Thietmar und sein Spiegelbild - eine etwas andere Stadtführung

Thietmar II und Thietmar I (sprich Eins und Zwei), sowie Heinrich II.
 
Die Küchenfrau liest ein Gedicht über Thietmar
Das Merseburg eine reichhaltige Geschichte hat und viele Bischöfe und sogar Könige hier ihr Stelldichein gaben, dürfte hinlänglich bekannt sein. Schon allein deshalb, weil die Stadt Thietmar von Merseburg eine besondere Ausstellung in diesem Jahr widmet. Schließlich legte der gottesfürchtige Chronist 1015 den Grundstein für den Merseburger Dom.

Tausendunddrei Jahre später stehen vor einem erwartungsvollen Publikum auf dem Domplatz plötzlich zwei Thietmars, die sich nicht etwa als Doppelgänger, sondern vielmehr als Spiegelbild bezeichnen. Äußerlich ist das verwunderlich, unterscheiden sich doch beide in Gestalt und Aussehen, doch was sie in der kommenden Stunde zu erzählen haben, zeigt ihren geschichtlichen Zusammenhalt überdeutlich. Der eine Thietmar, nenne wir ihn Thietmar I, dargestellt von Stadtführer Lutz Brückner, stellt sich und sein Spiegelbild Thietmar II vor und ebenso Heinrich II. (Christoph Jürschik), der mit seiner Heiligen Lanze ein gewichtiges Moment in der Riege ist. Der andere Thietmar (Michael Waldow), kommt vom Hallischen Hanseverein e.V. in Halle an der Saale und hat später einiges zu sagen über „Thietmars Flussfahrt“, das von 2015 bis 2021 ein besonderes Projekt des Vereins ist.

Begleitet werden die drei von einer Küchenfrau, die in ihrem Körbchen allerlei Unterhaltsames mit sich führt. Und so warten die Besucher geduldig, bis die Turmuhr zwei Uhr anzeigt und harren der Dinge, die auf sie zukommen. Es kommt einiges an Wissen und Geschichten auf sie zu, beginnend mit Thietmars Biografie, der Vorstellung Heinrich II., der höchstpersönlich das Wort ergreift und sein Leben den geneigten Zuhörern vor Augen führt. Dann wandelt die Gruppe auf den Spuren des Gottesmannes, der von einem Orakel geleitet, den Grundstein des Domes legte und in acht Büchern die Ottonenzeit so anschaulich, ja beinah tagebuchartig beschrieb. Thietmar sei Dank, wissen wir so von den Gebräuchen, Gedanken und Persönlichkeiten dieser Zeit. Gleich darauf macht die Gruppe einen Abstecher in den Schlosshof, hört Heinrichs Monolog über die Erbauung des Doms zu und zieht weiter, nicht ohne unterwegs Informationen über die leiblichen Genüsse jener Zeit zu hören, was Thietmar II den Ausspruch entlockt. „Es geht mir schon um, in meinen Magen, möcht‘ ich mich doch an den Speisen laben.“

An der Saale unterhalb des Schlosses kommt der hungrige Bischof zu Wort und berichtet über Thietmars Flussreise, einem Projekt, das die Jahre und die die Chroniken 1015 bis zum Tode Thietmars 1018 und darüber hinaus in sieben Etappen beleuchtet. Auslöser ist die Geschichte um Heilige Lanze, jenem Relikt, mit dem ein römischer Legionär einst in die Brust Jesu, der ans Kreuz genagelt war, stieß, um zu testen, ob der Mann noch lebt. Heinrich II. steht neben Thietmar II und hat mit fester Hand eben jene Lanze umschlossen, die Reichsinsignie ist und dem Träger Unbesiegbarkeit zusichert. So hieß dann auch die erste Etappe des Projekts im Jahre 2015 „Das Geheimnis der Heiligen Lanze“ und führte den Thietmar des Jahres 1015 (vom Initiator Thomas Kirchhoff dargestellt) von Merseburg nach Magdeburg. 2016 (1016) zog Thietmar dann mit den „Getreuen des Bischofs“ auf der Saale mit der Askania über einige Stationen wiederrum eine Woche nach Magdeburg. Unterwegs erzählten die Gewandeten einige Geschichten über die damalige Zeit. An Thietmars Seite war Mieszko, der Sohn Boleslaw I des Polenfürsten, der kurz vorher mit Heinrich Frieden schloss.

Das dritte Jahr 2017 (1017) stand im Zeichen von „Glaube und Zweifel“. Der Kirchenmann nahm eine über 105 km lange Pilgerreise auf sich, weil er seiner Meinung schwer gesündigt hatte. Er begann in Landsberg, christianisierte die dortigen Slawen und sein Weg führte über Walbeck (Thietmar entstammte einem Ort namens Walbeck, nahe Helmstedt allerdings) nach Alsleben. Tatsächlich wanderte der Initiator und Thietmardarsteller diese Strecke mit seinen Getreuen wahrhaftig die gesamte Länge, wie ein Dokumentarfilm anschaulich zeigt. Endlich 2018 (1018) kamen „Die Friedensboten“ aus Polen und gaben mit Mieczko ihr Pax Dei (Gottesfrieden) mit dem Polenfürsten.
Im nächsten Jahr 2019 dürfen die geschichtsbewußten Zuschauer die „Stimmen aus der Krypta“ erleben, bei denen es mystisch zugeht, glaubte doch auch Thietmar an das Mystische selbst. 2020 erlebt man die „Türme gen Himmel“, ist doch Thietmar dem Himmel sehr nahe (1018 starb er) um dann 2021 in der „Weihe“ ihren Abschluss zu finden. Das alles erfährt der geneigte Zuschauer von Thietmar II, der mit Gesten und kräftiger Stimme die Leute in Atem hält.

Schlussendlich kommt der Tross ein Stück weiter in der Neumarktkirche St. Thomae zum Stehen, wo die Skulpturen der Herrscher der Ottonenzeit stehen und die Küchenfrau genau weiß, wer und warum hier dargestellt wird. Thietmar I gibt dann noch ein paar Geschichten zum Besten und Thietmar II stimmt in einen Singsang mit „Kyrie eleison“ (Herr erbarme dich) an, um dann einem verdutzten Zuschauer noch die Absolution zu geben. Im Kirchenschiff erklingt sein „Ego te absolvo..“ (Ich erlöse dich..)

So haben die Zuschauer viel gehört und viel erlebt mit den zwei Thietmars, die dem Kirchenfürsten, der vor tausend Jahren lebte, ein würdiges Andenken mit einem Augenzwinkern bereiteten.
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