klare Wasser dieses Sees zu schätzen. Wie sauber das Wasser ist, realisieren wir erst später beim Anblick der vielfältigen Wasserpflanzen, zahlreichen Schnecken, Krebse und Fische, die sich hier tummeln. Eine Schwanenmutter verteidigt mit ihren sechs Küken den Badestrand. Ja, hier ist der Mensch der kleinste Teil der Natur.
Die Sonne weckt uns am nächsten Morgen und lädt zum Frühstück im Freien ein. Eine Tour mit dem Fahrrad ist geplant. Wohin, wissen wir nicht genau. Wir fahren einfach los und streifen Felder. An den Feldhainen und auch hier und dort zwischen dem Getreide wachsen Margariten, Glockenblumen, Kamille, Beifuß und andere Kräuter. Ernteverlust oder Fülle durch gesunden Anbau mit positiven Folgen für die Gesundheit von Mensch, Tier, Pflanze und Boden?
Arm sehen die Polen nicht aus. Im Gegenteil – eher ausgeglichen und ruhig. Man freut sich und findet nach „Dzien dobre“ sogar ein Familienmitglied, dass in einer kleinen Dorffleischerei Selbstgefertigtes auf Englisch freudig anbietet. Selbstgebackenes Brot gibt es auch dazu. So ist das Picknick zwischen Wald und Wiese gesichert.
Auf dem Weg durch das Dorf sehen wir ein interessantes kleines Schild mit der Aufschrift „Ogrody“. Wir wissen nicht, was das zu bedeuten hat. Also finden wir es heraus und werden kurz darauf von einer älteren Dame liebevoll zu einem Garten geleitet. Links, rechts, geradeaus – Entdecken muss man selbst. Am besten barfuß über Moos immer der Nase dem Rosenduft und Lavendelduft nach. Doch Vorsicht! Kakteen gibt es auch.

Durch Wald und Flur

Die Fahrradtour geht weiter. Plötzlich endet der Weg mitten im Wald. Zurück? Mittendurch. Irgendwann hören wir auch wieder den Autoverkehr. Vor uns liegt der See. Entlang der Bahnlinie vorbei an Blaubeeren, Himbeeren und einem Busch Johannisbeeren finden wir am Nachmittag unser Zelt wieder.
Weitere Reisen mit dem Fahrrad folgen. „Sieh mal, der Mais ist unterschiedlich groß.“ Ja, das ist auch Natur. Da wurde offensichtlich das Erbgut nicht verändert. Die Waldwege sind besonders nach dem Regen spannend für Kinder. Schaffe ich es durch die Pfütze oder bleibe ich in der Mitte stecken und gehe im wahrsten Sinne des Wortes bis zu den Waden baden? Bei diesen Herausforderungen schaffen selbst Siebenjährige 60 km am Tag.
Vom Fahrrad zum Kanu. Unglaublich, wie der leichte Wind das Schilf und die Bäume zum Rauschen bringt und sich mit dem sanften Plätschern des Wassers zu einem Klang vereinen.


Besuch der Wolfsschanze

Doch manchmal ist es auch gut, ein Auto zu haben. So war es für uns interessant zu sehen, was sich an der Wolfsschanze innerhalb von fünf Jahren seit unserem letzten Besuch getan hat. Die Wurzeln der Bäume durchbrechen noch mehr die Mauern von Beton, welche dem Dynamit standhielten. Der Schimmelpilz macht sich in den Restgebäuden breit und Stalaktiden wachsen schneller von der Decke als in so manch einer Tropfsteinhöhle. Verschiedene Fledermausarten finden ein neues Zuhause. Die Eichen wachsen kräftig und thronen sich vor den Restgebäuden auf, als wollten sie sagen: „Wir sind die Hüter des Waldes. Wir verbinden den Himmel mit der Erde. Unsere Wurzeln sind tief. Und wenn ihr Menschen uns lasst, dann reichen unsere Kronen hoch hinaus. Wir geben euch die Luft zum Atmen. Wir geben euch viel mehr."

Die kleine Reisegruppe wollte noch mehr sehen. Also fuhren sie Richtung Mamerki. Auf den Toiletten konnte man noch den kalten Schweiß riechen, der sich in den Gemäuern festsetzt, wenn Männer militärisch herumkommandiert werden. Davor stand ein riesiger Turm aus Gitterrosten. Für einen Moment erinnert der gewendelte Gang nach oben an den Turm zu Babel. Doch auf der hufeisenförmig gestalteten Plattform oben angekommen kam es uns so vor, als wollte der Himmel sagen: „Nehmt ein Stück von dem Glück, das sich hier oben beim Anblick der Natur bietet, mit nach Hause.“
Auf der Fahrt zurück zum Zeltplatz machten wir einen Zwischenstop in Swieta Lipka (Heiligelinde). Und tatsächlich. Im Zentrum des Ortes neigte sich eine Linde über den Weg, die da zu flüstern schien: „Vergesst mich nicht.“ Es war nicht die einzige Linde an diesem Ort. Doch vielleicht wird sie gefunden, wenn sich der Blick in der Mitte eines Kreuzganges nach Westen richtet.

Auf den Spuren der Wikinger

12. Juli 2016: Der Tipp eines Reisleiters aus Olsztyn brachte uns nach Galindia. Lebendige Geschichte der Wikinger kann hier erahnt werden. Das genaue Betrachten der Baumschnitzereien und Landschaftsgestaltung lässt trotz moderner Elemente die tiefe Verbundenheit mit den Wesen der Natur erkennen.
Unweit davon kommen wir an Warnschildern vorbei: Vorsicht! Gefährliche Wildpferde. Ein Paradies für die Prezewalski-Pferde, die hier frei leben dürfen, fast genauso wie bei uns zu Hause im Zeitzer Forst. Und nach Hause ging es dann auch zwei Tage später. Doch vor der Abreise bot sich noch einmal während einer Ballonfahrt ein wunderbarer Anblick auf die Masuren von oben, welche die zehn Tage noch einmal reflektieren ließen. Bei einer Ballonfahrt weiß man nie genau, wo und wie man landen wird. Ganz so wie im allgemeinen Leben selbst. So kommt es darauf an, wie man die „Zügel“ in der Hand hält – je nach Situation einmal fester und einmal lockerer.
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3 Kommentare
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 21.07.2016 | 17:27   Melden
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Martina I. Müller aus Halle (Saale) | 21.07.2016 | 23:42   Melden
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Anett Leutritz aus Zeitz | 22.07.2016 | 22:14   Melden
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