Kapitalismus in H a l l e - Aus dem Buch Wladmir Kaminers

Riebeckplatz
 

Wladimir Kaminer schrieb in "Mein deutsches Dschungelbuch":

"Auf der Suche nach meinem Hotel ging ich ebenfalls durch den Tunnel. Auf seinen Wänden war das gesamte Kulturgut der jungen halleschen Generation versprüht. Als ich wieder ans Tageslicht trat, war der Sozialismus plötzlich zu Ende, und prachtvolle Bauten  der neuesten Zeit beherrschten hier den Ort: ein Fünf-Sterne-Hotel mit Tiefgarage, en Einkaufszentrum namens Charlottenhöfe, mehrere Bars und Restaurants mit mediteraner Küche - und keine Menschenseele weit und breit.

Der Kapitalismus ist in Halle irgendwie mit dem Arsch zuerst .angekommen. Im Gegensatz etwa zum seriösen süddeutschen Bauern- und Handwerker-Kapitalismus schien das Erscheinungsbild  des halleschen  nicht wirklich echt zu sein.
Abends lernte ich im Klub, in dem ich vorlesen sollte,  einige echte Hallenser kennen. Sie erzählten mir Näheres über die kapitalistische Entwicklung in ihrer Stadt. Die ersten Investoren waren bereits  bei der Wende nach Halle gekommen. Sie hatten alle denselben Dialekt wie die Indianer im Film ´Der Schuh des Manitu´ und einen Immobilienfond nach dem anderen gegründet. Außerdem wollten sie die Stadt in ´Spielhalle´ umbenennen. Diese Indianer konnten gut reden, sie waren selbstsicher  und blickten optimistisch in die Zukunft. Doch mit ihrem eigenen Geld wollten sie trotzdem kein Risiko eingehen. Also brachten sie die Hallenser dazu, ihnen ihr Hab und Gut anzuvertrauen. Mit diesem Kapital  wurde unter anderem das Hotel Dorint gebaut, in dem ich untergebracht war.

Das Geschäft lief nicht gut, die Touristen ließen auf sich warten. In den ersten Nahwende-Jahren zeigte der eine oder andere Hallenser noch stolz  mit dem Finger aus das Dorint, wenn er Besuch hatte: ´Seht ihr dort oben - das Zimmer im zehnten Stock rechts? Das ist meins!´ Er fühlte sich damit voll auf der Höhe der Zeit. Aber dann gingen die Fonds einer nach dem anderen Pleite, die Immobilien wurden versteigert, die Indianer schlichen sich in ihre süddeutschen Reservate zurück. Aber schon wenig später kamen die schweigsamen Cowboys aus Niedersachsen an, und die Geschichte fing wieder von vorne an. Doch auch ihre Visionen scheiterten.
Der Kapitalismus läuft in Halle auch in seiner jetzigen dritten Phase nicht, infolgedessen sind viele Hallenser  äußerst misstrauisch gegenüber dem ideenreichen Westen. Aus Protest rasieren sie sich die Schädel und trinken Bier mit Schnaps vermischt. Der letzte große Betrieb, eine Waggonbau-Fabrik, wird gerade abgewickelt, zuerst das Werk eins, dann das Werk zwei ... ´Wir gehen lieber gleich zum Werk drei, das hat immer auf´, sagen die Arbeiter und meinen damit die Kneipe neben ihrem Betrieb.

Doch nicht allen Firmen in Halle geht es schlecht. Neulich verbreitete sich zum Beispiel die freudige Nachricht in der Stadt, Rotkäppphen, die berühmte Sektfirma in der Nähe von Halle, habe Mumm übernommen.
´Jetzt werden die drüben  auch unseren Roktäppchen trinken müssen und sich dabei einbilden, es wäre reiner Mumm, grinsen die Hallenser und reiben sich schadenfroh die Hände."

Wladimir Kaminer, Mein deutsches Dschungelbuch *


* PS.: Für diejenigen, die meine Quellenangabe sonst nicht verstehen, hat jemand, ohne mich zu fragen, die Überschrift ergänzt und den ersten Satz hinzugefügt (das Fettgedruckte).Mir ist fraglich, dass das nötig ist.
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2 Kommentare
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 24.11.2017 | 20:41   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 24.11.2017 | 20:42   Melden
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