Westpakete! Bei uns begehrt, wenn nicht drin war, was drauf stand.

Zeitz: Eckels Art |

Etwas über länderübergreifende Gesundheitsvorsorge. "Geschenksendung! Keine Handelsware!"

"Weltliteratur für Zweifuffzig? Da muss ich zuschlagen," meinte einer meiner Westonkel, wie sie damals hießen und krachte sich den Kofferraum voll Bücher. Meistens RECLAM. Was hier Devisenmanagement hieß, bedeutete für die Westonkel- und Tanten Zwangsumtausch. Ohne den Tausch 1:1 West gegen Ost war nichts von West nach Ost. Was aber tun mit 50,00 Mark der DDR? Bücher kaufen.

Damals, heißt - es war kalter Krieg und ich wohnte noch in Köthen bei den Eltern. Vom Lesehunger des Westonkels und den Buchpreisen West zu wissen, war gut. Schließlich gingen nicht nur Päckchen von West nach Ost.
Mit "Geschenksendung! Keine Handelsware!" beschriftete Päckchen gingen hin und her. Und was war drin in den Päckchen von Ost nach West? Bücher, Weltliteratur für Zweifuffzig das Stück, meistens RECLAM. Weihnachten war schließlich hüben und drüben.
Und was war drin in den Päckchen von West nach Ost? Das Übliche. "NUR DIE"-Feinstrümpfe, Schokolade, Apfelsinen, Kaffee und jene leckeren Bonbons, die ich so mochte. Oben und unten eingeschweißt waren die in eine bunt bedruckte und geheimnisvoll knisternde Tüte.
Gelegentlich waren die Päckchen von West nach Ost ziemlich zerknautscht und neben dem seitlichen dürftig überklebten Einriss konnte man so etwas von "Transportschäden" auf einem Zettel lesen. Stets war der Riss gerade so groß wie das größte eingepackte Teil, trotzdem war immer drin, was drauf stand auf dem Beipackzettel.
Nur manchmal war das anders. Immer dann, wenn dem Päckchen einige Wochen zuvor ein Brief voraus ging mit der Mitteilung, wir sollten doch dem Sohn von Caved's einen Gruß ausrichten, war nicht drin, was drauf stand. Jedenfalls nicht in der bunt bedruckten und geheimnisvoll knisternden Tüte.

Dazu muss der Leser wissen, dass mein Vater lange Zeit schwer am Magen erkrankt war. Ob jene dunklen, nach Lakritz aussehenden und riechenden Tabletten, die er damals lutschte, tatsächlich halfen oder eine Art Placeboeffekt auslösten - dieses Geheimnis nahm mein Vater mit ins Grab.
Was es aber nun mit den Grüßen an den Sohn der Caved's und den geheimnisvoll knisternden Tüten auf sich hat, das dürfen wir heute verraten.

Jedes halbe Jahr saßen Westonkel und Westtante in ihren Stübchen und rollten stundenlang kleine bonbonähnliche runde Teile in Alufolie, zwirbelten sie wie Bonbons und gaben Sie in die bunt bedruckte Tüte. Dann schweißten sie das geheimnisvoll knisternde Tütchen von beiden Seiten wieder zu und packten es zu "NUR DIE", Kaffee und den Apfelsinen in das Paket mit der Aufschrift "Geschenksendung. Keine Handelsware!"

Und weshalb sollten wir nun den Sohn von Caved's grüßen?
Weil wir wissen sollten, dass in dem nächsten Päckchen nicht drin war, was drauf stand, jedenfalls nicht in den geheimnisvoll knisternden, bunt bedruckten Tütchen. Die nämlich enthielten jene Tabletten, die gegen Vaters Magengeschwüre halfen. Ein Medikament namens "Caved-S".
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