Parallelen in Geschichten und Geschichte – „gleiche Zeit - anderes Land/ Zwei Kindheiten 1960-1973“

Abb.: Machtwortverlag (Foto: Abb.: Machtwortverlag)
Die Erschließung von Biographien, vor allem deren vergleichende Betrachtung kann es unter Umständen ermöglichen, über die herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten und Unterschiede, verdichtete bzw. verallgemeinerte Aussagen über Denk- und Handlungsmuster von Menschen, zugleich deren Lebensbedingungen und -stile zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu treffen, ebenso Wechselbeziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Individuen besser zu charakterisieren. Literatur, welche für einen biographischen Vergleich des Lebens im Osten und Westen Deutschlands bis zur Wiedervereinigung geeignet wäre, gibt es inzwischen in größeren Mengen und für verschiedene Generationen. In der Regel setzen sich die Autoren autobiographischer Texte mit ihrem eigenen Leben auseinander, selten haben sie selbst den Vorsatz, ihre Lebensdarstellung mit der anderer Personen zu verknüpfen und dabei Berührungspunkte und Schnittmengen herauszuarbeiten – sogenannte Parallelbiographien sind also rar. Um so mehr freut es, dass unlängst mit „gleiche Zeit - anderes Land/ Zwei Kindheiten 1960-1973“ der in der alten Bundesrepublik geborene Siegfried von der Heide und der in der in der DDR geborene Ronald W. Gruner gemeinsam im 2001 in Dessau gegründeten Machtwortverlag eine solche Parallelbiographie vorlegten.

Den Auftakt dieses Buchprojektes macht der inzwischen in Halle lebende „Musiker mit Sozialdiplom“ von der Heide, wie die Mitteldeutsche Zeitung erst unlängst seine Biographie minimalistisch verdichtete. Unter der programmatischen Überschrift „Zeit in Stücken“ entfaltet von der Heide in ausgewogen proportionierten Kapiteln mit aussagekräftigen Überschriften sein erinnertes oder durch die Erinnerung anderer überliefertes Leben in der niedersächsischen Provinz, dies von der Geburt im Mai 1961 bis zur Erstbegegnung mit Ekel-Alfred im bundesdeutschen Fernsehen im Jahre 1973. Dabei setzt er konsequent und ohne rückblickendes Einschieben gesellschaftspolitischer oder persönlicher Kommentare und Bewertungen auf den begrenzten Blick des Kindes bzw. angehenden Jugendlichen, dessen Wahrnehmungen und Gefühlslagen, kleine Erlebnisse und vermeintlich große Abenteuer. Wir erleben mit ihm die westdeutsche Provinz zu Beginn der 60er-Jahre rund um ein Einfamilienhaus mit Plumpsklo und Selbstversorgergarten, guter Stube und Waschküche, winterlichen Eissternen an den Scheiben und bewusster Verwertung aller verfügbaren Ressourcen einschließlich des benutzten Badewassers sowie der Möglichkeiten des nahe gelegenen Waldes, den festen Abläufen vom Waschtag bis zum sonntäglichen Harken der Wege. Wir erfahren etwas über die Struktur der Familie, Regeln und Rituale des Zusammenlebens im Alltag und auch bei besonderen Anlässen. Zugleich durchlaufen wir mit „Siggi“ die oftmals typischen Entwicklungsstationen eines Kindes dieser Zeit, welches unter ständiger Erweiterung des geographischen sowie geistigen Horizontes durch Beobachten und Ausprobieren lernt, seinen Weg geht und dabei auch Schleich- und Umwege, zugleich Sackgassen kennen lernt. Wir treffen mit ihm in der Person des Vaters, der bei der SS war, vor Ort auf ein Stück deutscher Geschichte, welches der Junge in seiner Dimension noch nicht erfassen kann, das der zurückblickende von der Heide – konsequent seiner Erzählperspektive treu bleibend – aber auch nicht für moralische Ausführungen über die Banalität des Bösen oder die Spezifik des altbundesdeutschen Umgangs mit dem Nationalsozialismus nutzt. Wir beobachten mit ihm die Zeiten des wirtschaftlichen Wandels ab Ende der 60er-Jahre, in denen Joghurt und anderes nun im Plastebecher zu haben ist, die letzten Tretbohrer beim Zahnarzt verschwinden, im Fernsehen die Colts in Farbe rauchen und die Ponderosa-Kiefer goldgelb schimmert, der mit Strom betriebene Fortschritt in Form von Kühlschrank und Fön auch bei den kleineren Leuten zur Normalität wird. Wir beobachten mit ihm aber ebenso den kulturellen und gesellschaftlichen Wandel – den verstärkten Einzug lauter englischsprachiger Musik und aktueller amerikanischer Filme in die Lebenswelt der Jugendlichen, die zunehmende Dominanz des Fernsehers in der Lebenswelt der Erwachsenen. In dieser Zeit wird aus dem Kind ein Jugendlicher, wachsen Haare und Bedürfnisse, schaut man im Kino noch mit Freunden Filme, geht aber auch schon mit Mädchen in die Loge, erahnt man zukünftige Vater-Sohn-Konflikte, auch wenn zu Hause noch laute Musik nur leise gehört wird, wenn die Eltern nicht da sind.

Ganz im Gegensatz zu von der Heide, der die Handlungsabschnitte wie eine Perlenkette gleichmäßig auffädelt, kommt Ronald W. Gruner eher als eruptiver Erzähler daher, was für manchen Leser vielleicht gewöhnungsbedürftig sein könnte. Auf diesen prasseln, wenn auch in chronologischer Ordnung, größere, kleinere und sogar kleinste, auf einen Satz reduzierte biographische Brocken, über die sich ihm früher oder später der erinnerte Mikrokosmos eines im Juli 1960 in Halle an der Saale geborenen und dort aufgewachsenen Kindes bzw. Jugendlichen erschließt. Die Mischung des Erinnerten ist dabei wild, mitunter so wild, wie der Verfasser als Kind gewesen sein könnte, mit immer wieder wechselnden Schauplätzen, unterschiedlichsten Ereignissen und veränderten Perspektiven. Erst Haus, Straße, Kindergarten und Schule, dazu Ferienorte wie -objekte, oft skizzenhaft unscharf und doch so typisch. Später dann weitet sich der Aktionsradius des lebhaften, neugierigen und experimentierfreudigen Jungen, und dies zumeist noch ohne unangenehme oder gar schmerzhafte Kollisionen mit den vielen und oft unsichtbaren Grenzen. Dreh- und Angelpunkt, ja „Induktionsfeld“ seines Lebens ist das gemeinsame Wohnhaus der anfänglich aus Großmutter, Mutter und ihm bestehenden Mehrgenerationenfamilie - hier treffen Geschichte und Gegenwart aufeinander. Hier erinnern u. a. vom Großvater aus Kanonenrohrstahl geschmiedete Töpfe und ein im Garten vergrabenes Bajonett, Schwarzweißfotos mit gezackten Rändern und ein Volks-Brockhaus mit geschwärzten Stellen, aber auch die Geschichten vom sozialdemokratischen, später kommunistischen Urgroßvater Oskar, der illegalen Druckerpresse für Flugblätter im Keller des Hauses und dem Verlust des mütterlichen Gottvertrauens im Luftschutzbunker an wichtige Abschnitte und Ereignisse deutscher Geschichte. Hier wird aus diesen Geschichten in der Verarbeitung ein familiärer Erinnerungskommunismus, ein romantischer und unintellektueller „Kommunismus des verlängerten Antifaschismus“ mit halleschem Idiom, welcher den Jungen latent begleitet. Dieser erleichtert ihm vielleicht das Auskommen im DDR-Schulsystem – eher stoisch und ignorant scheint er sinnentleerte Rituale und Phrasen zu ertragen, durchaus mit Eifer kann er aktiv zu werden, wenn er von der Notwendigkeit praktizierter Solidarität überzeugt ist wie beispielsweise beim Freikämpfen der in den USA inhaftierten Angela Davis mittels erdrückender Mengen an Unterschriften. Letztendlich bleiben der verordnete Antifaschismus und sonstig vorgeschriebenes Denken, zugleich damit verbundene Anpassungszwänge für ihn zu dieser Zeit wohl noch weitestgehend außen vor, scheint die kleine Welt am Rande der großen Stadt trotz einiger Blessuren noch heil zu sein. Bunt ist sie für ihn auf jeden Fall – gut gelingt es Gruner mit den Augen des kindlich Suchenden und Entdeckenden immer wieder aufs Neue, dem grauen Alltag in der DDR farbige und spannende Momente abzugewinnen. Prall und zugleich etwas kindlich-chaotisch mit Erlebnissen und Eindrücken ist er gefüllt sein erzählerischer Bauchladen, den er vor uns ausbreitet. In diesem finden sich neben Impressionen über Schulspeisung, Langeweile beim Fahnenappell, Probleme mit der russischen Sprache, Stinkbomben und zugenähte Ärmel sowie vielfältige Formen der körperlichen Ertüchtigung auch solche über das Kinder schon damals in den Bann ziehende Fernsehen, an welches mit Professor Flimmrich und seiner Flimmerkiste sowie Willi Schwabe und der Rumpelkammer von der einen und der Aktuellen Schaubude sowie Time Tunnel von der anderen Seite des geteilten Deutschlands erinnert wird. Zugleich finden sich Aussagen über die durch Sparsamkeit und Mangel gekennzeichneten frühen 60er-Jahre, als man den Stollenteig noch zum Bäcker brachte, Kaffee und Schokolade längst noch nicht alltäglich waren, Bekleidung zwecks Wieder- oder Weiterverwendung repariert und angepasst wurde, ebenso aber auch solche über die ausgehenden 60er- und frühen 70er-Jahre, in denen in der DDR Anschaffungen wie Waschmaschine, Kühlschrank, Boiler und Fernseher Ausdruck eines auch für die breitere Masse generierten Wohlstandes waren. Aus heutiger Sicht spektakuläre Ereignisse, welche manchen Autor zu ganzen Romanen inspirieren, werden aus der Kinderperspektive nur minimalistisch angedeutet, konsequent verzichtet Gruner hier wie auch an anderen Stellen auf allwissende Erzählerkommentare. Es bleibt dem Leser überlassen, Sätze wie „Ich winke Panzern.“ oder „Gelegentlich schwebten Flugblätter vom Himmel.“ zu entschlüsseln und mit Bedeutung aufzuladen.

Durch die unmittelbare Verbindung ihrer Kindheitsbiographien in einem Buch zeigen beide Autoren, dass Kindheit unabhängig vom politischen oder wirtschaftlichen System sowie staatlicher Teilung in einem gemeinsamen deutschen Kulturraum Parallelen aufweist, Kindheit in Ost und West bis zu einem gewissen Alter eine Vielzahl gleicher oder zumindest ähnlicher Züge besaß. Gleichzeitig vermitteln sie den Eindruck, dass auch das Alltagsleben der Erwachsenen auf beiden Seiten noch lange Gemeinsamkeiten aufwies, die deutlich über die wechselseitige, wenn auch deutlich westlastige Nutzung von Fernsehangeboten hinausgingen.

Siegfried von der Heide/ Ronald W. Gruner: gleiche Zeit - anderes Land/ Zwei Kindheiten 1960-1973, Machtwortverlag, Dessau-Roßlau 2016
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