Türmergedenken

    Vor einhundert Jahren ( oder „Türmergedenken“ oder eigener anderer Titel ! )

Wenn gelegentlich die Fenster der Hausmannstürme erleuchtet sind, dann zieht dort kein neuer Mieter oder gar Hausmann ein, sondern wird dort oben zum Lichterfest oder einer abendlichen Führung auch an die lange Tradition vieler ehemaliger Türmer gedacht.
Denn am 30.Oktober 1916, also genau vor einhundert Jahren, hat der letzte Wächter auf den Hausmannstürmen aus gesundheitlichen Gründen seinen Dienst als Hausmann aufgegeben und eine neue Wohnung in der Taubenstraße 9 bezogen. Über 30 Jahre hat Otto Ziegler treuen Dienstes aus 43 Meter Höhe die Häuser und Gebäude der Stadt auf Brandstellen überwacht. Er war nicht der Einzige, aber der Letzte seines Standes.
Als 1530 begonnen wurde die beiden kleinen Pfarrkirchen St. Gertrauden und St. Marien zu einer, der Kirche „Unser lieben Frauen“ umzubauen, erhielten auch die Türme der alten Marienkirche neue Kuppeln. 1551 wurden ihre Spitzen bis auf das Gesims abgebrochen, bekamen einen höheren, neuen achteckigen Aufsatz, in dem sich auch die Türmerstuben befanden. So entstanden die noch jetzigen zwiebeltürmigen Hauben mit je einer Laterne, in der die beiden Glocken hängen. Im Südturm hängt die 1569 gegossene Sturmglocke, die bei Feuer vom Hausmann angeschlagen wurde.
Der Nordturm trägt eine inschriftlose Nachschlagglocke, mit der nach dem Uhrschlag des Roten Turmes die Stundenzahl nachgeschlagen wurde.
Wann der erste Hausmann die neue Türmerwohnung bezogen hat, können wir nur aus Eintragungen, in den Kirchenbüchern vermuten. Mitglieder des Vereins „Hallesche Familienforscher Ekkehard“ fanden etliche Personen heraus, bei denen als Beruf Hausmann oder Türmer eingetragen war. So steht im Sterberegister von St. Moritz, dass der „gewesenen Hausmann ein„gewesener“ Hausmannes Lazarus Arndt, 1595 begraben wurde, der dann im Kirchenbuch Unser lieben Frauen bei der Trauung seiner Tochter als „Hausmann alhier“ genannt wird. Zeitmäßig könnte es wohl der erste Türmer gewesen sein. Das Sterberegister der Marktkirche enthält 1609 einen David Hermann, der 20 Jahre als Hausmann auf dem Schloss ( Moritzburg ) und danach acht Jahre „hier“ gewesen sei. Im Läuteregister der Marktkirche wurde für den 1617 verstorbenen Bartel Herman, „ Hausman auffm Dorm “ von seinen Angehörigen ein volles Geläut bestellt. Das Sterberegister belegt, dass ein Hausmanns auf den Turm Balthasar Bergmann mit seiner Frau und drei Kindern 1626 durch die Pest umgekommen ist. Seine Tochter Anna Bergmann überlebte und heiratete 1633 den Sohn des Hausmanns Bartholomäus Rühl. Oft ist die Nachfolge auch durch verwandtschaftliche Verbindungen entstanden. 1646 noch als Spielmann bezeichnet, wird ein Nicolaus Rühl bei der Taufe seines Sohnes 1649 in der Marktkirche als Türmer angegeben. Nicolaus hat folglich seines Vaters Platz als Türmer eingenommen. 1655 heiratet der Hausmann Sebastian Seetz die Witwe Elisabeth des Hans Ruff. Sie war wiederum die Tochter des Hausmanns Barthel Rühl, die in erster Ehe 1640 Hans Ruff heiratete. Aus den 1669 erschienenen Aktenordnern unseres Stadtarchives. können wir nun mehr über den Umfang der Arbeit und das Leben der folgenden f ü n f z e h n Türmer erfahren. Denn in einer Akte von 1676 des o.g. Hausmannes Seetz „ bittet er den hochwohllöblichen Magistrat um Auskunft, weshalb er seinen Dienst verlassen und die Türmerwohnung für seinen Nachfolger räumen soll? Den Grund dafür erfahren wir im Bewerbungsschreiben des bisherigen Stadtpfeifers Johann Zöllner : „..dem ist glaubwürdig hinterbracht, daß der itzige Hausmann eingens verhaltens halber bei jüngst entstandener Feuerbrunst abgestzt und die Stelle unbesetzt sei“. Im Juli 1676 unterschreibt Zöllner seinen Eid und die 15 Artikel enthaltende „ O r d n u n g u n d B e s t e l l u n g d e s H a u s m a n s D i e n s t e “
Hierin sind die Tätigkeiten, aber auch Verbote festgelegt. So „ sol der Hausmann vffs wenigste seine ordentliche wache selb dritte haltenn mit seinem weibe, vnd einem vertratem Knecht der mit blasenn Zyurlichen geshicktt, woll wachenn, sich mitt vleis vmbsehen kann, der soll auch voeeidett sein“. Weiterhin hat die Wache „ alle Zeit, ob bei Tag oder zur Nacht wenigstens einer von ihnen auf dem Gang oder aus dem Fenster zu sehen. Nach Schliesen bis zum Öffnen der Torglocken ist viertelstündlich ein Hornsignal zur Stadtwache abzugeben. Bei einem Feuer solle schleunigst die Sturmglocke angeschlagen, die Feuerfahne am Tage, die Leuchte in der Nacht in die Richtung gehalten werden, in der das Feuer ausgebrochen ist. Er und sein Gesinde haben zur Wache
„ sich keins mitt dem trunck vberladenn,noch voll sauffenn, woduch nichts vorschlafen nochvorlast wirdett,- ahne sonderlich erleubnis der herrenn, sal ehr nach sein gesinde zu keiner wirdsthafft noch anderer froligkkeitt pfeyfenn ader Trummetschlahen, sonndern seines dursts mitt vleis thun warttenn.“
Bis 1681 übte Zöllner seinen Dienst unbescholten aus, denn zu dieser Zeit wird im Taufregister der Marktkirche Bendix Springer als Hausmann genannt, der sich 1690 beim dem Rat „ für einen Feuerschaden, der durch sein verzögertes Stürmern an der Mühle entstanden ist, entschuldigt“. Der Magistrat reagiert - und bestellt im Juli 1690 den Kunstgeiger Zacharias Krüger zum neuen Türmer. Der muss 1719 nach 26 Dienstjahren durch einen„Schlagfuß“ (Schlaganfall) die Tätigkeit beenden. Immer wieder müssen nach unterschiedlich langen Dienstjahren die Türmer durch ihre Hilfswächtern ersetzt werden Der Stadtmusicus Johann David Weber 1752 nach über 30 jähriger Tätigkeit; Der Trompeter des Anhaltischen Regiments Johann Heinrich Körstedter 1654 nach zwei Jahren; Der Stadtmusicanten Michael Heinrich Lubrich 1766 nach 12 Jahren; der Erfurter Michael Heinrich Lohley1776 nach 10 Jahren; 1776 wird der 27- jähriger Stadtpfeifer Johann Adam Dittmar der neuer Türmer. Die tägliche Überwindung der 226 Stufen, die Entsorgung der täglichen „Abfälle“ , das ständige pünktliche Aufziehen der Turmuhr auf dem blauen – und der Glocke auf dem eigenen Turm, die Versorgung der Öfen mit Torfsteinen aus dem Keller der Hausmannstürme verlangen von den oft nicht mehr jungen Türmern körperlichen hohen Einsatz. So reicht nach 44 Dienstjahren auch der 71 jährige Dittmar am 23.Juni 1820 seinen Abschied ein. Als Nachfolger schlägt er den Waldhornisten Friedrich August Kitzler vor. Anfangs jung, energisch, wohl aber auch sich selbst überschätzend beginnt er mit viel Mühe seinen Dienst gewissenhaft auszuführen. Nach Jahren gerät jedoch auch Kitzler in Konflikte. Durch die Verschmutzung des Kirchendaches , - wegen verspäteten Anschlagen der Sturmglocke oder nachlässigen Blasen erhält er von den öffentlichen Ordnungshütern. Zahlreiche Strafanzeigen. die erst bei Androhungen der Haftstrafe Wirkung zeigen. Zermürbt verstirbt er im 48.Lebensjahr am 31.März 1839 in klinischer Behandlung an Auszehrung. Seine Frau mit Schwiegermutter übernehmen bis im Oktober 1839 die Vertretung. Der nachfolgende Trompeter Franz Dienst will nun besser als sein Vorgänger durchgreifen. Er verdient sich für sein Geschick technische Veränderungen vorzunehmen Anerkennung, die im Laufe der Zeit zu unberechtigten Vorrechten in der Öffentlichkeit und teilweisen Anzeigen durch Nachtwächter und Polizisten führen. Er reicht nach 13-jähriger Dienstzeit wegen körperlichen Beschwerden1852 ein Gesuch auf den Ruhestand ein. Ihm folgt der Polizei-Sergant Karl Eberhard Kießler. Zu diesem Zeitpunkt werden dem Türmer neue verantwortungsvoller Aufgaben auferlegt. Er soll jetzt die Gefährlichkeit der Brände einschätzen und das Anschlagen der Sturmglocke durch Rhythmus und Anschlagzahl verändern oder mit dem Sprachrohr einschränken. Seine gesundheits- und brandschutz- fördernden Maßnahmen auf den Türmen werden vom Magistrat abgelehnt. Er entschließt sich 1858 von der Spitze des Turmes in die Tiefe des Grabes zu steigen- und wird Totengräber auf dem Stadtgottesacker!
Für ihn zieht im März 1858 aus Erfurt Julius Kachel mit Frau und zwei Kindern in die Türmerwohnung ein. 22 Jahre hat er aufopferungsvoll seinen Dienst verrichtet und sich fürsorgliche auch für die Belange seines Hilfswächters eingesetzt. Aber Schwermut hat seine Gesundheit angegriffen. Als man ihn deshalb vom Turm nehmen wollte hat dies und der persönliche Kummer über den Selbstmord seines Sohnes ihm das Herz gebrochen. Am 3. Oktober 1880 stürzte er sich von der Galerie des Turmes. Für knapp zwei Jahre übernimmt ein Pentolf Brandt Kachels Aufgabe, ohne in der Türmerwohnung zu leben.Von Mitte 1881 bis Dezember 1885 belegt der ehemals als Trompeter gediente Hermann Heinicke die Stelle des Hausmanns. Seine Kündigung bewirkt eine Ausschreibung. Von 27 Militärangehörigen, die sich bewerben, kommen jedoch nur zwei in die Auswahl. Die aber verzichten nach der Besichtigung der Türmerwohnung auf die Stelle.
Da kommt dem Magistrat eine Nachfrage des Trompeters Gustav Otto Ziegler entgegen. Der 30- jährige bezieht zur Jahreswende 1885/86 mit seiner Frau und den drei Kindern die jeweils zwei ca. 20 qm. großen Turmzimmer. Nach Zeitungsberichten scheint sich die Familie in 45 Meter Höhe die wohlzufühlen, obwohl bei Wind und Schnee sicher der Weg vom Nordturm über die Brücke zur Schlafstube im Südturm nicht immer Freude bereitet hat. 1886 und 1887 vergrößert sich die Familie um weitere zwei Mädchen. Am 27.Januar 1899 ertönt bei dem Großbrand der Firma Lindner in der Steinstraße die Sturmglocke letztmalig. Eine telegrafische Verbindung übernmmt von jetzt ab die Alarmierung der Feuerwehr. Otto Ziegler kann sich nun voll seinen abendlichen und sonntäglichen Chorälen widmen. Doch das Schicksal geht oben an der Türmerfamile nicht vorüber. Am 25. September 1890 verstirbt seine 33-jährige Frau Henriette und lässt den Türmer mit seinen fünf Kindern allein auf dem Turm zurück. Er holt sich 1893 die ihm aus Genthin Bekannte Adolfine Koch mit ihren zwei Töchtern im Alter von 11 und 13 Jahren auf den Turm. Ab 1913 machen sich bei Otto Ziegler auch das Alter bemerkbar. Er verliert die Zähne und erleidet 1915 einen leichten Schlaganfall.
Zwar werden vom Rat für die Vertretung Zieglers während der Krankheit und den Urlaub zwei Ratsbedienstete festgelegt, denen ist aber er Aufwand zu groß und Entschädigung zu gering. Doch der Rat beschließt dass „ die Vergütung bleibt. Da anderweitige Kräfte zum Blasen nicht zur Verfügung stehen, muß für die Kriegsdauer das Blasen unterbleiben. Am 30. Oktober 1916 wird die Türmerwohnung geräumt .Ziegler zieht nach den Tod seiner zweiten Frau zu einer Tochter und verstirbt dort am 1. Februar 1941. Bis zum 31.Oktober 1924 bleiben die Hausmannstürme verschlossen. An diesem Tag schließt der Leiter Willi Trensch mit Mitgliedern des Posaunenchores der Moritzkirche, die schwere Tür am Nordturm wieder auf. Sie wollen die alte Tradition des Blasens wieder aufleben lassen. Jeden Tag soll ein Chormitglied vom Turm einen Choral erklingen lassen. Andere Chöre schließen sich an. Leider wird die schöne Tradition durch den Krieg und andere Umstände wieder unterbrochen. Später unterbricht Baufälligkeit das Blasen. Die Bläser weichen auf den Balkon des Stadthauses aus. Nach der vollständigen Sanierung im Jahr 2000 sind die Türme wieder begehbar. Seitdem können wir uns an verschiedenen Wochentagen an den Chorälen der Bläsergruppen hallischer Kirchen wieder erfreuen.


Joachim Grothe

Verkürzt entnommen aus den Broschüren(vergriffen) EKKEHARD Familien-und regionalgeschichtliche Forschungen Heft 3 und 4 des Jahres 2011. Neu und erweitert in Vorbereitung



Vor einhundert Jahren ( oder „Türmergedenken“ oder eigener anderer Titel ! )

Wenn gelegentlich die Fenster der Hausmannstürme erleuchtet sind, dann zieht dort kein neuer Mieter oder gar Hausmann ein, sondern wird dort oben zum Lichterfest oder einer abendlichen Führung auch an die lange Tradition vieler ehemaliger Türmer gedacht.
Denn am 30.Oktober 1916, also genau vor einhundert Jahren, hat der letzte Wächter auf den Hausmannstürmen aus gesundheitlichen Gründen seinen Dienst als Hausmann aufgegeben und eine neue Wohnung in der Taubenstraße 9 bezogen. Über 30 Jahre hat Otto Ziegler treuen Dienstes aus 43 Meter Höhe die Häuser und Gebäude der Stadt auf Brandstellen überwacht. Er war nicht der Einzige, aber der Letzte seines Standes.
Als 1530 begonnen wurde die beiden kleinen Pfarrkirchen St. Gertrauden und St. Marien zu einer, der Kirche „Unser lieben Frauen“ umzubauen, erhielten auch die Türme der alten Marienkirche neue Kuppeln. 1551 wurden ihre Spitzen bis auf das Gesims abgebrochen, bekamen einen höheren, neuen achteckigen Aufsatz, in dem sich auch die Türmerstuben befanden. So entstanden die noch jetzigen zwiebeltürmigen Hauben mit je einer Laterne, in der die beiden Glocken hängen. Im Südturm hängt die 1569 gegossene Sturmglocke, die bei Feuer vom Hausmann angeschlagen wurde.
Der Nordturm trägt eine inschriftlose Nachschlagglocke, mit der nach dem Uhrschlag des Roten Turmes die Stundenzahl nachgeschlagen wurde.
Wann der erste Hausmann die neue Türmerwohnung bezogen hat, können wir nur aus Eintragungen, in den Kirchenbüchern vermuten. Mitglieder des Vereins „Hallesche Familienforscher Ekkehard“ fanden etliche Personen heraus, bei denen als Beruf Hausmann oder Türmer eingetragen war. So steht im Sterberegister von St. Moritz, dass der „gewesenen Hausmann ein„gewesener“ Hausmannes Lazarus Arndt, 1595 begraben wurde, der dann im Kirchenbuch Unser lieben Frauen bei der Trauung seiner Tochter als „Hausmann alhier“ genannt wird. Zeitmäßig könnte es wohl der erste Türmer gewesen sein. Das Sterberegister der Marktkirche enthält 1609 einen David Hermann, der 20 Jahre als Hausmann auf dem Schloss ( Moritzburg ) und danach acht Jahre „hier“ gewesen sei. Im Läuteregister der Marktkirche wurde für den 1617 verstorbenen Bartel Herman, „ Hausman auffm Dorm “ von seinen Angehörigen ein volles Geläut bestellt. Das Sterberegister belegt, dass ein Hausmanns auf den Turm Balthasar Bergmann mit seiner Frau und drei Kindern 1626 durch die Pest umgekommen ist. Seine Tochter Anna Bergmann überlebte und heiratete 1633 den Sohn des Hausmanns Bartholomäus Rühl. Oft ist die Nachfolge auch durch verwandtschaftliche Verbindungen entstanden. 1646 noch als Spielmann bezeichnet, wird ein Nicolaus Rühl bei der Taufe seines Sohnes 1649 in der Marktkirche als Türmer angegeben. Nicolaus hat folglich seines Vaters Platz als Türmer eingenommen. 1655 heiratet der Hausmann Sebastian Seetz die Witwe Elisabeth des Hans Ruff. Sie war wiederum die Tochter des Hausmanns Barthel Rühl, die in erster Ehe 1640 Hans Ruff heiratete. Aus den 1669 erschienenen Aktenordnern unseres Stadtarchives. können wir nun mehr über den Umfang der Arbeit und das Leben der folgenden f ü n f z e h n Türmer erfahren. Denn in einer Akte von 1676 des o.g. Hausmannes Seetz „ bittet er den hochwohllöblichen Magistrat um Auskunft, weshalb er seinen Dienst verlassen und die Türmerwohnung für seinen Nachfolger räumen soll? Den Grund dafür erfahren wir im Bewerbungsschreiben des bisherigen Stadtpfeifers Johann Zöllner : „..dem ist glaubwürdig hinterbracht, daß der itzige Hausmann eingens verhaltens halber bei jüngst entstandener Feuerbrunst abgestzt und die Stelle unbesetzt sei“. Im Juli 1676 unterschreibt Zöllner seinen Eid und die 15 Artikel enthaltende „ O r d n u n g u n d B e s t e l l u n g d e s H a u s m a n s D i e n s t e “
Hierin sind die Tätigkeiten, aber auch Verbote festgelegt. So „ sol der Hausmann vffs wenigste seine ordentliche wache selb dritte haltenn mit seinem weibe, vnd einem vertratem Knecht der mit blasenn Zyurlichen geshicktt, woll wachenn, sich mitt vleis vmbsehen kann, der soll auch voeeidett sein“. Weiterhin hat die Wache „ alle Zeit, ob bei Tag oder zur Nacht wenigstens einer von ihnen auf dem Gang oder aus dem Fenster zu sehen. Nach Schliesen bis zum Öffnen der Torglocken ist viertelstündlich ein Hornsignal zur Stadtwache abzugeben. Bei einem Feuer solle schleunigst die Sturmglocke angeschlagen, die Feuerfahne am Tage, die Leuchte in der Nacht in die Richtung gehalten werden, in der das Feuer ausgebrochen ist. Er und sein Gesinde haben zur Wache
„ sich keins mitt dem trunck vberladenn,noch voll sauffenn, woduch nichts vorschlafen nochvorlast wirdett,- ahne sonderlich erleubnis der herrenn, sal ehr nach sein gesinde zu keiner wirdsthafft noch anderer froligkkeitt pfeyfenn ader Trummetschlahen, sonndern seines dursts mitt vleis thun warttenn.“
Bis 1681 übte Zöllner seinen Dienst unbescholten aus, denn zu dieser Zeit wird im Taufregister der Marktkirche Bendix Springer als Hausmann genannt, der sich 1690 beim dem Rat „ für einen Feuerschaden, der durch sein verzögertes Stürmern an der Mühle entstanden ist, entschuldigt“. Der Magistrat reagiert - und bestellt im Juli 1690 den Kunstgeiger Zacharias Krüger zum neuen Türmer. Der muss 1719 nach 26 Dienstjahren durch einen„Schlagfuß“ (Schlaganfall) die Tätigkeit beenden. Immer wieder müssen nach unterschiedlich langen Dienstjahren die Türmer durch ihre Hilfswächtern ersetzt werden Der Stadtmusicus Johann David Weber 1752 nach über 30 jähriger Tätigkeit; Der Trompeter des Anhaltischen Regiments Johann Heinrich Körstedter 1654 nach zwei Jahren; Der Stadtmusicanten Michael Heinrich Lubrich 1766 nach 12 Jahren; der Erfurter Michael Heinrich Lohley1776 nach 10 Jahren; 1776 wird der 27- jähriger Stadtpfeifer Johann Adam Dittmar der neuer Türmer. Die tägliche Überwindung der 226 Stufen, die Entsorgung der täglichen „Abfälle“ , das ständige pünktliche Aufziehen der Turmuhr auf dem blauen – und der Glocke auf dem eigenen Turm, die Versorgung der Öfen mit Torfsteinen aus dem Keller der Hausmannstürme verlangen von den oft nicht mehr jungen Türmern körperlichen hohen Einsatz. So reicht nach 44 Dienstjahren auch der 71 jährige Dittmar am 23.Juni 1820 seinen Abschied ein. Als Nachfolger schlägt er den Waldhornisten Friedrich August Kitzler vor. Anfangs jung, energisch, wohl aber auch sich selbst überschätzend beginnt er mit viel Mühe seinen Dienst gewissenhaft auszuführen. Nach Jahren gerät jedoch auch Kitzler in Konflikte. Durch die Verschmutzung des Kirchendaches , - wegen verspäteten Anschlagen der Sturmglocke oder nachlässigen Blasen erhält er von den öffentlichen Ordnungshütern. Zahlreiche Strafanzeigen. die erst bei Androhungen der Haftstrafe Wirkung zeigen. Zermürbt verstirbt er im 48.Lebensjahr am 31.März 1839 in klinischer Behandlung an Auszehrung. Seine Frau mit Schwiegermutter übernehmen bis im Oktober 1839 die Vertretung. Der nachfolgende Trompeter Franz Dienst will nun besser als sein Vorgänger durchgreifen. Er verdient sich für sein Geschick technische Veränderungen vorzunehmen Anerkennung, die im Laufe der Zeit zu unberechtigten Vorrechten in der Öffentlichkeit und teilweisen Anzeigen durch Nachtwächter und Polizisten führen. Er reicht nach 13-jähriger Dienstzeit wegen körperlichen Beschwerden1852 ein Gesuch auf den Ruhestand ein. Ihm folgt der Polizei-Sergant Karl Eberhard Kießler. Zu diesem Zeitpunkt werden dem Türmer neue verantwortungsvoller Aufgaben auferlegt. Er soll jetzt die Gefährlichkeit der Brände einschätzen und das Anschlagen der Sturmglocke durch Rhythmus und Anschlagzahl verändern oder mit dem Sprachrohr einschränken. Seine gesundheits- und brandschutz- fördernden Maßnahmen auf den Türmen werden vom Magistrat abgelehnt. Er entschließt sich 1858 von der Spitze des Turmes in die Tiefe des Grabes zu steigen- und wird Totengräber auf dem Stadtgottesacker!
Für ihn zieht im März 1858 aus Erfurt Julius Kachel mit Frau und zwei Kindern in die Türmerwohnung ein. 22 Jahre hat er aufopferungsvoll seinen Dienst verrichtet und sich fürsorgliche auch für die Belange seines Hilfswächters eingesetzt. Aber Schwermut hat seine Gesundheit angegriffen. Als man ihn deshalb vom Turm nehmen wollte hat dies und der persönliche Kummer über den Selbstmord seines Sohnes ihm das Herz gebrochen. Am 3. Oktober 1880 stürzte er sich von der Galerie des Turmes. Für knapp zwei Jahre übernimmt ein Pentolf Brandt Kachels Aufgabe, ohne in der Türmerwohnung zu leben.Von Mitte 1881 bis Dezember 1885 belegt der ehemals als Trompeter gediente Hermann Heinicke die Stelle des Hausmanns. Seine Kündigung bewirkt eine Ausschreibung. Von 27 Militärangehörigen, die sich bewerben, kommen jedoch nur zwei in die Auswahl. Die aber verzichten nach der Besichtigung der Türmerwohnung auf die Stelle.
Da kommt dem Magistrat eine Nachfrage des Trompeters Gustav Otto Ziegler entgegen. Der 30- jährige bezieht zur Jahreswende 1885/86 mit seiner Frau und den drei Kindern die jeweils zwei ca. 20 qm. großen Turmzimmer. Nach Zeitungsberichten scheint sich die Familie in 45 Meter Höhe die wohlzufühlen, obwohl bei Wind und Schnee sicher der Weg vom Nordturm über die Brücke zur Schlafstube im Südturm nicht immer Freude bereitet hat. 1886 und 1887 vergrößert sich die Familie um weitere zwei Mädchen. Am 27.Januar 1899 ertönt bei dem Großbrand der Firma Lindner in der Steinstraße die Sturmglocke letztmalig. Eine telegrafische Verbindung übernmmt von jetzt ab die Alarmierung der Feuerwehr. Otto Ziegler kann sich nun voll seinen abendlichen und sonntäglichen Chorälen widmen. Doch das Schicksal geht oben an der Türmerfamile nicht vorüber. Am 25. September 1890 verstirbt seine 33-jährige Frau Henriette und lässt den Türmer mit seinen fünf Kindern allein auf dem Turm zurück. Er holt sich 1893 die ihm aus Genthin Bekannte Adolfine Koch mit ihren zwei Töchtern im Alter von 11 und 13 Jahren auf den Turm. Ab 1913 machen sich bei Otto Ziegler auch das Alter bemerkbar. Er verliert die Zähne und erleidet 1915 einen leichten Schlaganfall.
Zwar werden vom Rat für die Vertretung Zieglers während der Krankheit und den Urlaub zwei Ratsbedienstete festgelegt, denen ist aber er Aufwand zu groß und Entschädigung zu gering. Doch der Rat beschließt dass „ die Vergütung bleibt. Da anderweitige Kräfte zum Blasen nicht zur Verfügung stehen, muß für die Kriegsdauer das Blasen unterbleiben. Am 30. Oktober 1916 wird die Türmerwohnung geräumt .Ziegler zieht nach den Tod seiner zweiten Frau zu einer Tochter und verstirbt dort am 1. Februar 1941. Bis zum 31.Oktober 1924 bleiben die Hausmannstürme verschlossen. An diesem Tag schließt der Leiter Willi Trensch mit Mitgliedern des Posaunenchores der Moritzkirche, die schwere Tür am Nordturm wieder auf. Sie wollen die alte Tradition des Blasens wieder aufleben lassen. Jeden Tag soll ein Chormitglied vom Turm einen Choral erklingen lassen. Andere Chöre schließen sich an. Leider wird die schöne Tradition durch den Krieg und andere Umstände wieder unterbrochen. Später unterbricht Baufälligkeit das Blasen. Die Bläser weichen auf den Balkon des Stadthauses aus. Nach der vollständigen Sanierung im Jahr 2000 sind die Türme wieder begehbar. Seitdem können wir uns an verschiedenen Wochentagen an den Chorälen der Bläsergruppen hallischer Kirchen wieder erfreuen.


Joachim Grothe

Verkürzt entnommen aus den Broschüren(vergriffen) EKKEHARD Familien-und regionalgeschichtliche Forschungen Heft 3 und 4 des Jahres 2011. Neu und erweitert in Vorbereitung
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Verona Huth aus Halle (Saale) | 29.10.2016 | 23:06   Melden
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