Tori - Eine Lehrstunde

Sandy ist glücklich
 
Sophie versucht sich an den Hufen unter der Anleitung von Christian.
 
Auf in die Lunze
Blauer Himmel. Sonne lacht. Frühlingsduft liegt in der Luft. Der Weg zum Reiterhof beflügelt mein Gemüt. Heute ist ein Spaziergang mit Tori und ihrer Halbschwester Anouk angesagt. Ich bin mal wieder froh mit den Tieren arbeiten zu können, in diesem Falle mit großen Tieren, den Shire Horses.

Als erstes ziehe ich festes Schuhwerk an. Nachdem ich beim letzten Mal schmerzhafte Erfahrung mit Toris Hufen hatte und zwei blaue Zehen, ist das einfach eine Notwendigkeit. Die Pferde hat Christian, inzwischen schon an den Putzplatz geführt.

Die Besitzerin der beiden Shire Horses ist mit ihrer Tochter auch schon da und kümmert sich gleich um Anouk. Christian ist derweil mit Tori beschäftigt und ich bekomme erstmal eine gehörige Portion Anatomieunterricht. Beide Pferde haben denselben Erzeuger, aber unterschiedliche Mütter und das sieht man auch an den Tieren selbst. Sandy sagt mir gerade, dass Christian und sie meinen, Tori sieht aus wie zusammengesteckt. Ich schaue etwas verwirrt und weiß nicht so recht, was sie meint. Schon ist Christian in seinem Element. Ruhig und sachlich stellt er mich vor Anouk, schiebt das Pferd so, dass es quer zu mir steht und fordert mich auf, die Linienführung vom Pferdehals bis zur Kruppe zu betrachten. Er teilt das Pferd in Vorderhand, Mittelhand und Hinterhand und fährt mit seiner Hand die Linien ab. Dann machen wir das Gleiche mit Tori und langsam dämmert mir, was er meint. Tori hat eine mächtige Vorderhand, der große Kopf, der stark ausgebildete Hals und der tiefe Rumpf. Dann kommt der Rücken, dessen Linienführung nicht so schwungvoll wie bei Anouk ist. Tori hat einfach nicht die erforderliche Muskelmasse in der Hinterhand. „Da kommen noch gut 200 kg Masse dazu“, meint Christian schlicht. Irgendwie passt das riesige Vorderteil nicht zum Hinterteil. Es sieht aus, als ob da alles etwas kleiner ist. Anouk wirkt dagegen kompakt und auch ihr „Hintern“ hat eine schöne Wölbung.

Sandy macht mich noch auf einen anderen Umstand aufmerksam. Sie versucht Anouk an der Brust zu umarmen, was schlichtweg unmöglich ist, da die Stute eine breite Brust hat. Bei Tori ist das trotz des massigen Halses schon besser möglich, die Brust ist einfach schmaler, obwohl sie mit 1,83 m die Größere von Beiden ist.
Die Stuten haben eine schöne weiße Blesse, die eine nach links zur Schnauze, die andere nach rechts. Sandy zeigt mir das Bild ihres gemeinsamen Vaters, ein wirklich kompakter, schöner Hengst namens Frettholt´s Joseph. Demnächst soll Anouk gedeckt werden und der zukünftige Vater ist aus der Blutlinie des Hengstes, der Anouk und Tori zeugte. Sandy ist da sehr wählerisch. „Ich möchte kein überzüchtetes Shire Horse, sondern den Urtyp, oder zumindest soll es so nah dran sein, wie möglich. Eine überbaute Hinterhand schadet letztendlich dem Knochenbau.“ Ich fange langsam an ihre Beweggründe zu begreifen und merke wie viel ich noch lernen muss.

Die Besitzerin ärgert sich, wenn jemand behauptet, Anouk sei kein richtiges Shire Horse, weil sie mit 1,76 m Widerrist zu klein ist. Leider werden Shire Horses oft nur auf Größe gezüchtet, aber die Masse fehlt. „Dadurch sehen sie aus wie zu groß geratene Warmblüter mit Fusseln an den Füßen.“ Eine andere Pferdebekannte meinte gar, es sei nicht ratsam Shires in eine Herde zu stellen, da die Tiere rabiat seien und das wäre den anderen Pferden gegenüber unfair. „Die Leute sollen sich erstmal mit diesen Tieren beschäftigen, eine Meinung kann man leicht haben, um aber etwas zu wissen, gehört Mühe, denn Shires haben einen sehr sanften Charakter.“, äußert sie dann ihren Unmut.
Nach dem Anatomieunterricht gibt es kaum eine Verschnaufpause und Christian erklärt mir die Grundlagen der Fellpflege und den Einsatz der unterschiedlichsten Bürsten. Die Hufe von Tori schauen wir uns genauer an. Diese sind nicht geschlossen, wie man sagt, sondern sehen ausgelatscht und zerfranzt aus. Ein Strahl ist nicht mehr erkennbar und die Form gleicht einem zerlaufenen Eierkuchen. Da Tori noch arge Schwierigkeiten hat auf drei Beinen zu stehen, dauert die Hufbearbeitung dementsprechend lang. Christian wird dies in Zukunft und in regelmäßigen Abständen selber vornehmen müssen.

Sandy wird gleich darauf zur Pferdelehrerin und erzählt mir einiges über den Behang, wo ich abtasten und kontrollieren muss, ob keine Verletzungen oder Schorfränder da sind. Auch dem Schweif schenkt sie gehörige Aufmerksamkeit. „Vor dem Kauf eines Pferdes bin ich mir über die finanzielle Belastung und die Zeit zum Pflegen klar“, bemerkt Sandy, als sie meinen Blick sieht. Ich kenne sie und auch ihre Gewissensbisse, wenn sie mal mehrere Tage nichts für die Beiden tun kann. Ich muss noch viel über Pferde lernen und das beginnt mit dem Kennenlernen der Pferdekörpersprache. Die Shire Horses haben einen in der Literatur beschriebenen sanften Charakter, aber auch durchaus ihren eigenen Kopf, der sie unterscheidbar macht.

Sandy versucht beide Pferde mit bestimmten Sprachlauten beim folgenden Spaziergang zu dirigieren und schon geht die Lehrstunde weiter: Wie führe ich ein Pferd durch das Gelände und was mache ich, wenn das Pferd seinen Kopf durchsetzen will. Da ist der Umstand das Anouk versucht an den Bäumen zu knabbern. Christian ermahnt Anouk, zieht einen Moment an dem Führstrick, belobigt sie aber, als sie weitergeht. „Du musst sofort, wenn du bemerkst, dass das Pferd sich zum Baum hochreckt, darauf reagieren. Ansonsten hast du verloren und sie gewöhnt sich daran“, kommentiert Sandy die Szene. Sie zeigt mir die Funktion des Führstricks. Kommt Tori zu nahe, hebt sie die Führhand, schwingt sie den Strick nach links und nach rechts. Wenn sie dann noch immer nicht reagiert, wird der Strick im Kreis vor Toris Kopf geschwungen. Damit setzt sie dem Pferd klare Signale. Mir wird klar, dass pferdisch denken zwar anstrengend, aber auf die Dauer lohnend ist.
Wir machen eine Pause, die Pferde grasen und die beiden Halbschwestern haben so die Ruhe sich aneinander zu gewöhnen, was für Sandy das oberste Ziel ist. Für sie ist auch wichtig, ihre Aufmerksamkeit an beide gleichmäßig zu verteilen, was sicherlich nicht immer einfach ist.

Ich kann während der Pause in Ruhe fotografieren, um das Ganze zu dokumentieren. Ich lege mich zwar dabei in die Brennnessel und meine Hand wird rot. Das ist aber im Endeffekt nicht so schlimm, hat doch der Tag mir viel beigebracht, sodass ich mich bei den Pferden nicht in die Nesseln setzen kann. „Pferde halten viel aus, sind robust, aber ihre Seele kann man schnell und dann auch nachhaltig verletzen“, sagt Sandy und schaut sinnierend in die Ferne.
Nun ja, bei manchen Menschen ist das ebenfalls so, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Wir gehen bald darauf wieder zurück und ich bemerke ein Lächeln auf Sandys Lippen. Ich frage sie nach dem Grund und sagt sie nicht ohne Stolz: „Tori ist jetzt vier Wochen bei uns, erholt sich prächtig und auch ihre festgewachsenen Dreckklumpen (s. Tori’s Ankunft) fallen ab und wachsen raus. Als ich das erste Mal diesen Weg ging, war sie fix und fertig und jetzt …“ Als ob Tori versteht, was sie meint, läuft sie plötzlich schneller, sodass wir Mühe haben, ihr zu folgen. „Ihre Leitstute (Anouk) ist um die Ecke gebogen, die will sie nicht verlieren“, meint Sandy und nimmt ebenfalls Fahrt auf. Mir bleibt nichts weiter übrig, als meiner Pferdelehrerin zu folgen und ich spüre die freudigen Emotionen in ihrer Stimme. Ein Tag mit Mühen, ein Tag, der sich gelohnt hat, für Tier und Mensch.
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