Rassismus

Sebastian Krumbiegel
"Noch schlimmer zu diesem Thema, noch beschämender war für mich folgende Situation. Vor ein paar Wochen war ich wieder mal bei einem der legendären Krumbiegel-Familienfeste. Es war die Taufe meiner Nichte, natürlich in der Leipziger Christuskirche. Die ganze Verwandtschaft war anwesend, und wir warteten vor der Kirche, dass es endlich losging. Am Gemeindehaus kam ein dunkelhäutiger junger Mann zum Tor hinein und sah sich unsicher um. Ich hatte plötzlich ein ungutes Gefühl. Was machte der denn hier, der gehörte nicht dazu, irgendwas schien hier faul zu sein. Ich muss dazu sagen: Das war kurz nach einem der ersten Terroranschläge in Deutschland, der Typ mit der Axt im Zug, und am Vortag war dieser katholische Priester in Frankreich von zwei Islamisten in seiner Kirche ermordet worden. Diese Gedanken flogen mir spontan durch den Kopf, als sich der Junge zu mir umdrehte und freundlich fragte, wo denn mein Neffe sei. "Wir haben gerade zusammen Abi gemacht und der hat mich eingeladen, weil er heute hier Cello spielt." Mein Kopfkino hatte zwar niemand bemerkt, aber ich war über mich selbst erschrocken. Ja, ich schämte mich, solche Gedanken gehabt zu haben, nur weil da einer war, der anders aussah. Und mir war dann plötzlich klar: Das grenzt an Rassismus, und selbst ich mit meiner sehr klaren Haltung dazu bin nicht frei davon.

Es imponiert mir immer wieder, wenn ich von Leuten höre, die dazwischen gehen, wenn jemand beleidigt wird. Ich selbst habe mir auf die Fahnen geschrieben, genau das zu tun. Wenn Sprüche gemacht werden, auch, oder vor allem, wenn sie dann nich mit dem Zusatz "Hey entspann dich - ist doch nur Spaß" versehen werden, dann grätsche ich rein, dann bin ich gern die Spaß-Bremse.

Mit Worten geht es los, und wenn jemand in meiner Gegenwart zweifelhafte Vokabeln gebraucht oder sich abfällig über Leute äußert, die anders sind als der Mainstream, dann ist es falsch, das so stehen zu lassen. Rassismus ist ein großes, ein hartes Wort. Es beschreibt genau das, was wir in letzter Zeit wieder mehr und mehr beobachten können. Ich meine nicht vordergründig die Hetzparolen der Rechtspopulisten auf Wahlplakaten oder on Talkshows. Ich meine dieses kaum zu bemerkende, perfide Gift, das sich in den alltäglichen Umgang miteinander schleicht. Am meisten in sozialen Netzwerken oder in den Kommentarspalten unter Artikeln im Netz, aber auch im ganz normalen, realen Leben. Auf dem Schulhof, in der Straßenbahn, im Supermarkt, selbst im Freundes- oder Bekanntenkreis - Rassismus scheint in diesen bewegten Zeiten wieder salonfähig zu werden.

Was ist passiert? Eigentlich bin ich Optimist, eigentlich glaube ich, bei allem, was um uns herum passiert, an das Gute im Menschen, aber seit gar nicht so langer Zeit befürchte ich einen Rückfall in finstere Zeiten. Nicht nur in meiner Nachbarschaft, in Sachsen, in Deutschland, auch in Ungarn, Österreich, Polen, Frankreich, den Niederlanden bis hin zu der aktuellen Wahl in den USA sind Entwicklungen zu beobachten, die in eine Richtung führen, die den Errungenschaften unserer aufgeklärten, modernen Demokrratie entgegenzuwirken seinen.

Und wenn ich darüber nachdenke, dann bin ich schnell wieder an derselben Stelle, nämlich, dass es unterm Strich an uns selbst liegt, uns darum zu kümmern, in was für einer Welt wir leben wollen. Die folgerichtige Konsequenz sollte jdem klar sein. Wenn wir in unserem Umfeld Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie nicht haben wollen, dann sollten wir dafür sorgen, dass diese Dinge immer wieder beim Namen genannt und verurteilt werden, wir selbst müssen etwas tun, wer sollte es denn sonst machen?"

Sebastian Krumbiegel


Quelle:
Courage zeigen
Warum ein Leben mit Haltung gut tut
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7 Kommentare
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Waltraud Eilers aus Naumburg (Saale) | 10.03.2018 | 10:43   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 10.03.2018 | 15:42   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 10.03.2018 | 16:49   Melden
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Wolfgang Rust aus Dessau-Roßlau | 10.03.2018 | 17:37   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 10.03.2018 | 19:48   Melden
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Gerlinde Klemm aus Halle (Saale) | 11.03.2018 | 07:03   Melden
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Peter Pannicke aus Wittenberg | 12.03.2018 | 21:38   Melden
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